Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- Seite 614 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Anstifter und Teilnehmer der Pogrome werden begnadigt, die sich wehrenden Inden dagegen verurteilt. Die Universitäten lind höheren Bildungsanstalten werden den Juden wieder verschlossen. Tie Allssicht, daß wenigstens das Anfiedlungsrayon aufgehoben und die drückendsten Beschränkungen kassiert werden, ist sognt wie zu Nichte geworden, obwohl die maßgebendste Partei der Duma, die sogenannten Oktobriften, dies in ihr Programm ausgenommen hatten. Nur die Sorge um eine neue Allleihe kann in Rußland das Schlimmste gegen die Juden verhüten. Nicht besser ist ihre Lage in Ru Manien. Bei den Banernunrnhen in der Moldau waren es wieder die Juden, die die Zeche bezahlen mußten. Nirgends, selbst in Rußland nicht, wird das Recht und die Wahrheit so mit Füßen getreten, als in dem Lande, dessen Kölligin eine Dichterill der Humanität und der Liebe ist. In den muhamlnedanischen Lünderll war das abgelaufene Jahr besonders für die Juden in Marokko ein sehr trauriges. Bei den Kämpfen zwischell dem Sultan lind den Kronprätendenten hatten die Juden auf beiden Seiten zu leiden; nur der Schlitz, den ihnen die Franzosen gewährten, verhinderte hier und da die schlimulsten Ausschreitungen, genall so wie in Persien, wo die Verfassnilgskälupfe ihnen bisher keine Erleichterung ihrer Stellung gebracht haben. Gegenüber diesen Verhältnissen ist das Schauspiel, das sich im Innern, im Schoße der Gemeinden darbietet, ein im ganzen erfreuliches. Tie Zerwürfnisse und Zerklüftungen, das Treiben zu selbstsüchtigen Parteizweckell schwindet überall und inllller mehr vor der Notwendigkeit des Zusammenschlusses aus allen Gebieten. Die Tätigkeit, die die großen Organisationen, die Alliance Israelile, die Jewish (lolonisation Association und der Hilfsverein deutscher Juden entwickeln, ist eine wahrhaft gedeihliche. Nicht weniger erfreulich ist das Wirken der Jnstitlltiollen, die ans eine Konsolidierung der inneren Verhältnisse ausgehen. Der Verband der deutschen Juden hat sich schnell zll einer bedeutenden Jnstitlltion emporgeschwungell. Die Bemühungen, eine einheitliche Organisation in Preußen zll schasfell, gewinnt immer weiteren Boden. Ter! Zwiespalt und die Leideilschaft lassen llicht mehr so beklagenswerte Erscheinungen in Gemeinde, Schule und Synagoge hervortreten, als dies in früheren Jahren üblich war. Das gilt nicht nur von Deutschland, sondern mtch von den anderen Staaten. Tie zielbewußte Energie, mit welcher die Juden in Frankreich nach der Trennung des Staates von der Kirche ihr Gemeinwesen ans selbständiger Grundlage allfbauten, ist eine der wohltnendsteil Erscheilllmgen des Jahres gewesen. In Amerika hat sich nach Art des Verbandes deutscher Juden ebenfalls ein jüdisches Komitee gebildet, das die einheitliche Leitung der gesamtell Angelegellheiten in die Hand nehmen will. Kurz und gut, es nlacht sich überall das Bedürfnis nach einer festen Organisation geltend. Tausend Kräfte regen sich aller Orten, um das alte Judentum zll lleuem Leben zu bringen. Nicht zllletzt wollen wir das Erwachen des religiösen Liberalismus, den Uebereifrige längst tot gesagt haben, in Delltschlarld wie in Frankreich und in England als ein wertvolles Symptom der Gesundung Ullserer inneren Verhältnisse ansehen. Wir dürfen eben über der Geschichte des letzten Jahres nicht die Geschichte des letzten Jahrhunderts vergessen, sondern wir müssen aus dieser lernen, was wir zll tun und was wir zu