Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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ihren idealen Bestrebungen, dem Judentum zu dienen. Wenn andere in den'Zeiten ihres Unglücks sich des vergangenen Glücks gern erinnerten, so gedachte Auerbach mit einem aus Wohlbehagen und Wehmut vermischten Gefühl in den Zeiten seines Glanzes gern der kleinen Anfänge; der in fürstlichen Prunkgemächern Wohlaufgenommene erinnerte seinen treuen Jakob gern an die ärmliche Kammer, in der die beiden jüdischen Studenten während ihrer Jugendzeit geweilt hatten. Gerade das ist das Charakteristische und für uns so überaus Wichtige, daß Auerbach als Mensch das Judentum hervorkehrte, daß er, der deutsche Schriftsteller, wenn er auch die Schilderung der Juden, wie wir sahen, bald aufgab und keineswegs beständig die.Leute an sein Judentum erinnern wollte, doch niemals vergaß, daß er dem Judentum entstammte. Dafür besonders wichtig ist folgendes an Freiligrath am 24. November 1843 gerichtete Bekenntnis, geschrieben nach dem allbekannten Gedichte, in dem der rheinische Poet den Verfasser der Dorfgeschichten beglückwünscht hatte. „Ich muß Dir auch noch sagen, daß es mir besondere Freude mackt, daß es mir. einem Juden, gelungen ist, etwas aus dem Innersten des deutschen Volksgeistes zu offenbaren. Du weißt, lieber Freund, was ich vom Judentum halte, aber jede innere und äußere Gehässigkeit gegen die Juden tut mir in tiefster Seele weh. Es ist mir daher besonders lieb, Dir sage ich es frei, daß die Gehässigkeit die Juden nicht mehr so leicht Fremde heißen kann. Ich glaube, ich bin ein Deutscher, ich glaube es bewiesen zu haben; wer mich einen Fremden heißt, mordet mich zehnfach. Ich komme oft auf dieses Thema, aber Du weißt nicht, lieber Freiligrath, was ein Judenkind auf der Welt zu dulden hat; auch ich habe viel, viel geduldet, und gottlob, die reine Menschenliebe hat den Sieg davon getragen und soll ihn behalten. Ich habe hier einen kleinen Vetter, der ins Lyzeunr geht. Die Knaben haben dort als Verstandesübungen Sätze aus dem Kopf an die Tafel zu schreiben, da geht ein dreizehnjähriger Junge heraus und schreibt: die Juden betrügen alle anderen Menschen. Der Lehrer sagte gar nichts darauf. Die zitternde Stimme und die Tränen, mit denen mein kleiner Vetter das erzählte, das schnitt mir tief durch die Seele. O, es ist schrecklich, in ein jugendliches Herz den Haß und die Zwietracht säen. — In meinem Innersten sagte mir eine Stimme: Nie, nie will ich mich durch die Häßlichkeiten der Juden von ihrem Schmerze trennen lassen, und was ich vermag und tue, möge auch ihnen zugute kommen. — Ich weiß es, wenn ich hinaustrete unter die Bauern, eine Seele voll Wohlwollen auf den Lippen, das einzige Wort Jud würde sie von mir verscheuchen. Immer war es aber so, daß die Liebe nicht erkannt und gekreuzigt wurde, ich habe Doppeltes zu besiegen, ich will mir die Kraft dazu bewahren, und meine Freunde werden mir dazu helfen." Seit jenem Jahre 1843 war Auerbach als vollberechtigtes Mitglied der deutschen Schriststellergemeinschaft ausgenommen, überall wohlangesehen und hatte in jener Zeit liberaler Hochströmung wegen seines Glaubensbekenntnisses gar nicht zu leiden. Nur einmal 1855 ward ihm wahrscheinlich wegen seines Bekenntnisses eine Kränkung, die Nickiternennung in das Komitee der Schillerstiftung zuteil, über die er sich bitter beklagte; sonst waren gerade die fünfziger und sechziger Jahre die Epoche, in der Fürsten und hochstehende Männer ihren Freisinn dadurch zu bekunden srrchten, daß sie Juden bevorzugten. Im Jahre 1868 änderte sich diese Sachlage. Nachdem man einige Jahrzehnte von besonderen Bedrückungen und Verfolgungen der Juden wenig oder nichts gehört hatte, wurde das kultivierte Europa durch die Verfolgungen der Juden in Rumänien in Aufregung und Betrübnis versetzt. Auerbach gedachte mit Montefiore nach Bukarest zu gehen und war unbedacht