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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-27 · Heft 52 (27.12.1907) · p. Seite 618

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
Seite 618 (sequence 6)
Language
German
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Beteiligung an diesem fakultativen Religionsunterricht worin sechs Jahren von 40 Prozent ans 95 Prozent gestiegen. Der modern eingerichtete, abwechselnd am Freitagabend und Sabbatnachmittag in der Hauptsynagoge stattfindende Jugendgottesdienst übte eine immer wachsende Anziehungskraft auf die Jugend; die Synagoge war bei jedem Jugendgottesdienst in der letzten Zeit fast stets bis auf den letzten Platz gefüllt. Der neue Filialgottesdienst in der Kaiserstraße an den hohen Festtagen, nach dessen Vorbild der Gottesdienst in der Westendshnagoge eingerichtet werden sollte, war aus Kreisen besucht, die zum Teil bis dahin niemals oder seit Jahrzehnten nicht mehr an einem jüdischen Gottesdienst teilgenommen hatten und übte durch die moderne Gestaltung der Liturgie, durch den breiten Raum, der der deutschen Gebetsprache eingeräumt wurde, eine sich stets gleichbleibende hohe Wirkung aus die Besucher aus. Eine andachtsvolle Weihe, wie sie bis dahin noch nicht gesehen wurde, herrschte in der neuen Gemeinde. Und jetzt war dieses mühsame Werk, welches die Zukunft des liberalen Judentums geradezu sicher verbürgte, durch die! unverständliche Haltung des konservativen Wahlvereins und j seiner Kandidaten schwer gefährdet. Anstatt sich des neuen Aufschwungs, den das liberale Judentum genommen, im Interesse des Gesamtjudentums herzlich zu freuen, trat man den liberalen Bestrebungen mit schroffer Feindseligkeit entgegen. Mit welchem Rechte? Den Gottesdienst in der Hauptsynagoge mit Orgel und Chorgesang, mit vielfach deutschen Gebeten wollte man gelten lassen, aber den neuen Gottesdienst, der sich von dem der.Hauptsynagoge nur dadurch unterscheidet, daß — unter Beibehaltung aller Hauptgebete in hebräischer Sprache -- dein deutschen Gebet nur ein größerer Raum zugestanden wird, nannte man eine „uferlose Reformpolitik". Entweder man stellt sich auf den Standpunkt des strengtraditionellen Judentums und perhorresziert von diesen: Standpunkt aus Orgel und Chorgesanch jedes deutsche Wort im Gottesdienste, jede Streichung eines Piut, jedes Aufgeben eines Minhag, wie es der Hamburger Synagogenverband in seinem Statut vou 1868 mit anerkennenswerter Konsequenz tut.1) Dann müßte man freilich auch die deutsche Predigt und den Talar des Rabbiners und noch manches andere-) als Chukkos haggojim perhorresziereu. Oder man erkennt die Berechtigung liberaler Forderungen an; dann muß man der liberalen Gemeinde und ihren berufenen Führern die Entscheidung über das zur Erhaltung und Stärkung des liberalen Judentums ihnen notwendig Erscheinende überlassen. Ebenso wie der liberale Gemeindeausschuß seit Bestehen der beiden Gemeindesynagogen jeden: Wunsche, jeder Forderung der konservativen Richtung mit rückhaltlosester Bereitwilligkeit zu jeder Zeit nachgekommen ist, ebenso mußte ein orthodoxer Ausschuß auf die Bedingung eingehen, „berechtigten liberalen Forderungen nicht entgegenzutreten, durch deren Erfüllung die Interessen der konservativen Gemeindeangehörigen nicht berührt würden". h Ter 8 10 dieseö Statuts lautet nämlich: „Der in beiden Gemeinde-Synagogen stattsindende Gottesdienst ist in allen seinen Teilen in herkömmlicher Weise gemäß 8 2 (das heißt nach Maßgabe des schriftlichen und mündlichen Gesetzes der rabbinischen Kodices Scliulchan Arucli) zu erhalten und darf niemals, weder in den Gebeten und Piutim, noch in den Vorlesungen der Thora und Haphtora, so ane in irgend einem zu Recht bestehenden