unterlassen habeil, um die Schäden zu heilen, die die neue Zeit uns geschlagen, und um anderseits ihre großen Errungenschaften unserer Sache nutzbar zu machen. So schließen wir denrl diesen Rückblick mit einem schönen Wort des unvergeßlichen Moritz Lazarus: „Zeit ist nichts; Tätigkeit, Regung der Kräfte, für den Menschen Sättigung des Geistes, Bewegung der Seele ist alles. Nicht nach dem Wandel der Gestirne, sondern nach dem Schlage unseres Herzens können wir ullsere wirkliche Lebenszeit messen. Der Natur läßt sich nicht gebieten, und die Schranken, die sie den Wesen gesetzt hat, lassen sich nicht durchbrechen; aber das Maß und die Art, die Energie und der Inhalt, mit welchem wir die uns zngemessene Zeit erfüllen, gestalten ihre Beziehungen .zur Ewigkeit, können sie zum Samenkorn derselben machen." Dir Woche. U Berlin, 25. Dezember, ebergrvß ist die Zahl der Männer und Frauen, die der Tod im abgelaufenen Jahr uns entrissen hat. Die Wissenschaft des Judentums beklagt den Berlust dreier Männer, deren Namen mit unvergänglichen Lettern in ihrer Geschichte fortleben wird. Es sind dies Moritz Steinschneider, Adolf Neubauer und Salomon Bnber. Hieran schließen sich die Rainen der Führer und Lehrer in Israel: die Rabbiner Dr. Phil. Kroner-Berlin, H. Wolk- Minsk, I. Mühlfelder-Chemnitz, B. Ziemlich-Nürnberg, S. Mühsam-Graz, E. Melli-Triest, S. Chvdowski-Oels, J.Horovitz-Krefeld, A. Blüh-Troppau, CH. Cotzo-Smyrna, Jsaac Schwab und A. S. Brande in Chicago; ferner Hanptlehrer C. Alexander-Breslau, Dr. Ed. Licbrecht-Berlin, Nealschnldirektor H. Bärwald-Frankfurt a. M., L. Levi- Kocherthaler-Stnttgart, H. Nenfeld-Posen, M. Fanerbach-Hildesheiin; die Kantoren Moritz Weinberg-Aachen, M. Wallerstein-Prag, H. Cohn-Königsberg. Bon hervorragenden Aerzten haben wir verloren: Dr. Emil Javal- Paris, Generalarzt Dr. Kirznitzky-Freilmrg, Prof. M. Litten, Prof. E. Mendel-Berlin, Prof. Josef Jacoby-Breslan, Sanitätsrat Fürst-Berlin; von hervorragenden Juristen: Reichsgerichtsrat Dr. B e hrend t-Leipzig, Rechtsanwalt Dr. Max Friedberg-Karlsruhe, Dr. Eduard Reis-Czernowitz, L. M. Dembitz in New Hork; von anderen Gelehrten sind vor allem drei Männer von hoher Bedeutung auf dem Gebiete der Philologie und Philosophie zu nennen: Prof. I. Freude nthal-Breslau, Prof. G. Ascoli-Mailand, Prof. Ludwig Traube-München, ferner der Historiker Dr. Moritz Brosch- Venedig, der Naturforscher Pros. A. Heilprin.in Cincinnati, der Astronom Maurice Loewy-Paris, der Architekt Baurat Ludwig Levy - Karlsruhe, der Komponist Ignaz! Brüll-Wien, der Maler N. Sichel-Berlin, die Schriftsteller z William Busnach und Erneste Blum-Paris, A. I. Pollackj Rotterdam, Dr. H. Brandt, Dr. A. Pserhofer und > G. Weißstein in Berlin, Dr. Emil Neubürger in Frankj fnrt ci. M. Bon Männern des öffentlichen Lebens, deren j Heimgang wir beklagen, sind zu erwähnen: Direktor Maximilian H errmann-Berlin, M. Katzen st ein-Bielefeld, SimonSachs- Stockholm, D. Osiris-Paris, Dr. Rapaport von Porada- Wien, Albert Wolf-Dresden, Philipp Simson-Danzig, Gottj lieb Bondh- Prag, Kommerzienrat I. M. Friedländer- Berliu, Theodor Oschinsky-Breslau, Otto Wolfskehl-Darmstadt, Moritz Heilmann-Berlin, Bernhard Hellinann-Würzburg, Otto Salom on-Nääs. Zuletzt — doch nicht zuletzt — nennen wir die Frauen: Fran Prof. Paula Berliner- Berlin, Fran Prof. Sophie Levy und Frau Prof. Pauline Cohn- Breslau, Lina Cahn-St.Ingbert, Baronin Julie Caroline von Rothschild-Genf, Frau Tr. Julie Herzl-Wien. Endlich die Schriftstellerinnen M. Hartog-London und Esther