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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-13 · Heft 50 (13.12.1907) · p. Seite 596

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 50 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 596 (sequence 8)
Language
German
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596 Wahrhafte Liebe und Begeisterung erfüllte Mendelssohn für die deutsche Sprache, seine M uttersP ra ch e, deren Schönheit und unbegrenzte Ansdrncksfähigkeit er nicht genug zu rühmen weiß. Das erhabenste Werk seines Alle überragenden Freundes, das ihm die Größe des „didaktischen Weltweisen" im Verein mit der des „theatralischen Dichters" bekundet, gibt ihm Anlas; zu dem Ausspruch: „Eine Verbindung, die nur einem Lessing, wiewohl vielleicht auch diesem nur in unserer Muttersprache möglich gewesen. Nur unsere Muttersprache scheint diese Art von Ausbildung erlangt zu haben, das; sich die Sprache der Vernunft in derselben mit der lebendigsten Darstellung verbinden läßt." Moses Mendelssohn war es, der bereits in seiner Erstlingsschrift, den „Philosophischen Gesprächen", die Deutschen zur Selbstbesinnung aufrief und mit den Waffen einer bis dahin unerhörten Kritik von ihrer „sklavischen Nachäffung" der Franzosen zu befreien suchte. „Werden denn die Deutschen niemals ihren eigenen Wert erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für das Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?" Das? Bewußtsein, daß er für die Erweckung und Hebung des deutschen Nationalgefühls arbeitete, gab ihm auch den Wagemut, seinen großen König anzuklagen: „Welcher Nerlust für unsere Muttersprache, daß sich dieser Fürst die französische geläufiger gemacht! Sie würde einen Schaß besitzen, um den ihre Nachbarn Ursache hätten sie zu beneiden." Und als ihm Abbt seine Schrift „Vom Verdienste" sandte und ihm „das gebrechliche Manuskript zu milder Ausbesserung" empfahl, lobte er wohl „den Inhalt und den Vortrag", äußerte aber freimütig seinen „Verdruß" über die „unerträglichste Schreibart von der Welt" und fahrt offenbar mit einen» Seitenblick auf den König fort: „Ihre Schrift soll die Ehre der deutschen Sprache retten, soll großen Herren beweise», daß auch Deutsche, die gründlich denken, mit Geschmack schreiben können." Und mit Bezug auf den französisch schreibenden Grafen Wilhelm zu Schaumburg-Lippe bemerkt er: „Es war mir leid um meine Muttersprache, daß der Graf zu Genf erzogen sein mußte." Sv hatte Mendelssohn nicht bloß für sich die Meisterschaft im deutschen Stil errungen, sondern ward auch ein Meister und Führer für die gesamte Schriftstellerwelt Deutschlands. Ein Mitschöpfer der deutschen klassischen Nationalliteratur, legte er selbst, im Gegensatz zu der schwerfälligen Gelehrtensprache seiner Zeit, Zeugnis ab, daß auch die subtilsten philosophischen Probleme in einer allen Gebildeten verständlichen und edlen Sprache behandelt werden können — ein Vorbild, das freilich nur von wenigen erreicht wurde, so daß Kaut ihm noch am 18. August 1783 schrieb: „Es sind nur wenige so glücklich, für sich und zugleich in der Stelle anderer denken und die ihnen allen angemessene Maurer im Vorträge treffen zu können. Es ist nur ein Nteudelssohn." Wie in allem unzertrennlich von seinem großen Freunde, so wirkt er auch neben ihm an der Schaffung eines deutschen Nationaltheaters, da er hierin zunächst das einzige Heil gegen geistige Fremdherrschaft erblickte, nicht etwa, »veil er das Gute nicht gern nahin, wo er es fand, sondern »veil er die deutsche Schaffenskraft unter den Schlacken der französischen Theaterliteratnr erstickt ivähnte. Unerbittlich gegen das Schlechte und Mittelmäßige, hebt er daher an dem »venigeu ihm gut Erscheinenden, das sich in» deutschen Vaterlande hervortat, die deutsche Eigenart heraus. So sagt er von Joh. Elias Schlegels Drama „Hermann": „Alles ist in deinselben