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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-27 · Heft 52 (27.12.1907) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 52 (27.12.1907)
Date
1907-12-27
Page
Seite 615 (sequence 3)
Language
German
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615 Ruskah-New Aork. Indern wir aller dieser Dahingeschiedenen in Treue.gedenken, soll es unsere Aufgabe bleiben, uns ihrer würdig zu zeigen und das junge Geschlecht der Zukunft zur Nachfolge in den Werken des Geistes und der Liebe, die sie geübt, zu erziehen. & Wir haben schon in der vorigen Woche anläßlich der statistischen Ungeheuerlichkeiten, die der Abgeordnete Raab im Reichstag zum besten gab, um die Juden des „unlauteren Wettbewerbs" zu überführen, unsere lebhaften Zweifel an der Richtigkeit dieser Zahlengruppierung ausgesprochen. Herr Raab wollte den Reichstag davon überzeugen, daß bei den Juden bestimmte Vergehen bedeutend häufiger seien als bei den Nichtjuden. Betrügerischer Bankrott kam in dem von der Statistik verfaßten Zeitraum 1714 mal vor: „nach der Kopfzahl", so sagte der antisemitische Abgeordnete, dürften unter dieser Zahl 20 Juden sein, tatsächlich aber waren darunter 191 Juden. Wegen einfachen Bankrotts hätten bestraft werden dürfen 65 Juden, tatsächlich wurden bestraft 1116 Juden. Dieser „Tätigkeit des Judentums im Geschäftsleben" stellte Raab die „deutsche Auffassung von Trell und Glauben" gegenüber, die geschützt werden müsse gegen solche verderbliche Einflüsse. Diese Statistik sagt mm aber ausdrücklich, was der antisemitische Redner wohlweislich verschwiegen hat, daß hier, wo es sich um Vergehungen handelt, die sich nur im Handel und Industrie finden, auch nur die Ziffern der Handel- und Jndustrietreibenden, und nicht die einfachen Bevölkerungszahlen, herangezogen werden dürfen. Durch die hohe Beteiligung am Handelsstand wird die höhere Ziffer der Juden ohne weiteres erklärlich. Es wurde aber in der Statistik noch ausdrücklich angeführt, daß die Zahl der Konkurse in den verschiedenen preußischen Provinzen und den deutschen Bundesstaaten überall am höchsten ist, wo der Handel am verbreitetsten ist, auch wenn diese Bezirke, wie znm Beispiel die Provinz Sachsen, ganz judenrein sind. Das alles hat Herr Raab natürlich nicht mit erwähnt und dadurch am besten die deutsche Treue und Ehrlichkeit charakterisiert, wie sie die Antisemiten" verstehen. Unter dem Titel: ,,Plehwe redivius'* schreibt man der „N. I. C." aus Petersburg folgendes: Man könnte fast an Seelenwanderung glauben, wenn man sieht, wie in Herrn Stolypin, unserem Premierminister, der Geist Plehwes, unseligen Angedenkens, wieder lebendig wird. Alles, was seit dem Tode dieses Diktators den Juden an „Erleichterungen" gewährt worden war, und was die nun so rühmlos beendete russische Revolution der Regierung abtrotzte — das alles nimmt die Regierung nun in immer schnelleren Zügen wieder zurück. Alle jene Staatsbeschlüsse, die zuungunsten der Juden lauten und deren Ausführung zeitweilig sistiert worden war, werden nun rücksichtslos angewendet. Dazu ist den^Juden noch ein sehr bedeutsames Recht neu genommen worden. Während bisher die Kaufleute I. Gilde im Wohnrecht und im Recht, ihre Geschäfte zu betreiben, völlig unbeschränkt waren, ist nun den jüdischen Kaufleuten I. Gilde, die nicht in Moskau wohnen, verboten worden, in dieser Stadt Geschäfte zu machen. Moskau soll also wohl allmählich ganz „judenrein" gemacht werden. Eine ganz unglaubliche Verschlechterung des bisherigen, wahrlich nicht allzu idealen Zustandes bringt aber eine weitere Verordnung betreffend das Wohnrecht der weiblichen jüdischen Akademiker. Die Diplome der weiblichen höheren Lehranstalten sollen nicht mehr das, unbeschränkte Wohnrecht verleihen; d. h. die Jüdinnen, die solche Diplome — meist nach harter Arbeit