Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 593 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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593 europä; sche Kultur und Ethik ohne den grundlegenden Anteil des Judentums. Und nun bedenke mau die Verworrenheit unserer Gebildeten bis in die Kreise unserer Gelehrsamkeit hinein, welche unserem Gotte gegenüber als Philosophen sich aufspielen. Lebten sie noch einsam als Robinson-Utopisten; aber in einer Welt, in welcher der Rest Israels so unverkennbar die reine Idee des Einzigen Gottes in Strenge und Klarheit zu vertreten und in schweren Leiden zu verfechten hat, in einer solchen Zeit gibt es Glieder unseres Stammes" welche stumm bei uns verbleiben, aber nicht mit ihren; Herzbluts nicht mit der vollen Kraft ihres Geistes sich zu uns halten, um die Welt für die Idee des Einzigen Gottes zu bezwingen. Ta lassen sie sich von dem Modewort des Monismus verblenden, oder sie berauschen sich an der angeblich einzigen Wahrheit des Pantheismus. Ich habe hier nicht in ausführlicher Darlegung den Beweis zu versuchen, daß diese philosophischen Standpunkte falsch sind; aber ich darf jene Kreise der Bildung an die große Schwierigkeit dieser zentralen Probleme gemahnen. Es handelt sich in diesen Fragen rlm die Grundlagen der Philosophie und der Wissenschaften, und es ist sehr traurig, wenn gerade nur in breiten Scharen dieses tiefste Problem für erledigt erklären, und unseren alten Gott sür abgetan halten. Es ist dies die schwerste Entartung, die unserem Stamme jemals widerfahren ist. Uebrigens ziemt es uns besonders auch als Deutschen nicht. Denn wir sollten wissen, daß Kant diesen Monismus und Pantheismus widerlegt hat. Natur und Sittlichkeit sind nicht ein und dasselbe; aber sie erfordern einen gemeinsamen Ursprung. Und die Einheit Gottes bewahrt sich wissenschaftlich auch darin, daß sie die Einheitlichkeit dieses Urgrunds von Natur und Sittlichkeit zu bedeuten vermag; also auch die Einheitlichkeit unserer Weltanschauung. Natur und Sittlichkeit sind verschieden und bleiben verschieden; aber der Urgrund ihres Zusammenhangs ist einheitlich; ist in der Einheit Gottes gewährleistet. Sofern ich dem Gedanken der Sittlichkeit lebe, bin ich kein Tier, kein Naturwesen, sondern ich gliedere mich einer sittlichen Welt ein. Aber das; die Sittlichkeit Wirklichkeit auf Erden werde, diese Zuversicht gibt mir die Idee Gottes. Und weil ich ohne diese Zuversicht nicht leben kann, darum kann ich nicht ohne Gott leben. Erfüll' davon dein Herz, so groß es ist; aber wir billigen keinen andern Namen dafür als den des Einzigen Gottes. * * Als zweites Postulat möchte ich unser Verhältnis zum Staate erörtern. Wie alle Fragen im Judentum, so muß auch diese aus dem Begriffe des Einzigen Gottes bestimmt werden. Da der Einzige Gott den Gott der Sittlichkeit bedeutet, so ist er nicht in erster Linie für das Individuum da, noch auch nur für die Familie, den Stamm und das Volk, sondern für die gefaulte Menschheit. An der Sorge für das Individuum und für den Stamm fehlt es auch im Polytheismus nicht. Der Glaube des Mythos pflegt im Ahnenkultus und in der Gräbersymbolik das Fortleben des Individuums und des Stammes im Jenseits. Und auch sür Sühnung und Entsündigung wird vielfach Vorsorge getroffen. Das Nene und das Eigentümliche des Einzigen Gottes, als des Gottes der Sittlichkeit, besteht darin, daß er liicht nur für beit Einzelmenschen und das einzelne Volk sorgt, noch auch nur für das Volk, unter dem er zuerst sich offenbart hat; sondern daß er alle Völker zu sich heranruft; daß er sie alle unter dem Namen des Einzigen Gottes, als des Vaters aller Menschen, zu dem einen Bunde der Einen Menschheit vereinigt und daß er als das untrügliche, allein zuverlässige Wahrzeichen dieser Vereinigung eine hohe Stufe der Sittlichkeit aus Erden verheißt. Der Einzige Gott bedeutet von vornherein daher die im Ideal der Sittlichkeit vereinigte Menschheit. Man hat nun allmählich wohl aufgehört, oder man tut es nur schüchtern noch, von dem Nationalgott der Juden zu reden. Aber die Konsequenzen aus dieser endlich gewonnenen Einsicht sind noch bei weitem nicht gezogen. Ich beschränke mich hier darauf, für unser Verhältnis zum Staate die Konsequenz abzuleiten. Da der Einzige Gott der Gott der gesamten Menschheit