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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-27 · Heft 52 (27.12.1907) · p. Seite 619

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
Seite 619 (sequence 7)
Language
German
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Was das Verhältnis des Liberalismus im Judentum zur Taufe anbetrifft, so möge sich die Orthodoxie von einem christlichen Missionsblatt belehren lassen, in welchem es heißt, „daß das Bekehrungsgeschäft seit dem Aufkommen des Reformjudentums schlechter geworden sei". Aus der bitteren Notwendigkeit der Zeit entstand im vorigen Jahrhundert das liberale Judentum, weil das orthodoxe Judentum seine Kinder nicht festhalten konnte, weil die Jugend der Orthodoxie und somit, da es nur ein orthodoxes Judentum gab, dem Judentum entlief, so wie sie gebildet geworden war. Damals kamen die liberalen Rabbiner zusammen und sprachen: So kann es nicht weiter gehen! Und sie schufen für die Tausende, für die Huuderttausende, die sich vom orthodoxen Glauben und Leben nicht festhalten ließen, das liberale Judentum; schufen es nicht nach Willkür, sondern aus der tiefen wissenschaftlichen Erkenntnis des Wesens des Judentums heraus; schufen kein neues, sondern gruben aus dem Schutt und Geröll der finsteren Jahrhunderte das uralte verschüttete prophetische Judentum in all seiner funkelnden Herrlichkeit heraus, das Judentum, von dein Mose sagen konnte: „Es ist eure Weisheit und eure Bedeutung in den Augen der Völker." Dieses liberale Judentum hat bei beit Frankfurter Gemeindewahlen gesiegt, und hoffentlich wird dieser Sieg das Signal sein zu einem neuen Erwachen des liberalen Judentums in Deutschland. Nkbktcka und Kgulikag. Von Dr. M. Güdemann. ie Ueberschrift enthält die Namen zweier Mädchengestalten des hohen Altertums — die Erzmutter ist in dieser Betrachtung noch Mädchen — die vielleicht noch nie in einem Atem genannt, geschweige schriftlich zum Zwecke der Vergleichung ihrer Trägerinnen zusaunnengestellt worden sind. Mir ist wenigstens nichts davon bekannt. Es wäre auch nicht zum Verwundern, wenn es sich so verhielte, denn sie gehören ganz verschiedenen und weit voneinander entlegcneir Kultur- und Literaturkreisen an. Rebekka ziert die Bibel und Nausikaa die Odyssee. Das ist aber nicht zu leugnen, daß Nnusitaa in der Schilderung Homers uns ebenso durch ihre jungfräuliche Schönheit, Anmut und Klugheit bezaubert, wie Rebekka durch die gleichen Eigenschaften in der Darstellung der Bibel. Nausikaa darf sich also wohl neben Rebekka sehen lassen, und es geschieht der letzteren durch die Zusammenstellung mit der Tochter des Phüakenkönigs keine llnehre. Gleichwohl würde mich die Uebereinstiminnng der beiden Jungfrauen in ihren persönlichen Eigenschaften nicht zu dieser Zusammenstellung bewogen haben. Es gibt noch andere Jungfrauen in der Geschichte'Israels wie in der Geschichte der Menschheit, die an Liebreiz und Verständigkeit Rebekka gewiß nicht nachstehen, aber wenn man nicht gerade eine Galerie berühmter Jungfrauen, in die sie ohne Frage gehören, zusammenstelleu will (ivas ich durchaus nicht zu tun beabsichtige), so besteht sonst keine Beziehung zwischen ihnen und Rebekka. Wohl ist dies aber mit Nausikaa der Fall. Natürlich ist nicht au persönliche Beziehungen zu denken, aber der szenische Aufriß, von dem die eine wie die andere sich abhebt, bietet zahlreiche, zum Teil merkwürdige Vcrgleichuugspunktc, die schon um ihrer selbst willen eine Untersuchung verdienen. Ueberdies bietet sich dadurch Gelegenheit, die Berschiedenheit des