Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1907)
- Date
- 1907-12-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 52. Berlin, 27. Dezember 1907. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsst llen) bezogen Vierteljahr!. Z M. Hebatteuv: Gustav 'ttavpcles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philixpson. VerIs§8-LxpeMov: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße HL/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Lückblick. Berlin. 25. Dezember, uch das abgelaufene Jahr hat in dem äußeren und inneren Leben der Juden keine wesentlichen Veränderungen hervorgebracht. Man kann die Verhältnisse durchaus nicht erfreuliche oder auch nur befriedigende nennen, aber auf der anderen Seite wäre es ein unberechtigter Pessimismus, wenn inan nicht konstatieren wollte, daß die Lage sich nach verschiedenen Richtungen hin gebessert hat. Fassen wir zunächst unsere bürgerliche Stellung ins Auge, so hat uns auch dieses Jahr in der Nähe wie in der Ferne gar manche herben Enttäuschungen und Erfahrungen gebracht, deren Aufzahlung im einzelnen wir unterlassen. Noch immer stellt sich uns die Gegenwart sozusagen als eine inkommensurable Größe dar, die uns auch nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine mutmaßliche Berechnung dessen an die Hand gibt, was uns auch nur die nächste Zukunft bringen wird. In Deutschland schließt das an mancherlei Täuschungen und Enttäuschungen reiche Jahr mit etwas günstigeren Aussichten als die waren, zu denen Beginn und Verlauf des Jahres berechtigt hatten. Die Blockpolitik hat zwar ihre Probe noch nicht abgelegt, aber es zeigt sich doch immerhin, daß der Kurs ein liberalerer ist als vorher, da Konservative und Zentrum im holden Verein die Regierungspartei bildeten. Der Kampf gegen die Zurücksetzungen mancherlei Art wurde zielbewußt und erfolgreich durchgeführt; nur in bezug auf die Stellung der Juden im Heere ist auch nicht der geringste Erfolg erreicht worden. Die übrigen Ressorts haben in jedem einzelnen Fall, wo es sich um einen Angriff gegen die Juden oder auch eine Zurücksetzung der jüdischen Staatsbürger handelte, Remedur eintreten lassen. In Oesterreich sind die Verhältnisse genau so verwirrt, wie sie zu Beginn des Jahres waren, das sür die Juden sich nicht sehr gut anließ. Das allgemeine Wahlrecht brachte ihnen nicht nur keinen Erfolg, sondern im Gegenteil geradezu Mißerfolge; durch die Uneinigkeit im eigenen Lager wurden nicht so viele jüdische Abgeordnete gewählt, als es der Zahl der Juden in Oesterreich entspricht. Dagegen haben die Christlich-sozialen die Majorität, sie sind jetzt die herrschende Partei und haben demgemäß auch ihre Vertretung in der Negierung. Allerdings wurde von maßgebender Seite bei jedem einzelnen Anlaß die Versicherung abgegeben, daß die Gleichberechtigung aller Staatsbürger keine Einbuße erleiden solle. Nichtsdestoweniger haben die letzten Debatten über die Verhältnisse der Universität gezeigt, wie sehr auch in unserem Nachbarlande die Verhältnisse zurückgegangen sind. In Ungarn hat sich wenig geändert, nur die Aussichten in die Zukunft sind trübe, weil die maßgebende Unabhängigkeitspartei immer mehr ihren Antisemitismus an den Tag zu legen beginnt, den sie so lange verhüllt hat. Aus Frankreich ist in diesem Jahre sogut wie nichts zu berichten, und das ist unter den gegen>värtigen Verhältnissen immerhin das erfreulichste. Nur für die Juden in Tunis eröffnen sich im neuen Jahre bessere Aussichten. Ihre Naturalisation als französische Staatsbürger, die ihnen in den letzten Jahren vorenthalten worden, soll nun nach dem geltenden Gesetz durchgeführt werden. Ein erfreuliches Bild gewährt unter diesen Verhältnissen die Stellung der Juden in England. Sie ist fest konsolidiert und unterliegt keinen Schwankungen, gleichviel ob liberale oder konservative Ministerien am Ruder sind. Die Einwanderungsbill hat nicht die Folgen gehabt, die man befürchtet hatte; außerdem sollen die Härten derselben, wie es heißt, beseitigt werden. Diese Verhältnisse unserer Glaubensgenossen in Italien bleiben sich ebenfalls stets gleich. Die Ernennung eines Juden zum Bürgermeister von Rom ist ein erfreuliches Symptom dieser Verhältnisse. Wer die Geschichte der Juden in Italien kennt, wird aus diesem Anlaß sicher den Optimismus des jüdischen Stammes begreiflich finden. Auch in Amerika und in Australien leben die Juden in gesicherter bürgerlicher Stellung. Sie nehmen am politischen und gesellschaftlichen Leben regen Anteil, und auch dieses Jahr hat verschiedene in hohe bürgerliche Stellungen gebracht. Die größte Sorge der Juden in Amerika bildet jetzt die Einwanderung. Indes darf man wohl hoffen, daß die Kommission, die nach Europa gesandt wurde, uin die Verhältnisse der Länder zu studieren, aus denen der überwiegende Teil der Einwanderer stammt, nicht solche Eindrücke empfangen hat, die ein strengeres Einwandernngsgcsetz erheischen. Während also in den westlichen Ländern die Lage der Juden eine unveränderte oder bessere geworden ist, gestaltete sie sich in den Ländern des Ostens immer trauriger. Alle Aussichten, die man aus eine Aenderung der Lage der Juden im großen russischen Reich gehegt, sind in nichts zerflossen. Die Verhältnisse sind trüber als je. In der dritten Duma sitzen nur zwei Juden, die absolut einflußlos sind. Dagegen wächst der Einfluß des Schwarzen Hundert von Tag zu Tag. Kein Ministerium wagt diesem mehr zu widerstehen, und am Hofe erfreuen sie sich ihrer „patriotischen Gesinnung wegen" der wärmsten Sympathien. Ihr Haß gegen die Juden ist ein ungezügelter. Sie tragen denselben ganz offen und unbehindert zur Schau, ohne die geringste Furcht vor einer Strafe. Die