ist, so kann er nicht der Gott eines Staates sein. Man mag sich über die Idee des Messias, welche die Idee eines Zeitalters, der „Tage des Messias" ist, noch so sehr in buchstäblichen Vorstellungen befangen halten, nimmermehr kann mau doch bestreiten, daß der Messias für Israel zugleich der Messias für alle Völker ist. Mit den Juden müssen also alle Völker ohne jede Ausnahme von den cutferntefteu Inseln her gen Jerusalem ziehen. Und es darf kein Unterschied bleiben zwischen den Kindern Israel und den Söhnen der Fremde. Tenn auch sie werden Priester und Leviten werden. Wir stehen vor der Zeit, da der „neue Bund" geschlossen wird; denn „die Thora wird ins Herz geschrieben" sein. Wir stehen vor der Zeit, da man sprechen wird: „Du bist unser Vater; Abraham hat uns nicht gekannt." So haben Jesaja und Jeremia ihren Patriotismus gezeichnet. Darum sollten wir uns nicht irre machen lassen, die tiefste politische Weisheit des Dichters der Klagelieder uns zum Leitstern zu nehmen. „Weinet nicht um den Toten; weinet um den, der geht und nicht zurückkehrt, und wiedersieht das Land seiner Heimat." Das ist die Tragik unserer Wanderschaft unter den Völkern der Erde. Der Einzige Gott hat uns unser Vaterland entrissen, um es in der Menschheit uns wiederzugeben. Der Einzige Gott kann nicht der Gott eines Staates, er kann nur der Gott der in Sittlichkeit vereinigten Menschheit sein. Diesen Einzigen Gott haben wir in der Welt zur wahrhaften Anerkennung zu bringen. Das ist unsere Aufgabe in der Weltgeschichte. Hätten wir diese Mission nicht, oder nicht mehr, so hätte es keinen jüdischen Sinn, unfern Stamm zu erhalten. Nur diese unsere Ausgabe, die Idee des Einzigen Gottes zu verbreiten, zu vertiefen, von Jahrtausend zu Jahrtausend fortzubilden; nur diese unsere Mission auf Erden begründet und erklärt unsere Forterftstenz als Glaubensstamm des Einzigen Gottes. Im modernen Sinne sollte man daher auch nicht mehr von einem jüdischen Volke sprechen, denn Volk ist in der modernen Geschichte und Staatslehre nur das Mittel zum Staate. Man unterscheidet daher auch Nation imb Nationalit ü t. Der moderne Staat fordert eine einheitliche Nation, aber keineswegs eine einheitliche Nationalität. Es ist ebensosehr theoretisch, wie moralisch, falsch, wenn nationalistische Richtungen diesen Unterschied nicht beherzigen. Kommen wir endlich zur Folgerung für unser Verhältnis zum deutschen Staate. Wir wissen alle und sind tief durchdrungen von diesen; Bewußtsein, daß wir unfern Staat lieben; daß wir uns im Innersten unseres Wesens ihm angehörig fühlen; daß wir in ihm nicht nur überhaupt die Rechtsordnung ehren, sondern die unserer Heimat, die uns ins Herz gewachsen ist. Dafür brauchen wir uns nicht erst auf Jeremia zu berufen, der das Wohlergehen der Stadt unserer Verbannung zu fördern, uns geboten hat. Nur die Barbarei, die noch in der Welt das Szepter führt, macht es begreiflich, daß Ablenkungen und Abirrungen von unserer klaren Richtlinie gerade in der heutigen Zeit wieder eintreten konnten. Es ist jedoch nichts gefährlicher, als von Fehlern, die andere machen, sich selbst den Weg zeigen zu lassen. Unser Weg ist uns klar durch unsere Geschichte vorgezeichnet. Und unsere Geschichte ist nur die Darstellung des Grund Wesens unserer Religion. Wie die Verbannung aus dem Paradiese den Eingang in die Kultur bildet, so eröffnet unsere Verbannung unfern Weltlanf für die Idee des Einzigen Gottes. Darum muß der „Rest Israels wie der Tau sein inmitten der vielen Völker". Es ist ein Widerspruch gegen den messianischen Gedanke;;, gegen die Mission Israels, das; wir einen eigenen Staat uns machen dürsten. Unsere Verbannung hat übrigens trotz der Leiden und aller der Kränkungen, die wir als das Schicksal unseres Glaubens, als das Joch des Gottesreiches auf uns zu nehmen haben, längst aufgehört, Verbannung sür uns zu sein. Wir leben in unserer Heimat. Wir leben in unserem Staate und für unfern Staat. Unser Staat ist es, der uns die Segnungen der allgemeinen Kultur erschließt. Es ist unwahr, daß wir eine jüdische Kultur hätten oder haben wollten. Die jüdische Kultur erschöpft sich in dem Anteil, den sie in dem Gotte der Sittlichkeit der allgemeinen Kultur übermittelt. Aber wie unsere Großen allezeit Mathematik, Philosophie, Medizin und Poesie ans der allgemeinen