Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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bleiben und hoffentlich für die Zeiten wirken wird. Denn das ist gerade das Ausgezeichnete bei diesem voll ausgereiften Werk Bettelheims/ daß der Verfasser sich durch das liebevolle Versenken in das Gesamtwirken seines Autors den ruhigen kritischen Blick nicht hat trüben lassen. Er verwirft vieles, läßt aber manches gelten. Den Roman „Auf der Höhe" Preist er nach einer geradezu meisterhaften Analyse als ein bleibendes und die ersten Dorfgeschichten als ein ewiges.Werk. Wenn deutsche Juden Bücher kaufen würden, die mit jüdischen Dingen zu tun haben — sie tun es aber nicht in dem Maße, wie die Gegner ihnen vorwerfen und wie die Freunde wünschen möchten — dies treffliche Buch, das einem der Edelsten gilt, dürfte in keinem jüdischen Hause fehlen. Keine Gesamtbesprechuug des Werkes kann hier gegeben werden, denn sie liegt außerhalb des Rahmens der grünen Blätter. Aber was Auerbach dein Judentum war, was er für die Juden tat, soll in Kürze auseinandergesetzt werden. Wie bei jedem Dichter, ist bei Auerbach der Mensch und sein Werk zu unterscheiden. Betrachtet man die Schriften zuerst, so kann mau eigentlich nicht sagen, daß Auerbach in seinen hervorragenden dichterischen Erzeugnissen den Juden einen besonderen Platz eingeräumt hat. In den großen Romanen kommen, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, Juden überhaupt nicht, jedenfalls nicht in besonders markanter Stellung vor. Wo sie etwa in den Dorfgeschichten erscheinen, sind sie nicht die Helden, sondern meist Nebenfiguren. Man merkt ihnen wohl an, daß ein jüdischer Autor von ihnen spricht; sie, die Mühebeladenen, werden nicht, wie dies bei christlichen Autoren nicht selten geschieht, mit Schimpfnamen belastet und durch unangenehme Schilderungen getroffen, sondern als brave Arbeiter vorgesührt, die inmitten ihrer Heimatgenossen leben, nicht abseits von ihnen stehen, und — auch dies ist für das damalige Nordstetten charakteristisch — keineswegs eine verachtete Stellung einnehmen. Von den sogenannten jüdischen Schriften Auerbachs sind vier Arbeiten besonders zu nennen und zu würdigen. Zunächst die zwei jüdischen Romarie, sodann eine biographische Zusammenstellung, endlich eine Streitschrift. Von der letzteren brauche ich nicht viel zu sprechen, da in einer kürzlich in diesen Blättern abgedruckten Strrdie eingehend von ihr gehandelt worden war. (Vergl. meinen Aufsatz: Die Juden und das junge Deutschland, Allgemeine Zeitung des Judentums 1906, Nr. 25, S. 297). Jene beiden Romane, die umfangreichsten Werke in ihrer Art, sind keine Prachtleistungen. Sie lassen nicht bedauern, daß der Dichter sich von diesem Gebiete später abgewandt hat. Denn so sehr Auerbach auch zum Schilderer der Juden befähigt war, zum Historiker (und der Verfasser historischer Romane muß neben Kenntnissen der Vergangenheit auch geschichtlichen Sinn besitzen), war er absolut nicht geschaffen. Daher muß auch der Bewunderer des Menschen und des Dichters zugeben, daß die Romane „Spinoza" (zuerst erschienen Stuttgart 1837) und „Dichter und Kaufmann" (zuerst erschienen Stuttgart 1840) verfehlte Arbeiten sind. Sie sind es zunächst, weil sie absolut nicht imstande sind, ein Bild der Zeit, also des 17. und 18. Jahrhunderts, in der die Helden — die Hauptperson des zweiten Romans ist der Poet Moses Ephraim Kuh — leben, zu gewähren, oder auch nur die Fähigkeit aufweisen, die Städte, in denen jene weilen, Amsterdam, Breslau, Berlin, den Lesern in gelungenen Bildern vorzuführen. Sie sind es sodann, weil sie auch nicht einmal fähig sind, die Hauptpersonen in gebührender, ihrem Wesen entsprechender Weise darzustellen. Denn der Roman Spinoza schildert nicht den Weltweisen in seiner