genug, ein an ihn gerichtetes, jene Greuel verdammendes großes Schreiben des Fürsten von Hohenzollern vom 18. April 1868 in der „Neuen Freien Presse" zu veröffentlichen. Diese Publikation erregte viel böses Blut. Auerbach äußerte seine Bestürzung über das „Martyrium" des Fürsten in so bekümmerter Weise, daß der hohe Herr den etwas impulsiven Freund am 28. April der Fortdauer seiner guten Gesinnungen versichern nrußte. Aber gerade dieses Vordrängen der Judenfrage legte dem Dichter den Wunsch nahe, sich über jüdische Angelegenheiten auszusprechen. Er dachte an Sittenschilderungen unter dem Titel „Wir Juden"; unter seinen Plänen erwog er einen Roman „Sodom", der indeffen nicht über die ällerdürftigsten Anfänge gekommen ist. Auch schriftstellerische Angriffe gegen die Juden erregten ihn außerordentlich. Er dachte daran, gegen Richard Wagner, mit dem er in den vierziger Jahren nahe verkehrt hatte und von dem er noch 1869 rühmend erwähnt wurde, wegen seiner Broschüre „Das Judentum und die Musik" aufzutreten. Wirklich polemisch wendete er sich gegen Theodor Billroth, der 1875 die Verteidigung seiner Schrift „lieber das Lehren und Lernen an den medizinischen Fakultäten" mit folgender Widmung nach Berlin geschickt hatte: „An den deutschen Dichter Berthold Auerbach in Berlin, vom Verfasser." Billroth hatte u. a. in dieser Schrift von der Fragwürdigkeit armer jüdischer Mediziner in Wien offen gesprochen, und nachdem er betont, daß er nicht zu den Judenfeinden gehöre, doch bekannt, „daß ich innerlich die Kluft zwischen rein deutschem und rein jüdischem Blute so tief empfinde, wie von einem Teutonen die Kluft zwischen ihm und einem Phönizier empfunden sein mag". Auerbach antwortete in einem offeneil Brief 1875, aus dem folgende Sätze hervorgehoden werden müssen: „Daß den Juden das Martyrium fehlt, ist gewiß eine sehr „individuelle" Bemerkung von Ihnen. Sie wissen, und als Man», der über Lehren und Lernen spricht, müssen Sic es wissen, daß die Geschichte der Juden, der begabten und unbegabten, ein achtzehnhundertjähriges Martyrologium ist. Und das hat bis heute noch nicht geendet. Oder glauben Sie. es ist kein Martyrium, noch heute und einem Manne Ihres Ruses erklären zu müssen, wir sind nicht zufällig deutschredende, zufällig in Deutschland erzogene Juden, wir empfinden vollkommen als Deutsche. Sie sagen: den Juden fehlt die gesamte mittelalterliche Romantik. Welchen Anteil an der Romantik haben denn die Bauern, die bis zu Anfang des Jahrhunderts Leibeigene waren? Sie verbannen uns ins Exil der Fremdheit und wollen nicht wissen, daß die Geschichte des Judentums zumal in Deutschland alle Phasen der deutschen Kulturentwicklung niit durchgemacht hat. Die Juden sind von germanischer Bildung erfüllt, bevor Ihre Landesgenossen, die Slawen und Wenden, germanisiert wurden." Schon in dem eben angeführten Briefe war von der Errichtung eines Denkmals für Spinoza die Rede. Dies wurde 1878 wirklich eingeweiht; Auerbach, der für das Zustandekommen des Monuments viel getan hatte, reiste zur Enthüllung und unternahm bei dieser Gelegenheit eine Wallfahrt zu den Spinozastätten in Holland. Bei dem Anschauen der Amsterdamer Judenstraße hatte er allerdings die Enrpfindung, daß er die Juden Spinozas ganz anders geschildert haben würde, wenn er solche Zustände bereits 1837 gekannt hätte, aber er dachte nicht daran. Unerfreuliches, was er etwa über die Juden zu sagen hätte, offen zu verkünden, denn die in Deutschland beginnende antisemitische Bewegung zerriß ihm das Herz. Nach dem Erscheinen der ersten Streitschrift von Treitschke bemerkte er: „Dieser Artikel ist ja ein völkerrechtswidriges Explosivgeschoß und zermartert mir das Herz . . . Darum also arbeiten wir so lang, um eine solche Barbarei von einem gebildeten ernsthaften Deutschen zu erringen?" Eine Zeitlang dachte er daran, gegen Treitschke aufzutreten. Er traute sich wohl zu „einmal die ganze