Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 610 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228796--64055-3298007- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
religiös - politische Bande vor das Gericht der Logik und Menschlichkeit" zu laden und sie kosten zu lassen, was ihr Christentum und ihr Deutschtum sei. Er hatte seinen Standpunkt in dem sehr merkwürdigen Briefe an Friedrich Kapp, 19. Juli 1877, zum Ausdruck gebracht, einem Briefe, der, in der Illinois-Staats,zeitung abgedruckt, in Deutschland unbekannt geblieben zu sein sckeint. Auch in Amerika war es vorgekommen, daß ein Gastwirt einen Bankier nicht hatte aufnehmen wollen, weil er Jude sei. Auerbach nahm diesen kleinen Vorfall als Anlaß zu einer ernstlichen Predigt, die sich ebensowohl gegen unduldsame Christen als gegen gewisse Unarten der Inden richtete. Folgende beherzigenswerte Darlegungen sind der Anführung wert: „Kein Geistlicher sollte die Kanzel besteigen, ohne auszuruseil, die erste Spur eines Greuels hat sich unter uns am Hellen Tage zu zeigen gewagt, wodurch die Religion der Liebe, als welche sich die unsere verkündet, zur Lüge wird. Wer kann noch das Wort Vaterunser sprechen, solange er verleugnet, daß alle Menschen aller Farbe, aller Bekenntnisse Kinder Gottes sind. Solange ein Mensch anderen Glaubens, anderer Abstammung lieblos oder gar mit Haß betrachtet wird, ist keine wirkliche Religion in der Welt. Gewiß, es ist keine Frage, es ist viel zu tadeln an den Juden, dies- und jenseits des Ozeans. Vor allem fehlt ihnen vielfach die stille Bildung, jenes Sichselbstgenügen an der inneren Veredelung und Erhöhung. Es herrscht eine Sucht zu Prunk und Schaugepränge besonders unter den jüdischen Frauen. ES ist da viel zu arbeiten und zu mahnen, um Einfachheit, bescheidenen Bürgersinn zu pflegen und zu hege». Ist aber nicht Aehnliches auch in entsprechenden Schichten der zu Reichtum gelangten Christen? An die Inden in Amerika wäre noch die Mahnung zu richten, sich durch den alles höhere Leben verhöhnenden Versuch nicht abhalten zu lassen, die Saat des Guten auszustreuen in ihrem neue» Vaterland, und sich würdig zu erweisen, freie Bürger zu sein! vor allem aber dürfen sie sich nicht erbittern lassen, lvenn, was ja leicht möglich ist, die christlichen Mitbürger nicht der Verpflichtung nachkomnien, gegen den ersten Keim einer sittlichen Pest mit aller Energie aufzutrcten." Im Jahre 1879 schrieb er gegen einen russischen Blut- Ritualprozeß ein Mahnwort unter dern Titel „Kannibalische Ostern"; im Jahre 1880 brachte ihm die Judendebatte int Reichstag den Wehruf auf die Lippen: „Vergebens gelebt und gearbeitet"! in den letzten Jahren seines Lebens war er durch diese Schmach, die den deutschen Juden angetan wurde, aufs allertiefste verletzt. Es gab wohl Lichtmomente. Ein solcher >var der, als er Döllingers Vortrag über die Geschichte der Jilden, Ailgust 1881, las; das Letzte, was er drucken ließ, ist folgender schöne Dank an den kühnen Katholiken, der für die Juden oder besser für Recht und Freiheit eingetreten war Es lautet so: „Sie haben denen, die das Wort von der Religion der Liebe zu lügnerischer Phrase mißbrauchten, Sie haben denen, die den Schaden, welchen die deutsche Volksseele erleidet, nicht beachtend, in leichtfertiger Frivolität deil Fanatismus gewähren ließen und die Jiidenhetze als einen belebenden Sport betrachteten, Sie haben ihnen allen den Frevelmut ihres Tuns vor Augen gestellt. Sie vollzogen dies entscheidend. Wir deutschen Juden, die wir mit aller Krait unser deutsches Vaterland lieben und die Mängel und Fehler unserer Angehörigen zu heilen suchen — wir atmen auf. Das danken wir Ihnen. Eine unabsehbare Schar von Christen und Juden reiht sich unter die Fahne, der Sie den Wahlspruch