Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 51 (20.12.1907)
- Date
- 1907-12-20
- Page
- Seite 602 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gedacht haben. In einer der letzten Nummern der „Zukunft" heißt es (Seite 266) ausdrücklich, daß der Verteidiger „eines Israeliten Sohn lwie der Verteidiger freilich dem Judentum immer fremd geblieben). Dasgenügt." Jawohl,das genügt für uns, aber leider nicht für die konservativ-antisemitische Hetze. Ebensowenig wie der Verteidigte hat der Verteidiger also auch nur einen Augenblick daran gedacht, daß er Jude ist. Er hat bei seinem Austritt aus dem Judentum erklärt: „Ich will nicht länger dem Völklein angehören, daS sich selbst im Wege steht." Nun denn, das Völklein verzichtet gern auf diese Zugehörigkeit! Der Sachverständige schließlich ist in seine Theorie so verliebt, daß er ihr zulieb wahrscheinlich ganz Israel ohne weiteres preisgeben würde, wenn er es könnte. Die Antisemiten sehen nicht bloß den Splitter in den Augen der Juden und nicht den Balken in den eigenen, sondern sie dichten den Juden erst einen Splitter an, um den Balken in den eigenen Augen nicht zu sehen, und sie sehen nicht nur diesen Balken nicht, obwohl er sogar gerichtsnotorisch ist, sondern sie leugnen ihn und konservieren ihn sehr liebevoll. Aller guten Dinge sind drei, der bösen aber sind gar viele, und wir könnten noch viele kuriose Dinge aus neuester Zeit ansühren, aber wir wollen es bei den dreien bewenden lassen. Wenn unsere Gegner lernen könnten und wollten, könnten sie ans diesen dreien vorläufig genug lernen. Lernen, daß auch Judenblätter dem Vaterlande die größten Dienste leisten können, lernen, daß sie auf ihre Gläubigen nicht stolz zu sein Ursache haben, und daß sie Missetäter genug unter den andern finden können und nicht erst bei den Juden ohne jeden Anlaß solche mit dem allergrößten Eifer zu suchen brauchen. Bit Woche. Berlin, 17. Dezember, s war zu erwarten, daß die vereinigten Antisemiten und Bündler die Beratung des Börsengesetzes am 17. d.Mts. zu Ausfällen gegen die Juden benutzen würden. Im ganzen ist die Sache aber noch glimpflich abgegangen. Ja, ein Novize des Antisemitismus, der Abgeordnete Böhme, hat sogar in sehr naiver Weise verraten, daß die Mißstimmung gegen die Börse „in erster Linie" davon ausgehe, daß an ihr das jüdische Element im Vordergründe stehe. Also es sind nicht volkswirtschaftliche Gründe, die die Herren zum Kampfe veranlassen, sondern Rasseninstinkte! Derselbe Herr kramte auch aus seinem Zitatenschatz ein Wort des Freiherrn von Stein in einem Brief an Wilhelm v. Humboldt von „Bankiers mit jüdischen Bankiersseelen" aus. In welchem Zusammenhänge das Wort daselbst gebraucht wurde, wissen wir augenblicklich nicht; die Bemerkung aber, daß Stein „gar keine Vorliebe für das Judentum und alles, was damit zusammenhängt", gehabt habe, wird erst noch von wirklichen Historikern nachzuprüfen sein. Daß der Abgeordnete Diedrich Hahn seine üblichen Scherze machte, ist selbstverständlich. „Cohn und Levy", die „gerissenen Morgenländer", und all diese abgedroschenen Witze mußten zum Ergötzen der versammelten Junker und Agrarier wieder aufmarschieren, so daß der Abgeordnete Dove eigentlich recht hatte, von Fastnachtsstimmttng zu sprechen. Sehr merkwürdig war nur ein Wort, das Herrn Hahn entschlüpft ist und das festgenagelt zu werden verdient: „Die Börse ist eine Einrichtung für das Wirtschaftsleben des ganzen deutschen Volkes." Also doch! Und trotzdem dieser Haß gegen die Börse und alles, was damit zusammenhängt — ist das nicht seh, charakteristisch? Und wo steckt da die „sittliche