Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-13 · Heft 50 (13.12.1907) · p. Seite 595

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 50 (13.12.1907)
Date
1907-12-13
Page
Seite 595 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228795--64035-3297986
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

595 protestantischen Theologie geworden, wenn sie nur auf die Pastoren des Kirchenregiments angewiesen wäre! Der Hauptsache nach steht es aber so bei uns. daß unsere Rabbiner zugleich unsere Professoren sind. Wir sind wahrlich dabei nicht schlecht gefahren. Es genügt, wenn ich unter der großen Zahl verdienter Männer nur auf Zacharias Frankel und Abraham Geiger Hinweise. Dennoch aber bleibt die Schwierigkeit bestehen. Daß wir in der Bibel so rschung ins Hintertreffen gekommen sind, hat seinen klaren Grund in der äußern und innern Abhängigkeit unserer Gelehrten von ihren Gemeinden. Und wir müssen auf diesem unserem eigensten Grunde wieder in den Vordergrund kommen. Soviel wir der protestantischen Kathedertheologie für das Verständnis des Prophetismus zu danken haben, so bleibt doch auch dort der Zusammenhang mit ihrer Theologie maßgebend. Daher ist der Begriff des Messianismus dort noch nicht zu jener Tiefe und Klarheit für die Idee Gottes gekommen, wie sie bei uns sich natürlich herausstellt, dort jedoch durch die Christologie gehemmt wird. Wenn wir aber in der Bibelforschung zu einer ebenso wissenschaftlich freien, wie dem Geiste des Judentums gemäßen Wirksamkeit wiederkommen wollen, so müssen wir unser literarisches Ghetto, wie Zunz es nannte, allgemach verlassen und den Weg zur Universität anstrebeu. Dort ist das Forum, auf dem und vor dem die Gegensätze ausgekämpft und ausgeglichen werden. Freilich wird es noch eine Weile dauern, bis auch die Mauern dieses unseres geistigen Ghettos fallen werden. Aber es ist außer Zweifel, sie werden dahinsinken, wie alle Schranken der Geistessreiheit unter den Menschen, geschweige unter den Angehörigen desselben Staates. Bis dahin freilich müssen wir darauf bedacht bleiben, und zugleich es auch immer eifriger werden, daß wir unsere eigenen Lehranstalten dem Geiste der Universität gemäß immer innerlicher, und zugleich immer breiter, weiter und umfangreicher ausbauen. Und ebenso müssen wir die Bestrebungen, welche neuerdings wieder auf die Forderung unserer Wissenschaft gerichtet wurden, kräftig und eifrig unterstützen. Das ist ebensosehr Religion, wie Politik und Wissenschaft. Unsere politische Gleichberechtigung stützt sich im letzten Gunde auf die geistige Kraft, die wir aus unseren Neligionsquellen schöpfen. Und es ist sehr notwendig, daß auch vom rein politischen Gesichtspunkte diese Einsicht sich mehr verbreite, wie wir als Juden der modernen Kultur nicht allein von dieser, sondern auch von unserer spezifisch religiösen Kultur genährt und geleitet werden. Aber auch als eigenste Sache der Religion muß diese Pflicht der Sorge für unsere Wissenschaft erkannt und betätigt werden. Eine moderne Kulturreligion lebt kein wahrhaftes Leben, wenn sie nur in der Trägheit der Gebräuche und wenn diese selbst auf das Innerlichste gepflegt werden, sich fortführt. Jedes Kulturleben, auch das der Religion, ist ein geistiges, nicht nur ein seelisches. Es genügt nicht, wenn das Gemüt von den alten Sitten und von den alten geistigen Schätzen selbst befriedigt und gehoben wird. Die geistigen Schätze müssen neu erworben, durch neue Arbeit wieder entdeckt, durch Vergleichung und neue Beleuchtung neugestaltet und in neuer Erzeugung sortentwickelt werden. Das gilt von der rabbinischen Literatur nicht minder als von der biblischen. Und ein reiches Feld steht dabei noch offen, von den: die allgemeine Wissenschaft noch so gut wie gar nichts weiß, nämlich das große Gebiet unserer religions-philosophischen Literatur, welche mit dem 9. Jahrhundert einsetzt. So reiht sich diese Aufgabe an die beiden ersten an. Tenn nur wenn wir aus der