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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-20 · Heft 51 (20.12.1907) · p. Seite 603

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
Seite 603 (sequence 3)
Language
German
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603 galizischen Juden fast ßor nicht fort, und oft werden große Sümrnsn, welche auswärtige Wohltätigkeitsinstitutionen für Galizien bestimmen nur nutzlos verwendet. Die wichtigste Ursache, weshalb dieses Hilfswerk dem guten Willen der zu so großen Opfern bereiten auswärtigen Vereine nicht entsprechend fortschreitet, liegt vor allem darin, daß diese Wohltäter in Unkenntnis über die wirkliche Lage der galizischen Juden und deren wirtschaftliche Verhältnisse sind, sohin, daß die Masse der galizischen Juden an dem Hilfswerke nicht mitarbeitet. Es mußte deshalb ein Hilssverein gegründet werden, welcher, um den galizischen Juden von Nutzen zu sein, in Galizien selbst seinen Sitz haben und von galizischen Juden, denen die Verhältnisse des Landes genau bekannt sind, geleitet werden soll. Die nächsten Ziele dieses von der k. k. galizischen Statthalterei bereits genehmigten Vereins sind: 1. Sammlung genauer statistischen Daten über jeden einzelnen Juden in Galizien. Es soll die Lage jeder einzelnen jüdischen Familie, besonders aber die Arbeitsfähigkeit und Fertigkeit jedes einzelnen Familienmitgliedes, sowie deren Gesundheitszustand festgestellt werden. Die Kenntnis dieser Einzelheiten erscheint unerläßlich. bevor man überhaupt zu einer positiven Arbeit schreitet. Ans Grund dieser Statistik hoffen die Gründer sowohl Ursache und Grad der jüdischen Armut genau kennen zu lernen, als auch in der Lage zu sein, die zweckdienlichsten Mittel zur Behebung derselben anzugeben. 2. Organisierung der jüdischen Arbeitsvermittlung im ganzen Lande. Bisher pflegte der Jude einer kleinen Stadt, der arbeitslos war, auszuziehen und planlos zu wandern, bis er Arbeit fand. Glückte es ihm, Arbeit irgendwo zu finden, solange der kleine Barvorrat, den er vorn Hause mitnahm, nicht erschöpft war, so war das Uebel nicht so groß. Gingen aber die geringen Geldmittel aus, ehe er Arbeit fand, so begann er unter dem Vorwände, aus der Arbeitsuche zu sein, seine Glaubensgenossen um Unterstützung anzrrgehen, und allmählich ward er dann zum Professionsbettler, der für eine Arbeit nicht mehr zu haben war. Hunderte solcher Bettler leben jetzt in Galizien, die niemals so tief gefallen wären, wenn sie seinerzeit, als sie auszogen, Arbeit zu suchen, ein bestimmtes Ziel gehabt hätten, wo sie auch wirklich Hütten ihren Fähigkeiten entsprechende Arbeit finden können. Ueberall bestehen bereits solche Arbeitsvermittlungen für Juden, nur nicht in Galizien. Der Verein will auch die Hausindustrie fördern und den Absatz der fertigen Ware erleichtern. 3. Die Errichtung von Gewerbeschulen für alle Handwerke, in denen die Zöglinge einen dem Leben der galizischen Juden angepaßten Unterricht genießen sollen. Mithilfe bei Errichtung kleiner jüdischer Landwirtschaften. 4. Die Errichtung von Wohlfahrtsanstalten in jeder galizischen Stadt, damit das körper- und seelenverderbende Schnorrerwesen im Lande allmählich ein Ende nehme. 5. Einberufung von Lokalkonserenzen unter möglichst großer Beteiligung, behufs Beratung und Beschlußfassung über die Mittel zur Verbesserung der Lage und behufs Ausarbeitung von Hilfsplänen. Der Verein hat gar keine politische Tendenz und kann deshalb jedermann demselben beitreteu. Auf diese Weise wird höchstwahrscheinlich Galizien ansgerafft, aufgemuntert und zur Selbsthilfe gespornt werden. Hoffentlich werden solche Projekte, die nach genauer Einsicht der Verhältnisse vorgelegt werden, wirkliche und anhaltende Hilfe für Galizien bringen. Behufs Ausführung dieser Pläne ersuchen wir alle unsere edlen Gönner, alle Wohltätigkeitsvereine im Auslande, wie überhaupt alle Jene, welche sich mit galizischen Hilfswerken befassen, unserem Verein ihre