Berechtigung", mit der die Agrarier so gern prunken und mit der sie z. B. sogar den urprotestantischen Frank Wedekind „dem Judentum zuschieben", dem doch der Mann wie sein Schaffen und fein* Weltanschauung genau so fremd gegenüberstehen, wie etwo jene Herren, die ein wirtschaftliches Institut für das deutsche Volk ruinieren wollen, bloß weil Juden dabei beteiligt sind, - aller Logik und Ethik! * Der Gesetzgebungsausschuß der zweiten h essischen Kamme hat über die Anträge des antisemitischen Abgeordneten Kühle: betreffend den sogenannten Schlippschen Erlaß und den so genannte,! Beamtenerlaß beraten. Der erster« ist bekanntliü von dem damaligen Oberstaatsanwalt Schlipp im Jahre 189« ergangen und empfiehlt den Amtsanwälten, der antisemitische! Bewegung im Odenwald sorgfältige Beachtung zu schenken Der Beamtenerlaß des Ministers Finger vom Jahre 1892 ha ähnlichen Inhalt und verbietet den Beamten, sich durch Wor und Schrift, durch Mitgliedschaft an Vereinen und Besuch vo, Versammlungen an den sogenanntenantisemitischen Bestrebungei zu beteiligen. Der Antrag des Abgeordneten Köhler will, das diese Erlasse beseitigt werden. Der Ausschuß war der Auffassung, daß diese Erlasse unter den heutigen Verhältnissen überflüssig, sind, beantragte daher, die großherzvgliche Regierung zu ersuche» die Erlasse zurückzuziehen. Was wird nun kommen? Wird di Regierung den antisemitischen Wünschen Rechnung tragen ' Vielleicht interessiert die Kreise, die es angeht, die folgend Notiz, die ein merkwürdiges Schlaglicht auf die Erfolge de hessischen Antisemitismus wirft: Nach einer statistischen Arbeit Dr. Arthur Rnppins über die Jude, im Grotzherzogtum Hessen wohnten in hessischen Ortschaften nute 2900 Einwohnern 1828 23 367 und 1905 14072 Jude», also eine Vcr Minderung uni 66 Prozent. Während 1828 noch fast zwei Dritte aller Juden Hessens in Orten mit weniger als 2000 Einwohnern lebten, traf dies im Jahre ,905 nicht mehr für ein Drittel zu. * Wie anerkennenswert auch die Bestrebungen der große» Organisationen sein mögen, das Hilfswerk für die notleidende: Juden in Galizien in Angriff zu nehmen, es bleibt doch fiu jeden, der die Verhältnisse genau kennt, eine feststehende Tatsache, daß die gründliche und rechte Hilfe nur aus dem Land ' selber kommen müffe. Mit Genugtuung haben wir deshalb die Kunde von der Begründung eines Hilfsvereins in Galizier selbst begrüßt, und gern veröffentlichen wir heute den nach folgenden, aus Kolomea uns zugegangenen Aufruf, den wir de. allgemeinen Beachtung empfehlen: „Aufruf zur Hilfsarbeit für galizijche Juden. Die soziale und geistige Not der Juden in Galizien wird imme. größer. Das Elend erfaßt mit jedem Tage immer breitere Masse» des galizischen Judentums. Jede Stuse des allgemeinen ökonomische, Fortschritts des Landes wird derart ausgenützt oder bewirkt mechanisch daß sie nur eine neue Quelle jüdischer Bedrängnis wird. Die Hand habung der Gewerbeordnung, die strenge Durchführung der Sonntagsruhe, die Bildung christlicher landwirtschaftlicher Vereine mi „katholischen" Handlungen, die Propinationseinlösung, die Mono' polisierung des Salzhandels entreißen immer mehr Erwerbsquelle, ans den Händen der galizischen Juden, welche, auf ein sehr enges Arbeit? selb beschränkt, untereinander maßlos konkurrieren müssen, ja fid: einander geradezu das Brot aus dem Munde nehmen. Alles die wirkt verhängnisvoll aus die jüdischen Kausleute und Gewerbetreibende. (Ackerbau in Kleinwirtschaften wird von Juden fast gm nicht betrieben.) Die Aktionen der auswärtigen Hilssvereine sind leider nicht genügend; es schreitet deshalb das Hilfswerk für dir