Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 594 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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594 Kultur entlehnt haben, so atmen auch wir in Kunst und Wissenschaft in der allgemeinen Kultur, und nur in der Gotteslehre sind wir Juden und wollen wir Juden bleiben. Ich null nicht versäumen, einer Verdächtigung ausdrücklich entgegenzutreten, die man bei Mangel an Einsicht und Wohlwollen aus dieser Bestimmung unserer Aufgabe herleiten könnte. Wir unterschätzen den Kulturwert anderer Religionen nicht; und wir lassen uns auch das Recht nicht bestreiten, diesem abschätzenden Urteil gemäß unser politisches Verhalten einzurichten. Wir würden ja ohne Sinn und Verständnis der Weltgeschichte gegenüber sein, wenn wir die Bedeutung der anderen Religionen für den Begriff der Religion schlechterdings bestreiten würden. Maimonides und schon Saadja haben uns einen anderen Weg gewiesen. Aber diese geschichtliche Unbefangenheit darf uns nicht irre machen an unserer eigenen Aufgabe in der Geschichte; sie darf uns kein Haar breit abweichen lassen von unserm alten Wege; von unserer Verstocktheit, wie man in anderen Lagern mit der uns gegenüber unbezweifelten Objektivität zu sagen Pflegt. Andere Auffassungen in Ehren, wir aber bleiben im Gedanken an den Namen unseres Gottes. Uns darf das Hochgefühl nicht verlassen und nicht abgeschwächt werden, daß wir die Idee des wahren, des wahrhast Einzigen Gottes unter den Völkern der Erde zu lehren und zu leben haben. Zu dieser Aufgabe gehört es, daß wir diesen Völkern der Erde in allen Fragen der Kultur, außer der einen vom Einzigen Gotte, uns innerlich anschließen und eingliedern. Ihr Volk sei unser Volk; denn ihr Staat ist unser Staat. Wir haben nichts anderes, was uns eigentümlich bleibt als unsern Einzigen Gott. Wissenschaft und Kunll aber, Wirtschaft und Staat pflegen wir nicht als ein Sondergut, sondern darin arbeiten wir unter den Zielen und nach den Methoden der allgemeinen Kultur. Und da wir, sofern wir dieser Arbeit obliegen, diese Ziele Hochhalten müssen, so erstreckt sich die Liebe, welche die Heimat uns erweckt hat, ebenso auch auf alle geistigen und sittlichen Gebiete des Vaterlandes und seiner Kultur. Es ist die notwendige Folge von der Idee des messt anischen Gottes, daß wir unser Vaterland lieben; daß wir ein Vaterland der Heimat und der allgemeinen geistigen Kultur erstreben und gewinnen müssen. Denn die messianische Menschheit bedeutet keineswegs den Untergang der Völker, sondern vielmehr nur ihre Vereinigung in der Sittlichkeit. Auch der Völkerbund bedeutet nicht das Verschwinden der einzelnen Staaten, sondern nur ihre Vereinigung zu einem wahrhaften Völkerrecht. Aber der messianische Gott stellt nicht nur das Zukunftsbild der Weltgeschichte dar, sondern er fordert kraft der sittlichen Ideen, die sich in ihm zusammenschließen, die politische Arbeit, die unentwegte, unverdrossene Anteilnahme an den einzelnen konkreten Aufgaben des Staates. Es ist die Aufgabe des Juden, an der Herbeiführung des messianischen Zeitalters im Staate seiner Heimat mitzuwirken. Jedes Volk und jeder Staat hat für das messianische Ideal seine besondere weltgeschichtliche Aufgabe. Und in jedem Staate hat daher auch der Jude mit ungebrochener Kraft, mit der ganzen Kraft einer freien und reinen Liebe selbstlos und unberechnet diesen nationalen Aufgaben sich hinzugeben. Unser Staat ist unser Vaterland. Und unsere messianische Religion selbst ist es, welche uns nicht nur gebietet, sondern welche ihrem Begriffe gemäß es möglich macht, daß wir unsern Staat als unser Vaterland erkennen und lieben lernen. Ein kurzes Wort kann ich mir nicht versagen, über unsere besondere Lage als deutsche Juden auszusprechen, obschon es mir nicht geziemend scheint, nicht den Schein zu meiden, als ob man heutzutage das nationale Wohlwollen kaptivieren wollte. Wir deutsche Juden stehen nun aber in einem besonderen Pietätsverhältnisse zu unserem deutschen Vaterlande, mehr als die Franzosen und die Engländer zu dem ihrigen. Auf den Beginn und den Grad der Durchführung der politischen Gleichberechtigung kommt es dabei nicht an. Nur Italien, in dem von seiner frühesten Renaissance ab den Juden ein innerlicher Anteil an der allgemeinen Kultur zugefallen ist, könnte für die italienischen Juden selbst hiermit in Vergleich