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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-20 · Heft 51 (20.12.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 51 (20.12.1907)
Date
1907-12-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 51. Berlin, 20. Dezember 1907. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Mrgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnemen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebs^ llen) bezogen vierteljährl. S M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner D». Ludwig Phillpxson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Ierusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Koch eine Lektion. Berlin, 17. Dezember. »n Nummer 44 unseres Blattes erhielten die Antisemiten ^7 eine Lektion über den von ihnen mit großer Borliebe gepredigten Rassenstolz und Rassenhaß. Aber warum in die gerne schweifen, sieh, auch das Häßliche liegt so nahe. Wir rauchen nicht erst bis nach Kalifornien zu gehen, um die Äegner auf verschiedenen Gebieten ad absurdum zu führen, Ls genügen einige der jüngsten Vorkommnisse daheim. Als unser Staatssekretär des Auswärtigen vonTschirschky als Botschafter nach Wien versetzt wurde, da wußte ein Antiemitenblatt ihm keine bessere Lehre mit auf den Weg zu zeben, als sich der Lektüre der „Neuen Freien Presse" zu entlasten. Denn die „Neue Freie Presse" gilt den Antisemiten als das Judenblatt par excellence, als das Organ der Alliance sraelite, als der Hauptmoniteur des Judentums, und das will natürlich so viel sagen, als daß nicht nur nichts Gutes aus ihm zu entnehmen sei, sondern auch, daß nur Schlechtes aus diesem Blatte, das beiläufig als eins der geistvollsten und destredigierten Blätter in deutscher Sprache angesehen wird, gelernt werden könne. Der witzige Zufall wollte es nun, daß ein, zwei Tage später gemeldet werden konnte, daß an dem Zustandekommen des österreichisch-ungarischen Ausgleichs, der den Staatsmännern diesseits wie jenseits der Leitha seit Jahr und. Tag so viel Kopfzerbrechens verursacht hatte, der ganz nahe daran war wieder zu scheitern, infolgedessen eine Art Chaos über die ohnehin etwas chaotische häbsburgische Monarchie hereingebrochen wäre, ausschließlich dank einem Vorschläge eben dieses Judenblattes, das der deutsche Botschafter ja nicht lesen sollte, in letzter Stunde zustande gekommen ist. Nehmen wir ein zweites Vorkommnis aus jüngster Zeit daheim. Die Leser erinnern sich noch mit Entsetzen des vierzehnjährigen Mädchens, das sechs der ihm anvertrauten Kinder grausam und heimtückisch aus der Welt schaffte dadurch, daß es ihnen eine Nadel durch den Schädel in das Gehirn bohrte. Diese im Katechismus wohl versierte junge sechsfache Mörderin hat von allen göttlichen und menschlichen Geboten nicht eins behalten und befolgt, wohl aber hielt es sich nach eigenem Geständnis für zu gut, um bei Juden zu dienen. DieJuden werden ja weiter nicht unglücklich darüber sein, daß dieses infame Ding nicht bei Juden dienen wollte; im Gegenteil können sie es den Lehrmeistern nur Dank wissen, daß ihre gelehrige Schülerin sich von ihnen fernzuhalten für ihre Pflicht hielt. Aber sonderlich stolz dürften diese auf ihre getreue Schülerin nicht sein. Im Gegenteil legt der Vorfall Zeugnis dafür ab, daß, um Haß gegen die Juden zur Schau zu tragen, weiter nichts erforderlich ist als ein recht robustes Gewissen. Wir generalisieren durchaus nicht; aber es haben unsere Feinde daheim und draußen oft genug durch Wort und Tat mehr als zur Genüge gezeigt, daß ihnen nichts so sehr fehlt als ein Gewissen, als einfachstes menschliches Empfinden. Der Beweise bedarf es wohl nicht erst, da uns die grauenvollen Heldentaten und Pogrome der jüngsten Zeit nur zu gut noch in Erinnerung sind. Ein dritter, allerneuester Fall. Als vor einiger Zeit ein vielgenannter Arzt auf Grund seiner, wir wissen nicht, ob genügend begründeten oder falschen Theorie, jedenfalls aus seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung für die Abschaffung des Z 175 des Reichsstrafgesetzbuchs eintrat und dafür eine große Schar bedeutender Männer gewonnen hatte, als sich daran der bekannte Prozeß knüpfte, der eben zum zweitenmal verhandelt werden soll, da heulte der antisemitische Chor, die Juden wollten das deutsche Volk mit orientalischen, mit kanaanitischen Lastern verseuchen. Für die Dummköpfe und Ignoranten, aus denen sich ihre Leserkreise und Zuhörerschaften überwiegend zusammensetzen, hieß das so viel und sollte auch nach den Absichten der Schreiber heißen: mit jüdischen Lastern. Das war doch zu stark in Anbetracht dessen, daß wohl tausend Jahre, ehe Römer und Griechen, wie jeder Primaner schon aus der Lektüre des Horaz weiß, Knaben andichteten und offen anbeteten, bei den Juden das, was man heute „Homosexualität" nennt, mit Todesstrafe bedroht war. Durch den sehr häßlichen Prozeß ist aber doch enthüllt worden, welche Kreise dabei in erster Reihe beteiligt waren, enthüllt, was nach dem gewiß einwandfreien Zeugnis des „Reichsboten" der in weitesten Kreisen herrschenden Ueberzeugung entspricht. Daß Juden dabei oder sonst an wüsten Orgien beteiligt gewesen sind, haben wir nicht gehört. Gerade in den Kreisen, die in Frage kamen, findet man, auch wenn man mit der Laterne sucht, kernen jüdischen Einjährigen. Zu den Kreisen vornehmer Herren hatten Juden gewiß nicht Zutritt. Dennoch fährt die antisemitische Presse fort, mit unerhörter Dreistigkeit die Dinge, die in jenem Prozeß besprochen worden sind, den Juden in die Schuhe zu schieben. Ja, nach der antisemitischen Presse zu schließen, sind nicht etwa die anderen die Uebeltäter, sondern diejenigen, die die Eiterbeule ausgeschnitten haben, weil sie früher einen jüdischen Namen geführt, aber seit langen Jahren dem Judentum fremd, ja feindselig gegenüberstehen. Wir haben wahrlich keine Veranlassung, für Herrn Harden, der vom Judentum abgefallen ist und vor Gericht sich mit seinem Taufnamen und als evangelisch bezeichnet — er hat seine Artikel eine Zeitlang Apoftata gezeichnet — eine Lanze einzulegen. Aber die Hand ins Feuer sind wir ohne weiteres bereit dafür zu legen, daß jene Herren bei ihrem Vorgehen auch nicht den Bruchteil einer Sekunde an das Judentum

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