großen Entwicklung, in der für ihn entscheidenden Epoche, sondern macht Anekdoten über Lappalien, über die angeblichen Liebeleien und Liebhabereien des Philosophen, verbrämt mit haltlosen geschichtlichen Vermutungen, zur Hauptsache. Der zweite Roman „Dichter und Kaufmann" ist aber nicht ein Tableau aus der Zeit Friedrichs des Großen, wie der Titel wohl vermuten ließ, er stellt nicht die Kämpfe würdig dar, die der „jüdische Dichter" (gleichfalls Worte des zuerst gewählten Titels) in jener Uebergangszeit und vielleicht in allen Epochen deutscher Dichtung zu bestehen hatte. Ich kann über dies von manchen jüdischen Kritikern noch heute überschätzte Werk nur vollkommen dem Urteil beitreten, das der objektive Biograph darüber mit folgenden Worten fällt: „Auerbach verstand weder Kuh als Opfer der Uebergangszeit, im Zwist zwischen unzulänglicher Aufklärung und unzulänglicher Toleranz, hinzustellen, noch die Frage zu bewältigen, ob der Poetenberuf mit der Prosa des Kaufmannslebens unverträglich sei. Auerbachs Kuh ist kein gutes historisches Porträt, ebensowenig der freigeschaffene Typus eines jüdischen Timon. „Unklar und unstet" ist sein Romanheld. Rat- und haltlos liebelt Kuh mit Schönen der verschiedensten Bildungs- und Gesellschaftsstufen; von einer Magd, der Tochter eines jüdischen Schnorrers, gerät er zur christlichen Tochter seines Schreiblehrers, weiter an einer Potiphar von Schwägerin vorbei zur Schwester Mendelssohns, endlich gar zu einer Dresdener Gräfin. Die schwächsten Gedichte Kuhs sind ein wahrhaftigerer Ausdruck seiner Persönlichkeit, als Auerbachs Gedankensprünge, seine Stachelverse gegen falsche Freunde bissiger und individueller, als die breiten, selbstgefälligen Dialoge äe amieitia im Mendelssohn-Kreise." Von weit größerer Bedeutung als diese beiden Bücher, auf die der Autor großen Wert legte — betrachtete er sie doch als den Anfang einer großen Romanreihe: „Das Ghetto" — sind seine biographischen Arbeiten, die er in dem Sammelwerk „Galerie der ausgezeichnetsten Israeliten" vereinigt hat. Dieses von dem Grafen Breza und Gustav Schlesier begonnene Unternehmen war eine mißglückte Buchhändlerspekulation gewesen. Auerbach versuchte 1836 dem Unternehmen einen etwas würdigeren Ton und einen besseren Inhalt zu geben. Jedenfalls ist, wenn auch die Skizzen über Rothschild, Michael Beer und Salomon von keiner großen Bedeutung sind, der Artikel Rießer mit Liebe und Verständnis gearbeitet. Auch später hat Auerbach wiederholt über Juden gesprochen : seinen Freunden Bamberger und Lasker — für des letzteren Liebesbeichte hatte er den packenden Titel „Erlebnisse einer Mannesseele" gefunden — widmete er sprechende Charakteristiken; nach dem Tode meines Vaters schrieb er ein anmutiges Gedenkblatt, das aus frühere gemeinschaftliche Zusammenkünfte hinwies, den Eindruck der Berliner Antrittspredigt meines Vaters fixierte und ein liebenswürdiges Bild seines häuslichen Lebens entwarf. Das bedeutendste Dokument seiner Anteilnahme an jüdischen Dingen sind wohl seine „Briefe an Jakob Auerbach", zwei Bände, Frankfurt a. M. 1885. Nicht etwa, daß diese Briefe rein jüdischen Inhalts wären. Vielmehr sind sie die offensten Lebensbekenntnisse, wie sie nur von einem Schriftsteller herrühren können, Mitteilungen über sein gesamtes Schaffen, über alle großen und kleinen Erlebnisse, Charakteristiken der meisten Persönlichkeiten, mit denen ihn der Zufall oder ein gnädiges Geschick zusammenbrachte, Würdigung der Vorfälle der Zeit, Beurteilung der gelesenen Schriften; was aber dieser unvergleichlichen, leider durchaus nicht nach Gebühr geschätzten und auch in jüdischen Kreisen zu wenig bekannten Briefsammlung einen besonderen Reiz verleiht, das ist die beständige Erinnerung an den jüdischen Ursprung, an die Jugendzeit mit