deutschen Ursprungs. Ein deutsches Original, ein Vorivurf, der in der Geschichte Deutschlands so wichtig ist, deutsche Helden, altdeutsche Gesinnungen, und ein Sieg der deutschen Liebe zur Freiheit über die grenzenlose Ehrbegierde der Römer: köirnen deutsche Zuschauer hierbei gleichgültig sein?" Dagegen äußert er sich über ein anderes Stück desselben Autors, „Triumpf der guten Frauen", das ihm anfangs sehr gut gefiel: „Mit einigen» Widertvillen bemerkte ich zuletzt, daß diese Charaktere nicht deutsch sind . . . Gottlob, daß ein Deutscher, »velcher so leben will, das verderbteste Herz von der Welt haben »nuß." Ta deutsche Forschung und deutsche Kunst auch Shakespeare zu dem Unseren gemacht haben, so darf in diesem Zusammenhang daran erinnert werden, ein »vie großer Anteil an der Entdeckung und Eroberung dieses Allgewaltigen für die deutsche Bühne Mendelssohn zufällt. Er versucht sich selbst 1757 in der Uebersetzung Shakespeares, und die des Monologes „Sein oder Nichtsein" findet Lessing „vortresflich". I»» Lessings Geiste „ivandte Moses", um mit Erich Schmidts Worten zu rede»», „sich von überlustige»» Tugendspiegelu zu»n „Othello" und zum „Lear" des großen „Meisters" zurück, vertrat ihn gegen die Widersacher und forderte mit Berufung auf Shakespeare ein nationales deutsches Drama". Können wir auch Mendelssohn auf seinen »netaphhsischen Gängen nicht folgen, so »var doch die Wirkung seiner einschlägigen Schriften und vor allein seines „Phädon", der ihn »veltberühmt »nachte, auf die Zeitgenossen unermeßlich. Und »vas inan auch mehr und mehr gegen seine Argumentationen Vorbringen mochte, dein Zauber der Darstellung des „Deutschen Plato" tonnte sich »»jemand entziehen. Aber von dauerndem Erfolge waren seine ästhetischen Schriften. Aus ihnen und dem brieflichen und mündlichen Gedankenaustausch mit seinein Freunde schöpfte Lessing die fruchtbarsten Anregungen für seine eigeire Kunstlehre, ui»d sie wirken fort in der „Dramaturgie" und weiterhin in Schillers ästhetischen Arbeiten. Und wie Nteudelssohn sogleich den Genius Winckelmanns erkannte, so waren die Kunstfragen, die er in» Anschluß an dessen Abhandlung von der Nachahmung der Werke der Griechen aufwarf und zu lösen suchte, von solcher Bedeutsamkeit, daß, wie Erich Schmidt bemerkt, „ohne Moses vielleicht kein „Laokoon" geschrieben worden wäre". Und am Ende das Wunderbarste ist, — worauf schon oben hingedeutet wurde — mit »velcher Wärme und Hoheit der Gesinnung dieser erst durch die Verwendung einflußreicher Freunde zum „Schutzjuden" gewordene Maicn für die Vaterlandsliebe eintritt. Im Vergleich mit dem Vaterlandsgefühl der Griechen und Römer klagt er: „In den neueren Zeiteir hingegen haben die Nationen fast gar keine Denkungsart. Die Unterwürfigkeit ist an die Stelle der Liebe getreten und hat denkende Wesen ivie in Maschinen verwandelt. Die Liebe zum Vaterlande ist unter die Vorurteile verstoßen worden. . . . Koinmt aber die Liebe zuin Vaterlande in die Gemüter unserer Mitbürger zurück, so »nuß die Nation notwendig, wie von einer neuen Seele belebt, auch eine neue Denkungsart annehmen. . . . Zu welche»» hohen Gesinnungen ruft uns das erhabene Muster nicht, das wir beständig vor Augen haben? Wenn die Denkiingsart einer Nation durch die Liebe für das Vaterland einen neuen Schwung niinmt, so müssen auch die Handlungen der Bürger sich veredeln. . . ." Ich weiß, daß ich niemandein etwas Neues sage, aber ich wollte ja nichts anderes als meine Ansicht begründen, daß es nicht gerechtfertigt und nicht wohlgetan wäre, die Denkmalsetzung für Moses Mendelssohn zu einer spezifisch jüdischen Airgelegenheit zu machen. Abgesehen davon, daß die Beziehungen zur Gemeindeschrrle doch nur gewaltsan» zilsaminengereimt werden können, wäre der vorgefchlagene Platz doch nicht viel mehr als ein Versteck. Und es soll nicht

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