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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-20 · Heft 51 (20.12.1907) · p. Seite 607

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 607 (sequence 7)
Language
German
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Btto Solomon. Von Gertrud Meyer. ns Schweden kommt die Nachricht, daß Otto Salomon in Nääs gestorben ist. In allen Kulturländern sind Leute, denen sich mit den Namen Nääs und Salomon Erinnerungen an sorgenlose und arbeitsfrohe Tage verknüpfen und denen die Trauernachricht zu Herzen gehen wird. Nääs, ein schönes Gut in der Nähe Gothenburgs, ehemals Landsitz der schwedischen Könige, war durch seinen letzten Besitzer, Abrahamson, zu einer Lehrerbildungsstätte gemacht worden. Im Anfang der siebziger Jahre gründete August Abrahamson gemeinschaftlich mit seinem Neffen Otto Salomon eine Arbeitsschule für Knaben, an der später auch Lehrer für den Handfertigkeitsunterricht ausgebildet wurden. Bald wuchs diese Arbeit so, daß die Schule für Kinder ganz aufgegeben wurde und dafür Kurse für Lehrer und Lehrerinnen zur Ausbildung in Tischlerslohd, Gartenbau, Hauswirtschaft und Freiluftspielen eingerichtet wurden. Da strömten Hunderte von jungen Leuten zusammen, nicht nur aus Skandinavien, auch aus Deutschland, England, Schottland und Amerika, kurz allen europäischen und außereuropäischen Kulturländern. Serbien, Bulgarien, Japan schickten auf Staatskosten junge Lehrer nach Nääs, um den Pädagogischen Slohd zu studieren; ja selbst aus Aegypten und Siam fanden sich Teilnehmer zu den Kursen ein. So wurde Nääs eine Lehrerbildungsstätte, von der die Teilnehmer und Teilnehmerinnen nicht nur technische Fertigkeiten und Kenntnisse mit nach Hause nahmen. Im Verkehr mit den anderen Nationen, im Gedankenaustausch mit Menschen aus fremder Umgebung, im Keunenlernen fremder Verhältnisse tag vielleicht der Hauptvorteil und der Hauptreiz des Lebens auf Nääs. Direktor Otto Salomon war der Begründer und Leiter der Schule. Er verstand es, aus den verschiedenartigen Elementen, die sich um ihn sammelten, ein Ganzes zu formen und dem einzelnen das Gefühl der Zugehörigkeit und der Verantwortlichkeit für das Ganze zu geben. In seinen Vorträgen lernten die Zuhörer nicht nur die Theorie des Slvyd gründlich kennen, sie konnten auch ein gutes Teil Pädagogik, Methodik und angewandte Psychologie daraus lernen. Er nahm teil an den Sorgen des einzelnen, er freute sich herzlich an der Lebensfreude, die da in dem fröhlichen Leben in der herrlichen Natur zum Ausdruck kam. Ihm haben vor allem auch die Ausländer zu danken für eine überaus gastfreundliche Aufnahme, das denkbar weiteste Entgegenkommen und liebenswürdigste Rücksichtnahme aus ihre Gewohnheiten und Eigenheiten. Einem Charakter, wie Otto Salomon ihn besaß, war es möglich, mehr als zweihundert junge Menschen für die Dauer von sechs Wochen um sich zu vereinigen, und trotz der verlangten strengsten. Pflichterfüllung jedem einzelnen das Gefühl ungebundenster Freiheit zu geben. Nirgend kann es stärkere Arbeitsfreude und harmlosere Lustigkeit geben als auf Nääs. Und überall war der Direktor. Er stand morgens auf den Stock gelehnt vor der Tür und sah schmunzelnd zu, wie alles so eilig wie möglich zum Frühstück herbeiströmte, er winkte von weitem mit der Uhr in der Hand den Verspäteten und erkundigte sich teilnahmsvoll nach dem Befinden der wenigen, die wirklich zu spät kamen und leer ausgehen mußten, immer liebenswürdig, schalkhaft und doch unerbittlich. Er hielt Vorlesungen