Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 606 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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am Schewuoth-Feste statt. Für Hochzeiten gibt es nur eine Klasse, was sehr anerkennenswert ist. Gedächtnisfeier findet nach der Beerdigung und an Jahrzeittagen statt. Das Gebetbuch der neuen Gemeinde, welches für diesen Zweck ganz vortrefflich ist, wurde bereits ausgegeben. Die junge Gemeinde hat Glück gehabt, indem sie einen ebenso geistvollen wie energischen Leiter in dem Rabbiner Dr. Louis GermainLövy gefunden hat. Levy ist ein ebenso gelehrter wie freisinniger Mann. Er ist jung und voll Tatkraft, er wird der Gemeinde hier in Paris, wie ich bestimmt glaube, einen großen Anhang verschaffen. Im übrigen interessieren sich die angesehensten Kreise der jüdischen Gesellschaft hier für das neue Unternehmen. Das Komitee besteht aus folgenden Herren: Louis Simon, Präsident; Salvador Levi, Vize-Präsident; Paul Sacerdote, Sekretär; Frau Anatole Dreysus, Schatzmeisterin; Frau Brandon-Salvador, Frau Edgard Hirtz, Frau Eugene Simon, Lucien Bach, Max Franck, Pierre Kahn, Frederic Simon. Das offizielle Judentum stellt sich der Sache allerdings nicht gerade freundlich gegenüber. Zur Einweihung waren die Mitglieder des Konsistoriums und des Pariser Rabbinats eingeladen — aber keiner der Herren war erschienen. Dagegen waren zwei der angesehensten protestantischen Geistlichen, die Pastoren Roberty und Wagner, gekommen. Das Gebetbuch der neuen Reformgemeinde führt den passenden Titel: „Knofai'm Looretz“ (Les ailes ä la Terre). Möge es der neuen Gemeinde gelingen, den religiösen Geist, der namentlich unserer Jugend hier sehr fehlt, zu wecken und zu kräftigen! Das wünschen ihr gewiß alle, auch diejenigen, die nicht auf ihrem Standpunkt stehen, die aber vorurteilsfrei genug sind, jede Richtung und Bestrebung, die dem Dienste des Judentums geweiht ist, zu würdigen. Almoni. Nrirk aus Nom. Von M. Marasse. it der Wahl Ernesto Nathans zum Bürgermeister von Rom gelangt die Geschichte der Gemeindevertretung dieser Stadt der Kontraste in eine neue Phase. Rom hatte bisher darauf gehalten, aristokratische Namen an die Spitze seiner Verwaltung zu stellen. Neuerer Adel war einst durch Torlonia, mittelalterlicher durch einen Doria Pamfili, einen Ruspoli und den Fürsten Prospero Colonna vertreten. Auch diesmal hatte man an den demokratischen Patrizier Scipio Borghese, den Abgeordneten von Albano, denselben Mann, dessen raid Peking-Paris ihn in ein sports-sympathisches Licht gebracht hatte, zunächst gedacht. Indessen dieser hatte telegraphisch jede Kandidatur abgelehnt. Nicht nur der Bürgermeister, sondern der ganze Magistrat, der auf dem klassischen kapitolinischen Hügel tagt, war bisher aristokratisch zusammengesetzt. Das eigentliche Volk der Quiriten vermochte kaum seine Stimme zu erheben. Wenn nun in diesen Tagen sämtliche Parteien vor dem liberalen Block geradezu die Flucht ergriffen, hatte dies zunächst den Grund in der allgemeinen Unzufriedenheit mit der Arbeit der Verwaltung vergangener Epochen. Die Teuerung der Nahrungsmittel und der Wohnungsmieten ist in einem Jahrzehnt derart gestiegen, daß der Schrei nach Abhilfe mehr als berechtigt erscheint. Die städtische Administration trat für einen Wandel mit mehr denn schwachen Kräften ein. Dazu kam die vom Vatikan ausgehende Strömung gegen den