Sympathie zuzuwenden und uns mit Rat und Tat behilflich zu sein. Wir wenden uns vor allem an jene aus Galizien stammende Glaubensgenossen, welche in ihrer neuen Heimat Vermögen und Ansehen erworben haben, aber doch noch das Elend und die Not ihrer Brüder im Geburtslands in Erinnerung behalten und infolgedessen mit unseren Absichten und Wegen einverstanden sind, mit der Bitte, daß sie die Zwecke des Vereins nach Möglichkeit und ihren besten Kräften fördern. Für den „Hilfsverein für galizische Juden zu Kolonien". I. Weber, Dr. Landau. * _ Welchen Kurs die russische Regierung in der Judenfrage steuert, zeigt deutlich folgender Vorgang. Vor zwei Jahren hatte der damalige Justizminister die Verfügung getroffen, daß alle Senatsbestimmungen über die Beschränkungen der Juden, welche an die 600 aufzählen, bis zur endgültigen Lösung der Judenfrage nicht weiterangewendet werden sollen. Jetzt erließ Justizminister Schtcheglowilow den Befehl, diese Senatsbestimmungen strengstens zu befolgen. Es geht eben in allen Dingen so unter dem Regime des Herrn Stolypin, mit dem keiner zufrieden ist, weder die Rechte noch die Linke der Duma. Da heißt es, General Kaulbars sei aus Odessa abberufen und seines Amtes entsetzt worden. Alles atmet ans, vor allem die Juden in Odessa. Am andern Tage kommt die Nachricht, daß er durch General Rennenkampf ersetzt werden soll. Das heißt den Teufel durch Beelzebub austreiben. Und auf diese Weise kann weder in Odessa noch auch im übrigen Rußland jene ruhige Stimmung aufkommen, die notwendig ist, um dem unglücklichen Lande den Frieden zu geben, dessen es so sehr bedarf. Denen, dieinA m er ikanach einem strengeren Einwanderungsgesetz schreien, wird eine gute Lehre gegeben dadurch, daß ein aus Strelno in Posen eingewanderter Jude in dieser Woche den Nobelpreis gewonnen und dadurch die amerikanische Wissenschaft zu hohen Ehren gebracht hat. Es ist dies Professor Albert Abraham Michelson in Chicago, der mit seinem Vater Samuel Michelson vor fünfzig Jahren nach Amerika kam und als Professor der Physik an der Universität Chicago zu großem Ansehen gelangt ist. Er hat hauptsächlich auf dem Gebiete der Optik und besonders der Interferenz des Lichtes gearbeitet. Seine wichtigste Erfindung ist das sogenannte Stufenspektroskop, ein Apparat, der das Licht sehr weitgehend spektral zerlegt. Berühmt ist auch sein Versuch, den Einfluß der Erdbewegung auf die Fortpflanzung des Lichtes festzustellen, der freilich nur einen negativen Erfolg hatte. Michelson ist Mitglied der Akademien zu London und Paris; er hat auch vor einigen Jahren die große Rumford- Medaille erhalten. Mchklsngr?u den Oeprälentanten- Wshlrn. 8. Berlin, 8. Dezember. Beit langen Jahren ist in Berlin der Tag zu den Repräsentanten- Wahlen nicht so ruhig und friedlich verlaufen wie am letzten 28. November. Durch das zwischen den Liberalen und Konservativen geschlossene Kompromiß ist in vielen Kreisen die Meinung hervorgerufen worden, als ob überhaupt nicht gewählt zu werden braucht. Nicht mit Unrecht; denn wo kein Kampf, kann auch kein Sieg sein; das Interesse der Wähler verflacht. Die Namen der Kandidaten waren ja vorher bestimmt, und, da Gegenkandidaten nicht ausgestellt waren, unterlag es keinem Zweifel, daß diese Kandidaten entweder in die Repräsentanten-Versammlung einrücken oder als Stellvertreter gewählt werden würden. Wenn man von einem Wahllokal zum andern wanderte, so war man erstaunt, welche Teilnahmlosigkeit überall herrschte. Weder von der liberalen noch von der konservativen Partei waren Vertrauensmänner ausgestellt worden. Lediglich die Stimmzettelverteiler standen vor den Lokalen und boten den Wenigen, welche ihrer Wahlpflicht nachkamen, die Stimmzettel an. Die meisten Wähler hatten ober ihre Liste vorher bereits zurecht gemacht. Von liberaler wie konservativer Seite wurde der eine oder der andere gestrichen, teils aus persönlichen Rücksichten, teils aus politischen.

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