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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-20 · Heft 51 (20.12.1907) · p. Seite 611

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 611 (sequence 11)
Language
German
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Nun aber hat sich etwas ereignet, das schon aus deni Grunde die größte Beachtung verdient, weil es das ganze Phantasiegebäude der Winklerschen Geschichtsdarstellung selbst in eine Trümmerstätte verwandelt. Ein altes Papyrnsblatt, ein Blatt von dreißig Zeilen aus dem Jahre 408,7 vor Christi, daS Dr. Otto Rubensohn bei den jüngsten Ausgrabungen auf der Nilinsel Elephantine gefunden hat, steht in so engerBeziehnng zn den Büchern der Chronik mit Esra und Nehemia, sowie zu der jüdischen Geschichte in dem wenig bekannten Zeitraum zwischen der Wirksamkeit Nehemias und dem Austreten Alexanders, daß wohl niemand mehr wagen wird, die Authentizität der Berichte in den Büchern Esra und Nehemia anzuzweifeln und von einer Esra- und Sanballat-Legende zu sprechen. Der betreffende Brief, dessen Sprache in allen wesentlichen Stücken mit derjenigen der aramäischen Kapitel in den Büchern Esra und Daniel identisch ist. hat folgenden Inhalt: Jedonjah und seine Genossen, die Priester der jüdischen Gemeinde auf Elephantine, wenden sich an Bagoas, den persischen Statthalter in Judäa, mit der Bitte, ihnen die Erlaubnis zum Wiederaufbau ihres zerstörten Tempels auszuwirken. Es gab in Elephantine im sünften Jahrhundert vor Christus eine jüdische Gemeinde, welche schon aus alter Zeit einen geräumigen, wohlgebauten Tempel mit sieben Toren und einem Dach aus Zedernholz besaß, der mit heiligen Geräten aus Gold und Silber geschmückt war, und auf dessen Altar die Gemeinde dem Ewigen Opfer darbrachte. Kambysus, als er 525 Aegypten betrat, hatte diesen Tempel bereits vorgefunden, und während er die Tempel der ägyptischen Götter zerstörte, hatte er diesem, dem Gotte Israels erbauten Tempel auf Elephantine keinerlei Unbill zugefügt. Aber über die jüdische Gemeinde auf Elephantine war ein großes Unglück hereingebrochen. Der Festungskommandant, in Verbindung mit den ägyptischen Chnumpriestern, hatte die Abwesenheit des persischen Satrapen zu einem Uebersall auf die dortigen Juden benutzt und ihren Tempel zerstört, so daß der Opferdienst eingestellt werden mußte. Die jüdische Gemeinde hatte sich darauf um Hilfe an Bagoas gewandt, auch den Hohenpriester Jochanan in Jerusalem und die Söhne Sanballats, des persischen Statthalters in Samaria, durch ein schriftliches Gesuch um deren Vermittlung angerufen. Allein niemand, auch nicht der Hohepriester, hatte sie einer Antwort gewürdigt. Da entschloß sich die Gemeinde, ein erneutes schriftliches Gesuch — das auf das gefundene Papyrusblatt niedergeschrieben ward — an Bagoas. den persischen Statthalter in Judäa, zu richten, daß er durch seinen großen Einfluß in Aegypten die Erlaubnis zum Wiederaufbau des zerstörten Heiligtums erwirken möchte, und versicherte ihm im Voraus in rührenden Worten ihrer und ihrer Frauen und Kinder Dankbarkeit. Ich muß es den Fachgelehrten überlassen, über die Bedeutung dieses Briefes für die Geschichte der Juden zur Zeit der Perse.rkönige in Aegypten ein kompetentes Urteil abzugeben. Uns bestätigt der Papyrusfund das. was wir aus unserem Schrifttum schon längst wissen, daß der Hohepriester Jochanan in Jerusalem (Nehemia 12. 