Müdchenideals bei den Israeliten und Griechen, sowie der religiösen und sozialen Anschauungen, in deren Mitte es gestellt und von denen es bestiinmt ist, kennen zu lernen. I. Wir machen die Bekanntschaft beider Mädchen am Wasser. Rebekka, „überaus schön anzusehen", wie die Bibel sagt, erscheint gegen Abend, „wenn die Wasserschöpferinuen herauskommen", mit dem Kruge auf der Schulter an dem vor der Stadt gelegenen Brunnen, nur auch ihrerseits Wasser zu holen. Nausikaa, „an Wuchs und reizender Bildung einer Unsterblichen gleich", wie Homer im sechsten Gesänge der Odyssee in der Boßschen Uebersetzung von ihr sagt, befindet sich in Begleitung dienender Jungfrauen an einer der Waschgruben l des außerhalb der Hauptstadt Scheria gelegenen Stroms, um Wüsche zu waschen. Sie hat es sehr dringend mit diesem Geschäft, denn sic sagt zu ihrem königlichen Vater, den sie um Fuhrwerk zuiu Hinausschaffen der Wäsche bittet: „Nor tiüenr geziemt es den König, Dazusitzeu im Rate, geschmückt mit sauberen Kleidern, Und. fünf Söhne zugleich sind Dir im Pataste geboren, Die nun wollen beständig in neugewaschener Kleidung Gehen zum Neigentanz, und es kommt doch alles auf euch an." Der Schluß der wortreichen Ansprache — so reden alle bei Homer auf Grund der epischeu Breite, deren sich in der biblischen Erzählung nur Elieser bedient — offenbart den wirtschaftlichen Sinn Nausikaas. Sie ist die gute Haustochter. Rebekka ist in ihren Reden „kurz angebunden", wie Faust von Gretchen sagt, doch keineswegs in der schnippischen Bedeutung dieser Worte. Daß sie in der Hauswirtschaft Bescheid weiß und sich ihrer eifrig annimmt, beweist sie, ohne sich dessen zu rühmen, durch die Tat. Sie versorgt das Haus mit Trinkwasser, reicht dem fremden Mann auf seine Bitte den Krug, tränkt auch freiwillig seine Kamele und zeigt sich auf dem Fleck orientiert über den Vorrat au Stroh und Futter, sowie über die Rätuulichkeiten im Vaterhause, die sie dem fremden Mann auf seine Frage nach dem Quartier zur Verfügung stellt. Dieser fremde Mann ist bei Rebekka Und auch bei Nausikaa die eigentliche, aber ihnen unbewußte Veranlassung ihres Erscheinens an dem Orte, an dein sie mit ihn: Zusammentreffen. Bei der ersteren lernen wir in ihm Elieser kennen, oder kennen ihn vielmehr schon, noch bevor Rebekka erscheint. Bei der letzteren enthüllt er sich uns erst jetzt bei den Waschgruben in der Person des Odysseus. Das Zusammentreffen ist keineswegs zufällig, sondern göttliche Veranstaltung. Weshalb Rebekka, die gewiß auch sonst täglich Wasser holt, heute dieses Geschäft unbedingt oerrichten muß, ist aus der biblischen Erzählung bekannt. Elieser, der eine Frau für Jsak silcht, hat mit Gott ein Zeichen verabredet, woran er das für diesen Zweck passende Mädchen zu erkennen vermöge. Das Mädchen, das auf seine Bitte um einen Trunk Wasser aus ihrem Kruge sich freiwillig erbietet, auch seine Kamele zu tränken, solle die von Gott für Jsak bestimmte Gattin sein. Der Vorgang vollzieht sich ganz nach dem Wunsche Eliesers, und wir dürfen der Verlobung entgegensetzen. Bei Nausikaa handelt es sich nicht um ihre Verlobung, dennoch bringt auch bei ihr das Eingreifen der Gottheit die Begegnung mit einem fremden Manne zuwege. Dem geistig so verschlagenen Odysseus ist nämlich das Unglück begegnet, auch körperlich verschlagen zu werden. Er hat Schiffbruch gelitten und liegt nun nackt und hilflos unter abgefallenem Laub bei den Waschgruben vor der Phäakenstadt Scheria. Seine Retterin soll Nausikaa werden, deshalb gibt ihr sein

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