Modernismus, die in ihrer Härte gegen jede Geistesfreiheit an das dunkelste Mittelalter erinnert. So fanden die Liberalen einen fruchtbaren Boden, den sie ohne Kampf eroberten. Am Tage der Wahl erscholl vor dem Konservatorenpalaste der Ruf der Demonstration: „Viva il Blocco! Abasso i preti!" Es waren der Wähler 72; die 60 Stimmen des liberalen Blocks fielen auf Ernesto Nathan, die anderen 12 der klerikal-konservativen Gruppe enthielten sich der Wahl. Aber auch der nächstfolgende liberale Kandidat war ein Jude. Ernesto Nathan ist 58 Jahre alt, in London als der Sohn des Engländers Josef Nathan und der Römerin Sarah Roselli geboren, jüdischen Glaubens, freiester Richtung. Seine Gattin jedoch, Virginia Miele aus Siena, reich an Grundbesitz und Vermögen, hält fest an der orthodoxen Richtung, und beide Töchter sind an Juden in geachteter Stellung verheiratet. Der Gedanke an einen Uebertritt würde sich mit Nathans ganzer Anschauung niemals vertragen. Ex-Großmeister des italienischen Freimaurerbundes, haben ihm mazzinistische Lehren die intellektuelle und politische Richtung gegeben. Die Toleranz und kulturfreiheitliche Tendenz erhielt er bereits durch die hochbedeutende Mutter, Sarah Levi-Nathan, die Trösterin Mazzinis und Freundin Garibaldis. Nathan, der erst im Jahre 1888 die Rechte des italienischen Bürgers erworben, vereint in glücklichster Weise die guten Eigenschaften seiner nordischen Herkunft mit südlichem Enthusiasmus und Begeisterungsfähigkeit, die er dem Einfluß der Gattin verdankt. Besonders zum Besten der Frauen und Kinder in Schulen und Kindergärten hat Virginia Miele ihren Wohltätigkeitssinn in großherziger und rationeller Weise bekundet. Nathan ist auch als Publizist hervorgetreten und hat Mazzinis sämtliche Werke herausgegeben. Daß die „Tribuna", philosemitisch angehaucht, daß der „Mesfagero", ein Volksblatt, welches durch seine zielbewußte Opposition gegen die vorherige Verwaltung nicht unwesentlich zu dem jetzigen Stand der Dinge beigetragen hat, eine Lobhymne auf den neuen Bürgermeister singen, darf nicht verwundern, jedoch auch die streng päpstlichen Blätter sind äußerst zurückhaltend in ihrem Tadel. An dem Manne selbst ist eben ein Makel nicht zu finden. Ueber die Aeußerung des Papstes selbst kursiert eine gut verbürgte Anekdote, die sich in folgendem Zwiegespräch wiedergeben läßt: „Wissen Euer Heiligkeit, daß man einen Nathan zum Bürgermeister von Ronl gewählt hat?" „Freilich, Eminenz, und ich bin es wohl zufrieden." „Aber er ist Freimaurer?" „Tut nichts!" „Aber er ist Jude!" „Was schadet es? Er soll Galantuomo sein, er wird weder stehlen, noch wird er stehlen lassen!" Die Sache klingt keineswegs unglaublich; schließt doch die „Vera Roma", ein heftig streitendes und Propaganda machendes Blatt, seinen Artikel über den Erwählten des Blocks mit deni klugen Worte: „Wir werden ihn bei der Arbeit sehen, und nach seiner Arbeit werden wir ihn beurteilen." Der Schwur, welchen der Sindaco von Rom auf dem Kapitol abgelegt, hatte folgenden Wortlaut: „Ich, Ernesto Nathan, schwöre. Seiner Majestät dein Könige Viktor Emanuel und seinen königlichen Nachfolgern treu zu sein, dem Statut und den anderen Gesetzen des Staates streng anzuhängen und meine Funktionen als Bürgermeister nur zu dem Zweck des vom Könige und vom Vaterlande unzertrennlichen Wohls auszuüben!" Der Empfang des neuen Bürgermeisters beim König war ein sehr freundlicher.