Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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617' Begründet wurde die Wahl des Platzes nach der Vorlage des Vorstandes seitens des Komitees lediglich damit, daß jenseits des Schulhauses sich Moses Mendelssohns letzte Ruhestätte befindet. Aber dann wäre es doch am Ende folgerichtiger, das Denkmal am Orte der Ruhestätte selbst zu errichten. Man sagte, die Repräsentantenversammlung habe ebensowenig wie der Vorstand in eine Prüfung der Frage einzutreten, ob der Platz für den gewollten Zweck geeignet sei oder nicht, sondern ihn einfach dem Komitee zu überlassen. Das heißt aber denn doch, die Kritiklosigkeit zuin System erheben. Für den Gedanken, die Denkmalsetzung für Moses Mendelssohn zu einer allgemeinen Lind nicht ausschließlich jüdischen Sache zu inachen, zeigte sich keine Neigung. Das Denkmal soll also nicht nur von Juden ausgehen, sondern auch nur für Juden sein, und so isoliert man sich ohne Not, aber so tapfer, daß man aus Furcht vor einem Mißlingen sich scheut, auch mir einen Versuch in anderer Richtung zu machen. Man sollte aber doch einsehen, daß das Odimn der Ablehnung nicht auf uns fiele, sondern auf diejenigen, die darüber zu bestimmen haben. Eine andere Motivierung für die Zustimmung zu der Wahl des Platzes lautete: er entspreche der Bescheidenheit des Mannes. Freilich war auch dieser Moses ein sehr bescheidener Mann, und es ist möglich, daß er den Gedanken, ihm solle einst ein Denkmal gesetzt werden, weit von sich gewiesen hätte. Aber wenn er wüßte, daß er diesem Schicksal doch nicht entgehe, und heute zu uns reden könnte, so würde er vielleicht sagen: „Seht, im Leben habe ich überall Schranken um mich her aufgerichtet gefunden, die meine Glieder beschwerten, meinen Schritt hemmten, meinen Blick einengten. Die bürgerliche Unterdrückung, so schrieb ich am 80. Mai 1762 an Freund Jsselin, zu welcher uns ein zu sehr eingerissenes Vorurteil verdammt, liegt wie eine tote Last auf den Schwingen des Geistes und inacht sie unfähig, den hohen Flug des Freigeborenen jemals zu versuchen. Wollt ihr also meinem Andenken eine Bildsäule weihen, so stellt sie nicht in enge Gassen zwischen Mauern oder gar in den Winkel, sondern so, daß der Blick frei in die Welt schweifen kann; denn das mußte ich im Leben entbehren und meine Sehnsucht mußte ungestillt bleiben." Ueberdies ist es mit der Bescheidenheit eine eigene Sache; sie mag den zieren, der sie besitzt, aber für andere, die man verehrt, Bescheidenheit üben, das scheint mir eine Tugend von zweifelhaftem Wert zu sein.. So dachte wohl auch Moses Mendelssohn; denn er macht Deutschland zum Vorwurf, - der ja heutzutage nicht mehr gelten wird — daß eS den Wert seiner großen Geister nicht zu schätzen wisse, und exemplifiziert ans den „Pomp, die fast königlichen Ehrenbezeugungen, mit denen Newtons Leichnam beigelegt worden sei", während „der wenigstens ebenso große Leibniz . . . nicht würdiger beerdigt ward, als der schlechteste Einwohner einer Stadt, dessen Verlust man nicht weiter verspürt als an dem Tische, wo er gegessen hat". Und sin Andenken an den Grafen Wilhelm von Schaumburg-Lippe, mit dem er so glückliche Tage in Pyrmont verlebte, schreibt er: „Und dieser in aller Betrachtung wichtige Mann stirbt in Deutschland hin, ohne daß inan seinem Andenken ein Denkmal stiftet." Auch die rein ästhetischen Bedenken sind gewichtig genug. Freilich gehört dem Komitee ein großer Künstler an, vor dessen Autorität sich jedermann