22). Sanballatt (Nehemia 6, 1) und ebenso der Statthalter Bagoas in Judäa (Josephus, Altert. XI, 7) keine legendären, sondern geschichtliche Gestalten von Fleisch und Blut waren. Wer Näheres über dieses merkwürdige Denkmal eines hohen Altertums erfahren will, den verweise ich auf Professor Sachaus Vorlesung in der Sitzung der philosophisch-historischen Klasse der Berliner Akademie: „Drei aramäische Papyrusurkunden aus Elephantine." „Die Ausgrabungen in Elephantine" — schließt Professor- Sachau seine interessante und lehrreiche Vorlesung — „haben das Alte Testament um ein ebenso neues wie inhaltreiches Kapitel bereichert. Was wird die Fortsetzung derselben ergeben? Daß sie aber fortgesetzt werden müssen, darüber wird unter den Freunden der Bibel und des Altertums kein Zweifel sein, und an den dazu nötigen Mitteln wird es in unserer ausgrabungsfreudigen Zeit hoffentlich nicht fehlen." Mögen vor allem unsere jüdischen Bibel-Freunde, wenn wir solche Haben, diesem Appell ein geneigtes Ohr leihen! Nenommierchrilten. Humoreske von Julius Knopf. Bechs Jahre bereits besaß Frau Rosa Frankenheim ihr anheimelndes Pensionat in dem kleinen thüringischen Badeort. Jung verwitwet, hatte sie voll Unternehmungslust dieses Pensionat eröffnet, einerseits, um ihre freie Zeit nutzbringend auszufüllen, dann aber auch, um gut und angenehm leben zu können, denn das Kapital, das ihr der selige Manu hinterlassen, war nicht groß genug, um ihr eine Rente abzuwerfen, die hinreichte, um davon gut existieren zu können. Frau Frankenheims Pensionat war keineswegs streng koscher; sie bezeichnete es auch durchaus nicht als rituell, aber trotzdem wurde es nur von Glaubensgenossen besucht. Es existieren ja Israeliten genug, die auf den Ritus nicht gar so sehr erpicht sind, es aber dennoch vorziehen, sich bei Angehörigen ihres Stammes in Kost und Pflege zu geben. Das Frankenheimsche Pensionat blühte, wuchs und gedieh, denn man war darin gut aufgehoben. Die Küche war berühmt und Rosa Frankenheim selbst das Ideal einer aufmerksamen und liebenswürdigen Wirtin, die für jeden ihrer Gäste ein gutes Wort, ein verbindliches Lächeln hatte. Nur eine Schwäche besaß dieses Musterexemplar einer sorgsamen Pensionsmutter: ihre Intelligenz war nicht stark genug, um eine Narrheit zu überwuchern, die man hier und da bei Juden findet: das Kokettieren mit dem Christentum. Gar zu gern hätte Frau Rosa Frankenheim in ihrem renommierten Verpflegungsinstitut auch die Anhänger des christlichen Glaubensbekenntnisses vertreten gesehen. Einige Christen in ihrer Pension -- das, so deuchte sie, würde erst das rechte, intereffante Kolorit geben und ihr Unternehmen in die Reihe der übrigen erstklassigen des Badeortes stellen. Aber ach! Frau Rosas eitler Wunsch ging nicht in Erfüllung, die Jahre kamen und schwanden, Pensionäre zogen ein und aus — und immernoch blieb „die Frau Major" die einzige Renommierchristin des Frankenheimschen Pensionats. Die Frau Major von Retzlaff, eine vermögenslose Witwe, die sich mit einer kärglichen Pension einrichten mußte, wohnte seit drei Jahren bei Rosa Frankenheim. Sie bezahlte nur ein geringes Kostgeld, erstens, weil sie adelig, und zum zweiten, weil sie die lang ersehnte Christin war; sie gab sich sehr anspruchslos und war mit allem zufrieden. Anfänglich erhielt sie, trotzdem sie am wenigsten bezahlte, das beste Zimmer, dann aber, als der dreifache Glorienschein des Adels, des Titels und des Glaubens allmählich verblaßte,, mußte sie es gegen einen kleineren Raum vertauschen. Allerdings richtete sie ihn sich komfortabel und geschmackvoll genug ein, um sich wohl zu fühlen, Und da männiglich die Frau Major devot honorierte, so dachte sie nicht daran, die Pension zu wechseln.

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