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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-13 · Heft 50 (13.12.1907) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 50 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 600 (sequence 12)
Language
German
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600 „Ja, Du hast so geschwärmt früher. Du hast mich verwöhnt," fuhr seine Frau fort, es wurde ihr recht schwer, zu sprechen, „und jetzt bist Du geworden so verdrießlich, weil ich Dir doch zu wenig schön bin und romantisch." „Genendel," murmelte Barom, „wie soll ich verstehen Deine Red', Du willst etwa einen Vorwand suchen, um mich fortzuschicken, weil Du mich nicht mehr lieben tust." „Was sprichst Du da? Bist Du meschugge?" „Oder es gefällt Dir gar ein Anderer." Genendel trocknete ihre Tränen und sah Barom an, zuerst verwundert und dann auch ein wenig vergnügt. „Ich glaube gar. Du bist eifersüchtig, Barom," sprach sie mit einem reizenden Lächeln. „Ich bin es auch," schrie er auf. „und Gott allein weiß, was ich leide. Wo warst Du damals, wie Du mich hast eingesperrt in meinem Zimmer? Soll ich nicht eifersüchtig sein, ivenn Du allein fortgehst?" Seine Frau begann laut zu lachen. „ Und was hast Du versteckt für einen Brief vor mir? Dn bist eine reiche Frau und eine verständige Frau und eine junge, hübsche Frau, es ist kein Wunder, wenn Du hast Verehrer." Genendel schüttelte sich vor Lachen. „Du magst lachen," fuhr Barom fort, „mir ist es gar schwer ums Herz." „Liebst Tu mich denn, mein Engel?" „Und wie ich Dich liebe, Dn Undankbare!" rief er, und jetzt begann er zn weinen. „Komm', Tu Narr, komm' her zu mir," sprach sie, „weißt Du, ivo ich damals war, wie ich Dich habe eingesperrt in Deinem Zimmer? Bei der Schneiderin war ich und beim Kürschner, Dir zu machen eine Freude, weil Du hast geschwärmt damals so sehr von der Königin, die so majestätisch war. Und was Du gehalten hast für einen Brief, das war das Konto, was ich Hab' gezahlt und ich habe die Sachen hier eingesperrt in meinen Kasten, weil Du warst so spaßig, und ich habe gemeint, ich gefalle Dir nicht mehr und war doch zu stolz, mich schön zu machen für Dich." Sie stand auf und öffnete den Kasten. „Nein," rief sie plötzlich, „geh' hinaus und warte, bis ich Dich rufe." Barom ging in das Nebenzimmer. Wenige Augenblicke später rief sie ihn schon, und als er hereintrat, stand sic mitten im Zinnner in einer Schleppe von hellblauer Seide und einer pnrpurroten Samtjacke, die mit blendendem Hermelin üppig ansgeschlagen und gefüttert war, und ein stolzes Lächeln spielte um ihre vollen Lippen. „Ach Genendel," murmelte Barom, „wie bist Du schön!" Und sie war in diesem Augenblicke wirklich schön, denn sie war glücklich. „Und ich will immer nur einen Anbeter," sprach sie herzlich, „nnd das soll mein Mann sein." „Verzeih' mir, Genendel, verzeih'," rief er und sank vor ihr auf die Knie nieder, „aber ich war so verblendet, weil ich Dich so sehr liebe. Ach Frau, was bist Du so schön und majestätisch! Ich bete Dich an, wie eine Göttin groß nnd herrlich Erscheinst Dn mir in diesem Augenblick." Genendel lachte, nahm ihn herzhaft um den Hals und küßte ihn. „Du bist das schönste Weib auf dieser Erde," fuhr er begeistert fort. „Das bin ich nicht, Barom," erwiderte sie heiter, „aber ich bin ein Weib, das Dich von Herzen liebt, und das ist doch auch was — nicht?" „Für mich bist Du einmal das schönste Weib." „Das soll jede Frau sein ihrem Manne," fuhr Gcnendcl fort, „und Du sollst jetzt auch haben ein Geschäft, was Du für eins willst." „Sv will ich haben eine Buchhandlung, ich bitte Dich darum." „Du sollst sie haben," sagte sie, glücklich lächelnd und verschämt, „und Du sollst auch wissen jetzt, weshalb es mir hat abgedrückt das Herz, wie Du so fremd getan hast mit mir. Weil ich dachte. Du hast mich nicht mehr lieb und so wirst Du auch nicht lieben das Kind, das ich trage unter dem Herzen für Dich." „Genendel!" Barom sprang auf, schloß sie in seine Arme, küßte sie ab nnd weinte und kniete nieder vor ihr. „Ich werde Dich auf meinen Händen tragen." rief er, „Gott soll mich strafen, wenn ich es nicht tue!" Sie begann von neuem zn lachen. „Ich glaube Dir alles," sprach sie, „nur das glaube ich Dir nicht." „Und warum nicht?" „Weil ich viel zu schwer bin für Dich, daß Du mich tragen könntest auf den Händen." „Scherze nur, Genendel," gab er zur Antwort, „mir ist es aber ernst damit. Ich will nur noch leben für Dich — Die schöne Locke, dieses seid'ne Haar — Gebrauch's, den Sklaven ewig zn umflechten." Ein halbes Jahr später ist das stille, behagliche Haus Genendels ein lautes und unruhiges, aber darum nicht minder freundliches geworden. Ein kleinrussisches Bauernmädchen erzählt von einem sterbenden Zaren, dem sein Arzt Rettung verhieß durch das Hemd eines Glücklichen. Man suchte diesen weit und breit, und als man ihn endlich fand, so war es ein armer kleinrussischer Bauer, der gar kein Hemd besaß. Barom und Genendel sind indes glücklich. Im Erdgeschoß befindet sich ein kleines, hübsches Gewölbe. Ueber demselben spricht eine Tafel stolz zu den Vorübergehenden: „Hier ist die Buchhandlung des Barom Hirschbein" und zwei andere Tafeln zu beiden Seiten der Tür fügen ein wenig naiv hinzu: „Hier bekommt man alle guten Bücher und Journale" nnd „Wissenschaft und schöne Literatur". Barom fühlt sich so wohl zwischen seinen Büchern und Zeitungen und in der nach frischem Papier, Druckerschwärze und Buchbinderpapp duftenden Luft, und nun gar, wenn seine Frau herabkommt und hinter dem Ladentisch sitzt. Dann lächelt er sie verliebt an und wird nicht müde, sie zn bewundern, und betrachtet entzückt ihre schönen, weißen Hände, ivenn sie ein Buch vom Gestell nimmt und einem Käufer vorlegt. Vollends selig ist er aber, wenn oben in dem hübschen Gemach, in das die Sonne freundlich hereinblickt, seine Frau auf dem" bequemen Lehnstuhl sitzt, die Füße auf einem Schemel und ihr Kind auf dem Schoß hat, und wenn der Knabe mitten in der Nacht zu schreien beginnt, dann ist es Barom ein Stolz und eine Freude, ihn auf seinen Armen in der Stube auf und ab zu tragen und ihn mit einem alten Liede, das vielleicht noch aus der Zeit der babylonischen Gefangenschaft stammt, wieder in den Schlaf zu singen, und wenn seine Frau ihm mit einem zufriedenen Lächeln zusieht, bleibt er wohl einen Augenblick stehen und sagt mit einem Glauben, der so unerschütterlich ist, daß er jeden Zweifel ausschließt: „Siehst Du. Genendel, das ist Poesie." Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für dis Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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