der sophokleischen Antigone gegeben haben: „Nicht mitzuhasscn, mitzulieben bin ich da." Fast genau fünf Monate, nachdem vorstehende Zeilen in Druck gegeben waren, am 8. Februar 1882, ist Berthold Auerbach gestorben. Die Aerzte behaupten, kein Mensch sterbe an gebrochenem Herzen. Bei Auerbach katm man sicher sagen, dieser Schmerz nagte an seiner Lebenskraft. Er war ein Deutscher und vergas; nie, daß er ein Jude war. Er hatte geglaubt, daß das religiöse Bekenntnis sein Deutschtum stören und hindern würde. Die Enttäuschung, die er gerade in den letzten Jahren erlebte, machte ihn müde und verzweifelt. Gerade in dieser schönen Verbindung begeisterter deutscher Gesinnung lmd treuer Anhänglichkeit zum väterlichen Glauben kann er ein Muster späteren Generationen sein. Es mag ja beklagt werden, daß unter seinen größeren Werken keines ist, das diese Gesinnung zum Ausdruck bringt. Aber hier darf man wirklich sagen, was keineswegs bei allen Dichtern zutrifft, daß sein ganzes Leben vorbildlich sein kann. Dieses Leben aber wird in der vorliegenden Biographie so ausgezeichnetmit voller Beherrschung des gewaltigen Stoffes, mit besonnener Kritik und doch mit so viel erwärmender Liebe geschildert, daß es allen, besonders aber jüdischen Lesern, aufs dringendste empfohlen werden muß. Lin Oapyruskund. Von Albert Kotz. ie neueren Historiker, die sich mit der Erforschung der alten Geschichte des jüdischen Volkes befassen, haben es sich, man ntöchte sagen zunt Prinzip gemacht, die Bibel als verdächtige Geschichtsquelle hinzustellen. Ernst Renan spricht von einer Esra-Legende und hält dessen Memoiren für ein Machwerk der Pharisäerklassen, die es, wie er ausführt, für unpassend, ja sogar für gefährlich fanden, daß ein weltlicher Beamter wie Nehemia die religiöse Wiedergeburt des Judentunts befördert habe, und stellten ihnt daher den „Schreiber Esra" aus einer Priesterfamilie als ebenbürtig zur Seite. Indessen bekämpft Renan wenigstens die Existenz des Nehemia nicht, indem er ihm die ganze Wirksamkeit jener großen Bewegung ohne jeden Vorbehalt zuschreibt. Die Ergebnisse der zeitgenössischen Geschichtsforscher fallen noch viel radikaler aus. Man lese nur die von Hugo Winkler in Schräders großem Werk: „Keilschriften und das Alte Testament" herausgegebene Geschichte Israels. Da ist das stolze Gebäude der Heiligen Schrift erbarmungslos zerstört und der Leser gewahrt um sich nichts als Trümmerhaufen. „Nichts bleibt als nackte Trümmer, hohle Wracks und Leichen voll von bitterem Salz und Seetang." Selbst die Periode Esras und Nehemias, in der man auf historischem Boden zu stehen glaubte, fällt zunt Opfer seiner Hyper kritischen Eeschichtsdarstellung. Nach ihm ist die Periode von Darms (490 v. Ehr.) bis auf die hellenistische Zeit ohne alle Nachrichten. „Die späthasmonäische Zeit," so behauptet Winkler, „hat versucht, diese Lücke auszusüllen, und Josephus teilt uns ein paar Legenden von der Art der Midrasch- und Romangattung mit, die in die Perserzeit verlegt wurden; allein das sind nur Umarbeitungen der alten Erzählungen aus der exilischen und nachexilischen Zeit, die ebenso wie die Judit, Tobit- und Esther-Erzählung auf die spätere Zeit angewandt sind. Bei der Bagoaslegende liegt die Verschiebung noch klar zutage, und bei der Sanballat-Legende, die unter Alexander spielen soll, zeigt der Name, woher der Stoff rührt. Auch die Namen der Hohepriester, die Josephus dabei gibt, sind lediglich aus diesen Legenden genommen und geschichtlich unbrauchbar." Es ist mir nicht bekannt, ob von jüdischer Seite gegen die radikalkritische Geschichtsdarstellung Hugo Winklers Stellung genommen wurde. Sicher aber ist es, daß diese Art Lektüre geeignet ist, die Köpfe unserer gebildeten Jugend noch mehr als bisher zu verwirren.