Geschichte unserer Religiousphilosophie, welche die Geschichte unserer Dogmatik ist, es erweisen, daß die Idee des Einzigen Gottes in ethischer Klarheit nach ihrem Zusammenhänge mit der Idee der sittlichen Menschheit immerdar erkannt und behauptet worden ist, nur dann können wir von der Wahrheit unserer Religion eine zuverlässige Ueberzeugung gewinnen, können wir der Würde unserer Religion gemäß ihre Bekenner bleiben. Das ist die Bedeutung unseres Verbandes, daß wir nicht nur aus politischem Freisinn und aus Gerechtigkeitssinn, und nicht nur aus angeerbter Zugehörigkeit zu unserem Stamme Juden sein wollen, sondern daß wir deutsche Inden sind und bleiben wollen im Glauben an den Einzigen Gott. Lmn Denkmal für Males Mendelssohn. Von Professor Dr. S. Kali sch er. ~ln der Nummer 43 dieses Blattes hat Herr Professor Geiger der Anregung des Herrn Moritz Manheimer so innigen Ansdruck verliehen, daß er sicherlich Tausenden aus der Seele gesprochen hat. Berlin hätte längst ein wirkliches Moses-Denkmal haben sollen, nicht bloß ein Medaillon, wie am Postament des Lessing-Denkmals oder am Rathaus. Denn was Berlin für Moses Mendelssohn und Moses Mendelssohn, „der Weise" schlechthin, für Berlin war, das hat Geiger mit kurzen aber treffenden Worten gezeichnet. Nur ein Punkt seiner Ausführungen hat mir ein gewichtiges Bedenken erregt, das ich nicht länger für mich behalten möchte — und das ist die Platzfrage. Mit dieser ist die weitergehende, ihr übergeordnete Frage verknüpft: Soll die Denkmalsetzung für Moses Mendelssohn eine spezifisch jüdische Angelegenheit sein? Dazu wäre sie aber gestempelt, wenn die Platzfrage im Sinne jenes Artikels entschieden werden sollte. Allein, so hoch auch Mendelssohns unmittelbare und vielleicht inehr noch mittelbare Kulturarbeit für die Juden der ganzen Welt und insbesondere die deutschen Juden anzuschlagen ist, sein Wirken für deutsche Geisteskultur überhaupt ist wahrlich nicht geringer. Man sagt nicht zuviel, wenn man diesen heimatlosen Juden, der sich nach einem Vaterlande sehnte, zu einer Zeit, da Vaterlandsgefühl kaum einen gestaltenden Faktor im Leben der Völker und der Einzelnen bildete, zu den Deutschesten der Deutschen zählt. Etwa um die Zeit, als der kleine Wolfgang am Hirschgraben sich zum Jubel derer von Ochsenstein damit vergnügte, ganze Sätze von Töpfen, Schüsseln und Tellern auf die Straße zu werfen, schuf Mendelssohn neben Lessing die deutsche Prosa, stritt er für die Ehre der deutschen Sprache. Mit feinem Spott geißelt er die zopfige, schwerfällige, plumpe, gespreizte, manierierte Schreibweise, die er dafür verantwortlich macht, daß deutsche Geistesarbeit im Auslande, namentlich in Frankreich, so wenig gekannt und gewürdigt werde. Eins der ergötzlichsten Beispiele dieser Stilart und zugleich bornierten Sinnes, die Mendelssohn in den „Literatnrbriefen" und in der „Bibliothek der schönen Wissenschaften" anführt, entstammt Gottscheds „Historischer Lobschrift" auf den Philosophen Christian Wolff, und ich kann es mir nicht versagen, einige Proben, aber ohne des Verfassers Orthographie, wiederzugeben: „Breslau, die Hauptstadt in Schlesien, hat unfern geheimen Rat und Kanzler Herrn Christian Wolff in ihrem Schoße hervorgebracht. Der vierundzwanzigste Tag des Jänners. . . lieferte des Abends um '48 Uhr Deutschland einen künftigen Weltweisen. . . War es dem größten Weisen zu Athen keine Schande, eines Bildhauers, und dem größten Redner daselbst, eines Waffenschmiedes Sohn gewesen zu sein, so durfte sich auch unser Freiherr nicht schämen, daß sein wackerer Vater Christoph Wolff ein ehrlicher Bürger zu Breslau, sein Großvater gleichfalls nichts anderes, seine Mutter aber, Anna, eine geborene Gillerin gewesen. . . Seine Geburt ward der Wöchnerin überaus schwer, und die Wehemütter wußten die Schuld davon nur ans die besondere Größe der künftigen Werkstatt eines einmal so wirksamen Geistes zu schieben."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.