und unter großen Aufwendungen — erwarben, dürfen ebenfalls nur innerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen. Das ist eine Maßregel, die viele Lausende jüdischer Mädchen insach aus ihrer Existenz reißt. Nehmen wir noch dazu die durchaus nicht aussichtslose Agitation des „Verbandes des russischen Volkes", der eine Bittschrift au den Zaren abseuden wird, die Juden möchten zu Allsländern erklärt lverden, so haberl wir eine Aera Plehwe in omjllima forma! Nur daß der leitende Minister zufällig Stolypin heißt. & Die Lage der Juden in Finnland ist auch nicht gerade sehr günstig zu nennen. Aus Helsingfors sind infolge einer Verfügung des russischen Gouverneurs 25 jüdische Familien ausgewiesen worden. Wenn nun aber von finnischer Seite die Sache dauernd so dargestellt wird, als sei es auch in Finnland nur die russische Regierung, die in Judenverfolgungen arbeite, so muß demgegenüber doch betont werden, daß die Finnen keinen Finger rühren, um die Lage der Juden in Finnland zu verbessern. Eine einzige Versammlung protestierte gegen die Judenverfolgungen in Finnland, und das war eine sozialdemokratische. Die anderen, nichtsozialdemokratischen Finnen — die überwiegende Mehrheit des Landes — verhalten sich vollkommen Passiv, werben nach wie vor eifrig um Europas Gunst für ihren Freiheitskampf, lassen aber alle Schikanen der russischen Machthaber gegen die Inden ruhig zu, obwohl manchmal vielleicht ein offizieller Protest vou finnischer Seite genügen würde, um die Sachlage wesentlich zugunsten der Juden zu ändern. Die jüdische Gemeinde und die WohlkahrtLpklrgr. Von Dr. Wilhelm Feilchenfeld.*) ür die erste Konferenz der Zentralstelle für Volkswohlfahrt am 21. Oktober 1907 waren zwei Referate über „die evangelische Kirche und die Wohlfahrtspflege" und „die katholische Kirche und die Wohlfahrtspflege" auf die Tagesordnung gesetzt, während über jüdische Wohlfahrtspflege nicht referiert wurde. Da, wie wohl allseitig bekaimt ist, gerade von den zirka 600,000 Deutschen jüdischen Glaubens auf den: Gebiete der Wohlfahrtspflege ganz Bedeutendes geleistet wird, kann diese Unterlassung nur darin ihre Ursache haben, daß der Vorstand der Zentralstelle in richtiger historischer Erkenntnis eine „kirchliche Beziehung" hier nicht annahm. Für weitere Kreise jedoch dürfte eine Aufklärung über diese Verhältnisse wohl von Interesse sein, und daher sei hier eine kurze Darstellung derselben gegeben. Aus dem Hauptgebote der Bibel „Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst" hat sich schon früh die Pflicht zur Wohltätigkeit entwickelt, die nicht als ein besonderes Verdienst des einzelnen angesehen wurde, sondern eben als eine Gesetzespflicht, was auch in dem Worte Zedakah klar zum Ausdruck kam. Es ist hier nicht der Ort, die weitgehende Armen-und Waisenfürsorge zu schildern oder die vorbeugende Fürsorge gegen Verarmung, die besonders durch die Einrichtung der Jobeljahre getroffen wurde; wichtig für im§ ist nur, daß stets, von *) Die neu gebildete Zentralstelle für Volkswohlfahrt hatte für ihre erste Konferenz je ein Referat über „die evangelische und katholische Kirche und die Wohlfahrtspflege" angesetzt. Obwohl zahlreiche Institute der jüdischen Wohlfahrtspflege der Zentralstelle angeschlossen sind, ist ein Vertreter derselben nicht zum Referat aufgefordert worden. Da die Referate der beiden kirchlichen Vertreter in der „Concordia", dem offiziellen Organe der Zentralstelle, abgedruckt wurden, wünschte Herr Dr. F. als Ergänzung derselben die Wiedergabe beiliegenden kurzen Aussatzes. Dieses wurde verweigert, da, wie der Autor selbst betone, die „Wohlfahrtspflege der jüdischen Gemeinde als eine kirchliche Wohlfahrtspflege nicht anzusprechen sei. Dann kann die Gemeinde aber nur als eine Korporation aufgefaßt werden." Die Red.

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