Minhag, eine Verändern na vorgenorumen werden. -) Von einem altfrankfurter Orthodoxen wird eine von seinem Standpunkt ans nicht ganz unberechtigte Aeußerung kolportiert: Synagogenordnung ist auch Chukkos haggojim." Nur auf dieser Basis ist ein friedliches Zusammenwirken möglich. Nur auf dieser unerschütterlichen Grundlage ruht die Lebensfähigkeit einer einheitlichen Gemeindeverwaltung mit zwei religiösen Richtungen. Wo die eine Richtung aber der andern ihre selbständige Entwicklung erschwert oder unmöglich macht, wo die eine Richtung dasjenige, was der andern als das einzig wirksame Mittel der Erhaltung des Judentums erscheint, als „Abfall vom Judentum", als „Erschütterung der Grundfesten des Judentums", bezeichnet, ivie soll es da zu einer Verständigung kommen? Nun hat freilich die orthodoxe Richtung die Berechtigung ihres Widerstandes gegen die liberalen Forderungen dadurch zu begründen versucht und damit ihren Haupttrumps ausgespielt, daß sie dem liberalen Judentum, dem Reformjndentum, wie sie es nennt, den bösen Vorwurf entgegenschleudert, daß es die Vorstufe zum Abfall sei. Aber noch nie in der Welt ist eine handgreifliche Unwahrheit mit keckerer Stirn ausgesprochen und so oft wiederholt worden, daß,schließlich die Verbreiter beinahe selbst daran glauben. Wie steht die Sache in Wirklichkeit? Als der Abfall zuerst anfing, in unseren Reihen zu wüten, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts, war damals auch das Reformjudentuin schuld daran? Damals gab es noch gar kein liberales Judentum. Die damals abfielen, waren die ausgeklürten Söhne und Töchter der Orthodoxie. Die alte Orthodoxie konnte sie nicht halten. Sie fühlten sich heimatlos bei ihr. Tausende sind so von dem alten Judentum abgefallen, weil cs noch kein anderes gab; die besten Namen sind darunter. Sie konnten und wollten mit ihrer modernen Weltanschauung nicht in den alten engen Gedankenkreisen stehen bleiben. Sie fühlten sich mit ihrer Bildung, ihrem ästhetischen Feingefühl, ihrem erwachten wissenschaftlichen Sinne, ihrem sozialen Zusammenleben mit den Besten des deutschen Volkes nicht mehr zu Hanse in dem altorthodoxen Judentum. Man hat sie verketzert, wenn sie ein deutsches Blich lasen, man hat sie bei der Regierung denlmziert, wenn sie delltsch predigen taffen wollten. Und man hat es lvirklich durchgesctzt, daß von Staats wegen dem Judentuin in Preußen verboten wurde, sich zu refornrieren. Die Regierung war die Helfershelserin der Orthodoxie, lveil sie überzeugt davon war, durch Verhinderung der Reforin die Taufe zu fördern. Die Juden mußten fast bis zur Hälfte des vorigen Jahrhunderts Gottes Wort im Jargon anhören, damit die Gebildeten davon angeekelt würden.'» Die erste Taufperiode deckt sich mit der Regierungszeit Friedrich Wilhelm III., während derer die religiöse Refornr von obeil herab unterdrückt wurde. Die zweite Taufperiode begann mit der Hochflut der antisemitischen Bewegung und hat ganz andere Gründe als den Liberalismus im Judentum. Möge doch die Orthodoxie, ehe sie solche Vorwürfe erhebt, an ihre Michael Bernays, Selig Cassel, Frensdorfs und zahllose andere denken!») Nicht infolge der liberalen Neugestaltung des Judentums, sondern trotz ihrer hörten die Taufen nicht auf, weil die Nützlichkeitsmoral bei den Menscheil, wie sie nun einmal sind, vielfach über die Sitttichkeitsmoral den Sieg davon trägt. ') Vergleiche hierzu und zum folgenden Samter, Jndentaufen pag. 29, 30 und 7-1. 2) Und wie steht es mit dem Judentum in Ländern, in denen es offiziell nur ein orthodoxes und kein Reformjndentum gibt, in Italien, Frankreich usw.! Dagegen schaue man auf das kraftvoll sich entwickelnde amerikanische Judentum!

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