gern beugt, aber aus die Frage, ob dieser wirklich erklärt habe, daß sich im Vorgarten des Schulhauses, gegenüber einem alten Gebäude, ein künstlerisch schönes Denkmal wirksam ausstellen lasse, ist eine Antwort nicht erteilt werden. Sehen würde man das Denkmal erst, wenn mau dicht davor stünde. Die Hauptsache aber ist, und das ist mein Ceterum censeo, man solle die Denkmalsetzung für Moses Mendelssohn nicht als eine ausschließlich jüdische Sache behandeln, so lange inan nicht alles versucht hat, sie zu einer allgemeinen zu machen. Berlin, 16. Dezember 1907. Die jfrmikkurter Grmkindrlvichlrn und ihre Lkdrutung kür das liberale Judentum. Von Dr. C. Seligmann, Rabbiner in Frankfurt a. Ai. m 12. d. M. fanden hier, wie bereits milgeteilt, die Ergänzungswahlen zum Ausschuß der israelitischen Gemeinde statt. Diese Wahlen beanspruchen ein weit über das Lokale hinausgehendes allgemeines Interesse; denn es handelte sich bei dem Wahlkampf um Sein oder Nichtseiil des religiösen Liberalismus in Frankfurt, mir Sieg oder Niederlage der liberalen Forderungen, die iinmer dringender und unabweisbarer an die Pforten der Gegenwart pochen. Der Wahlkanipf endigte mit denk glänzenden Siege der Liberalen. Die drei Kandidaten des orthodoxen Zentralvereins, dem die zionistische Vereinigung Heeresfolge leistete, vereinigteil auf sich zusammen 4184 Stiininen, die drei Kandidaten des freisinnigen Vereins für jüdisches Gemeindeleben erhielten zusammen 7191 Stimmen. Ueber sechzig Prozent der Wahlberechtigten gaben ihre Stimmen ab, eine Beteiligung, ivie sie in Frankflirt liienials zuvor auch nur annähernd erreicht wurde. Am Wahltag herrschte, so schreibt die „Frankfurter Zeitung", „ein Leben lind Treiben wie zu Zeiten erregter politischer Wählen, es fehlte selbst nicht an Automobilen, um Säumige zur Urne zu bringen". Mit einer Opserwilligkeit und Hingebung ohnegleichen hatteri junge Kaufleute, Aerzte, Juristen und andere Tag und Nacht hindurch, unter Hintansetzung ihres Berufes, gearbeitet, um die Teilnahmlosen aufzurütteln. Widerstrebende zu gewinnen, die Pessimisten mit sortzureißen. Junge Damen stellten ihre Kraft und Zeit der liberalen Bewegung zur Verfügung. Der religiöse Freisinn erwachte zu kraftvollem Leben. Aus jahrzehntelangem Jndifferentismus raffte er sich zum erstenmal wieder aus zu einer imposanten Machtentfältung, um die Herrschaft der Orthodoxie, unter die er sich beugen wollte, abzuschütteln. Einst die stolze Hochburg des liberalen Jlldeiltums in Deutschland, getragen und verkörpert von Namen wie Leopold Stein, Geiger, Brüll, Creizenach, Jost, Stern, Jakob Auerbach, war die seit hundert Jahren freisinnige Gemeinde in Gefahr, ill orthodoxes Fahrwasser zu kommen. Jnl Ausschuß besaß die Orthodoxie bereits die Mehrheit. Die neuen Kandidaten des Zentralvereins erklärten sich offen gegen den geplanten neuen Gottesdienst in der zu errichtenden Westendsynagoge. Ein Sieg der Orthodoxie bedeutete die Knebelung liberaler Forderungen, die Unterdrückung des nenerwachenden liberalen Lebens in der Gemeinde. Unermüdlich und zielbewußt hatten ein paar führende Männer der Gemeinde seit Jahren mit aller Hingebung und Begeisterung an der Ueberwindung des Jndifferentismus im liberalen Lager gearbeitet. In allen öffentlichen lind Privatschulen war der Religionsunterricht zu gleicher Stunde mit dem Religionsunterricht der anderen Konfessionell von der Stadt- und Gemeindeverwaltung eingerichtet, die Jugend, die Zukunft des Judentums war gelvonnen. Die litt