in drei verschiedenen Sprachen und wußte alle zur .Diskussion heranzuziehen; er war so ganz bei der Sache, daß »nan nicht anders konnte als ihm folgen. Er wanderte durch die Sloydsäle und über die Spielplätze, voll Teilnahme an der Arbeit und Mitfreude am Erfolg. Er sah jeden Abend mit derselben Frische den Spielen und Singtänzen zu, väterlich wachsam diesen aufmunternd, jenen vor zu großer Anstrengung warnend. Und dem Tage hatte der rechte Abschluß gefehlt, an dem der Direktor nicht noch zum Schluß alle um die schwedische Fahne versammelt hätte und nach gemeinsamem Gesänge ihnen sein „Gutnacht, Gutnacht" zugerufen hätte. Wenn sechs Wochen vorbei waren, hatte man sich so zusammen eingelebt, daß der Abschied allen schwer wurde. Am schwersten dem Direktor, für den das Gut leer und öde war ohne seine Gäste. Tiefe, ernste Rührung war es, mit der er allen Lebewohl sagte und auf Wiedersehen. Seit längerer Zeit leidend, fühlte er sich der ungeheuren Anstrengung nicht mehr gewachsen und sprach in letzter Zeit immer häufiger davon, zurückzutreteu. Seinem tiefen Vaterlandsgefühl waren die politischen Ereignisse der letzten Zeit ein schwerer Schlag. Vor der Zeit gealtert, versuchte er sich an den Gedanken zu gewöhnen, seine Arbeit auf Nääs jüngeren Kräften zu überlassen. Einem Charakter wie dem seinen mußte es unendlich schwer werden, sich tatenloser Ruhe hinzugeben. Es ist ihm erspart geblieben. Er konnte sein Lebenswerk mit der Ueberzeugung verlassen, daß der Stempel seines Geistes ihm unverlöschlich eingeprägt sei. (Wir möchten zu diesem Nachruf noch hinzufügen, daß sämtliche Tagesblätter Schwedens dem Dahingeschiedenen Nachrufe gewidmet, in welchen die hohen und glänzenden Verdienste desselben in schwungvollen und begeisterten Worten gepriesen wurden. Gleichzeitig brachten sie ausführliche Berichte über die Leichenfeier, zu welcher Deputationen aus verschiedenen Schulen aus allen Teilen des Landes erschienen waren, wie auch über den tiefen und ergreifenden Eindruck, den die Rede hervorgerufen, welche Herr Rabbiner Dr. Koch aus Gothenburg an der Bahre gehalten hatte. D. Red.) Lerthold Auerbach und die Juden. Von Professor Dr. Ludwig Geiger. ehr als ein Vierteljahrhundert ist nach Auerbachs Tode verflossen. Bei dem Tode anderer großer Schriftsteller haben es hurtige Journalisten — die man in diesem Falle eher als Leichenschänder, denn als Grabredner bezeichnen kann — eilig, den Verstorbenen die Ehre zu gewähren oder zu rauben; nach dem Absterben Auerbachs waren sie ziemlich still. Diese Stille ist in dem langen, seither verflossenen Zeitraum so gut wie gar nicht gestört worden. Vielleicht weil man allgemein wußte, daß Anton Bettelheim, der von dem Dichter zum Testamentserekutor ernannt worden und der das gesamte handschriftliche Material in Händen hatte, mit einer großen Biographie beschäftigt war. Endlich ist sie erschienen?) Beim Lesen dieses köstlichen Bandes schweigt jeder Tadel, und auch der Vorwurf, daß das Buch erst jetzt herausgekonunen ist, muß gegenüber der überaus gediegenen Arbeit völlig verstummen. Der Mensch und der Schriftsteller stehen leibhaftig vor dem Leser da. Der herrliche Mensch, trotz all der kleinen menschlichen Züge, die nun einmal zu dem Bilde eines Irdischen gehören, und der Schriftsteller, von dem trotz vieles Verfehlten einiges dauernd h Berthold Auerbach, der Mann, sein Werk, fein Nachlaß. Von Anton Bettelheim, Stuttgart. I. G. Cottasche Buchhandlung, Nachs. 1907, X. 450 Seiten.

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