kommen. Deutschland aber ist das Mutterland der Kultur für die europäische Judenheit überhaupt. Schon daraus, daß es bei der Vertreibung aus Spanien den Durchgang bildete für die Ueberschwemmung des Ostens, mag sich dies zum Teil erklären. Der tiefere Grund liegt sicherlich in der inneren Verwandtschaft des jüdischen und des deutschen Geistes, worauf schon Heine hingewiesen hat. So konnten wir seit der Römerzeit in Deutschland seßhaft werden; und während im übrigen Europa, außer in Italien, die Juden für Jahrhunderte ausgewiesen wurden, gab es keine Zeit, in der wir in Deutschland trotz aller Verfolgungen und Hinschlachtungen nicht dennoch im Lande geblieben waren. So konnte deutsches Wesen in Sprache und Sitte, in Dichtung und Denkart sich uns einpflanzen und in Geist und Gemüt lebendig und fruchtbar werden. Es ist eine zentrale Kulturkraft, welche das deutsche Volkstum für uns bildet. Die eigentliche geschichtliche Analogie liegt in der spanischarabischen Kultur. Wiedort alle Zweige der Wissenschaft und der Kunst, insbesondere aber auch die innerste Lehrverfassung unserer Religion, von dem stammverwandten arabischen Wesen beeinflußt wurden, so hier von der sittlichen Strenge und der Gemütstiefe des deutschen Geistes. Ich behalte mir vor, diesen Gedanken an einem illustren Beispiel demnächst zu erweisen. Bekannt ist es aber, das dieselbe Anhänglichkeit, welche noch im fernsten Orient die Nachkommen jener Opfer der Inquisition an die Sprache ihrer alten spanischen Heimat knüpft, überall in der Welt, insbesondere auch in Südrußland, dem mittelalterlichen Deutsch zugewendet geblieben ist. Kein Wunder, daß auch Spinoza in seinem Bücherschrank aus der schönen Literatur nur spanische Bücher stehen hatte. So teilen wir zwar mit den Deutschen den Sinn für Weltliteratur, aber unsere deutschen Dichter sind uns doch in einem intimeren Sinne unser, als dies die Klassiker aller Zeiten sind. Es ist von tiefer Bedeutung, daß auch diese unsere innigere Anhänglichkeit an unsere klassische Literatur einen Grund hat, der in dem innersten Boden unserer Religion wurzelt. Als diesen kennen wir die messianische Humanität. Die Grundidee unserer deutschen klassischen Literatur aber ist die Welt bürgerliche Humanität. Daher heißt dieses Zeitalter das Zeitalter der Humanität. Und es ist nicht allein der weitherzige Sinn für die Völkerstimmen in der Dichtung, sondern es ist der ethische Zug meuschheitlicher Gesinnung, der diese klassische Richtung des deutschen Geistes ausgeprägt hat. Bei Herder zeigt sich ja diese Gleichartigkeit des Weges im „Geiste der hebräischen Poesie" und in den „Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit". Auch erfordert es die literarische Gewissenhaftigkeit, den Gedanken nicht unausgesprochen zu lassen, daß wir unsern klaren, sicheren und lebendigen Begriff der messianischen Idee vielleicht nicht erlangt haben würden, wenn nicht der Geist des deutschen Zeitalters der Humanität für die Tiefe dieses unseres prophetischen Grund'' gedankens den Sinn uns geweckt, den Blick uns geweitet hätte. Sv verdanken wir dem deutschen Geiste vielleicht auch einen großen Anteil an der Neubelebung unseres religiösen Geistes. Unser Moses- Mendelssohn ist der Doppelsproß dieses einheitlichen Wesens. Und wenngleich wir sein religionsphilosophisches Programnr nicht annehmen konnten, so betrachten nur uns doch in unvergänglicher Dankbarkeit als die Erben seines jüdischen und seines deutschen Geistes. Als drittes Postulat stelle ich die Forderung einer verschärften Sorge für unsere Wissenschaft. Diese Aufgabe hat wiederum ganz besondere Schwierigkeiten. Unsere Lage erfordert in allen Fragen eine doppelte Fürsorge. Wir müssen immer vorab für die ideale Zukunft unsere Maßregeln einrichten, damit wir das prinzipiell Richtige nicht verfehlen. Ferner aber müssen wir immer genau aus die Gegenwart mit ihren Mängeln und aus deren tunlichste Abhilfe bedacht sein. Bei der Pflege der Wissenschaft, für die die Staatsverwaltung so große Summen in Anspruch nimmt, macht sich diese Schwierigkeit daher für uns schon aus dem finanziellen Gesichtspunkte sehr empfindlich. Es kommen nun aber noch große innere Schwierigkeiten hinzu- Ich brauche nur den heutigen Zeitungsleser an die Konflikte der Universitätsverwaltungen mit den Kirchenverwaltungen in Fragen der theologischen Lehrstühle zu erinnern. Was wäre aus der