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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-20 · Heft 51 (20.12.1907) · p. Seite 605

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 605 (sequence 5)
Language
German
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Maurermeister Weile und Emil Cohn, der übrigens, wie von uns bereits früher erwähnt, mit Architekt Kuznitzky bei gleicher Slimmenzahl zu losen hatte, nur auf drei Jahre gewählt. Die liberalen Stellvertreter sind auf sechs Jahre gewählt, nur Professor Türk auf drei Jahre. Wenn nun auch die Liberalen für die nächsten drei Jahre die Majorität haben, zwölf zu neun Stimmen, so ist doch schon vorauszusehen, daß der Wahlkampf nach drei Jahren um so heftiger entbrennen wird, weil alsdann außer den alten bewährten liberalen Repräsentanten zwei der jetzt gewählten turnusmäßig wieder ausscheiden müssen und infolgedessen das liberale Element fast vollständig aus der Versammlung schwinden würde. Nach den Resultaten, die das diesjährige Kompromiß gezeitigt hat, scheint es uns ausgeschlossen zu sein, daß die Liberalen in späteren Zeiten sich wieder auf ein solches Abkommen einlassen werden. Denn nur diejenigen haben ja, wie es sich gezeigt hat, den Vorteil davon, die es nicht innehalten. Im übrigen haben wir die Hoffnung, daß die Liberalen die Majorität, die sie sür die nächsten drei Jahre in der Versammlung haben, dazu benutzen werden, wirklich liberale Forderungen durchzusehen, um so den Liberalismus im Judentum und speziell in unserer Gemeinde hochzuhalten und zu fördern. JBrirf aus Daris. ur selten dringen in dieses geschätzte Blatt, das ja svnst das Echo aller jüdischen Interessen in der ganzen Welt ist, ausführliche Nachrichten aus Frankreich. Und doch bietet das französische Leben gerade jetzt so viel Interessantes an sich und nicht weniger Beherzigenswertes sür die Juden aller Kulturländer. Wir leben hier in einer geschichtlichen Uebergangszeit,' die von entscheidender Bedeutung für die Zukunft des Judentums in Frankreich ist. Aber wenn nicht alle Anzeichen trügen, so tvird die französische Judenheit die große Krisis, in der sie sich momentan befindet, glücklich überwinden. Den Uebergang von den Zwangkonsistorien zu freien Gemeinden haben wir jedenfalls schon gemacht, wie die am 10 v. M. in ganz Frankreich in voller Ordnung vor sich gegangenen Wahlen der Mitglieder zum ersten „Conseil de l’Union des Associations cultuelles“ erwiesen haben. Ans dieseni Conseil besteht nach der neuen Verfassung, die wir uns selbst gegeben haben, das Zentralkonsistorium. Jede dieser Kultusassoziationen oder Gemeinden, die sich unter dem neuen Regime nach der Trennung des Staates von der Kirche gebildet, hat das Recht, für je 200 Mitglieder einen Repräsentanten zu wählen. Die kleineren Gemeinden, die diese notwendige Zahl von Mitgliedern nicht besitzen, können sich mit anderen naheliegenden Gemeinden vereinigen, um diese Zahl zu erreichen. Was die Pariser Gemeinde betrifft, so ist bestimmt, daß von den 20 Mitgliedern, die ihr Conseil bilden, die ersten zehn, die die meisten Stimmen erhalten haben, Mitglieder des Zentralkonsistoriums sind, zugleich aber auch ihren Sitz im Pariser Konsistorium haben. Das neue Zentralkonsistorium besteht aus 34 wirklichen Mitgliedern. Diese find in alphabetischer Reihenfolge: Henri Aron (Paris), Leonard Aron (La Menze), Armand Baze (Besan^on), Guillaume Beer (Rice), Edmond Bikart-See (Nancy), Julien Blocq (Laueville), Samuel Cohen (Alger), H. Deutsch de la Meurthe (Constantine), Rene Dreifus (Paris), A. Fould (Nancy), B. Guguenheim (Dijon), Helbronner (Paris), Hirsch (Rouen),» Marcel Lambert (Armes), Ernest Lang (Epinal), I. Levaillant (Lille), N. Leven (Paris), Albert Lsvy (Paris), Raphael-Georges Levy (Marseille), Emile Levylier (Nancy), Kommandant Levylier (Marseille), Camille Lyon (Lyon), Cdouard Masse (Paris), Fernand Moch (Reims), Alfred Neymarck (Paris), Achille Picard (Lyon), Pintus (Sedan), Reitlinger(Belfort), C. Rodrigues (Bayonne), Edmond de Rothschild (Paris), Edouard de Rothschild (Bordeaux), Gustave de Rothschild (Paris), Michel Schwartz (Nantes), Eugene See (Paris). Wie Sie sehen, wird das Halis Rothschild im Zentralkonsistorium eine große Rolle spielen; wenn es auch auf der einen Seite im höchste,, Grade anerkennenswert ist, daß diese Finanzbarone den jüdischen Interessen eine so intensive Teilnahme zuwenden, so liegt auf der anderen Seite doch wieder eine große Gefahr darin, daß sie das Schwergewicht ihres Einflusses im Interesse einer bestiininten Partei oder Tendenz in die Wagschalc werfen können, wie dies früher leider mir zu oft geschehen ist. Die Wahlen sind, wie ich schon erwähnte, in voller Ordnung vor sich gegangen. Alle Resultate sind schon im ersten Wahlgang erreicht worden. In den Provinzen hat mehr als die Hälfte der eingeschriebenen Wähler gestiinmt, in Paris allerdings von 3321 Wählern nur 1142. An der Spitze der Gewählten stehen die Barone Gustav und Edmund von Rothschild, die beide je 1100 Stimmen erhalten haben. Indes ist mit diesen Wahlen die Zusammensetzung des neuen Zentralkonsistoriums noch nicht komplett. Es fehlt noch das religiöse Element, repräsentiert durch den Crand Ilabbin de France, welchem zur Assistenz zwei andere Rabbiner im „Conseil de l’Union“ beigegeben werden. Was Algier betrifft, so haben die Wahlen noch nicht stattgefunden. Es wird damit gewartet, bis dort das Gesetz über die Trennung des Staates von der Kirche durchgeführt sein wird, d. h. bis zum 1. Januar 1908. Das Gesetz wird für die Verhältnisse der jüdischen Kultusgeilieirlschaft von schwerwiegender Bedeutung sein. Denn die algerischen Juden, nach den letzten Zählungen zirka 62 000, rekrutieren sich meist aus den unbemittelten Schichten und dürften kaum in der Lage sein, die Kosten ihres Kultus aus eigenen Mitteln zu tragen, wie es das neue Gesetz verlangt. Daher haben denn auch die Vorsteher der algerischen Gemeinden eine Eingabe an das Konsistorium in Paris gerichtet, in der sie die Lage der algerischen Gemeinden schildern und um die Unterstützung des Konsistoriums bitten. Eine Folge des Gesetzes dürste daher denn auch eine engere Verbindung zwischen algerischen und französischen Juden sein. Denn während bisher die algerischen Gemeinden ziemlich unabhängig waren, sind sie nunmehr gezwungen, die Snbsidien des französischen Konsistoriums anzunehmen. Ueber das jüngste Ereignis, die Eröffnung des neuen Tempels der hiesigen Reform gemeinde (Union Liberale Israelite: habe ich bereits berichtet. Man bringt dieser neuen Gemeinde hier das größte Interesse entgegen. Sie ist die erste reise Frucht der neuen Ordnung in Frankreich. Der Kultus der Gemeinde schließt sich eng an den allgemein üblichen an. Der Gottesdienst findet dreimal in der Woche: am Freitag Abend um 6 Uhr, am Sonnabend und am Sonntag Vormittag um IOV2 Uhr statt. Der Sabbat ist also nicht abgeschafft und nicht verlegt. Predigten finden an jedem Sonntag statt. Die Feste werden nur an einem Tag gefeiert. Der Versöhnungstag beginnt am Vorabend um 6 Uhr, am Morgen um 10 Uhr, am Abend um 5 Uhr; der Tempel ist jedoch den ganzen Tag geöffnet. Der Religionsunterricht findet Donnerstag von 10 bis 11, und Sonntag von 9'/a bis 10'/2 statt; die Unterrichtsgegenstände sind Hebräisch, Religionslehre, jüdische Geschichte und Literatur. Die Barmizwahfeier findet nach einer Prüfung für Knaben, sowie die Konfirmation für Mädchen

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