Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 592 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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592 Oeligiüle Koltulstr. Ne de, gehalten am Frankfurter Verbandstage von Geh. Negierungsrat Professor Tr. Hermann Cohen. s bedeutet nicht nur eine persönliche Entlastung, wenn ich beim ersten Worte freudige Genugtuung darüber ausspreche, daß es mir vergönnt ist, heute hier am zweiten Verbandstage der deutschen Juden sprechen zu dürsen, in einer der ältesten Mutterstädte der deutschen Judenheit, in derjenigen Provinz unseres Staates, in welcher die erste Universität dem geschichtlichen Prinzip der Gewissensfreiheit und der Geistesfreiheit gestiftet wurde, an welcher Philosophie zu lehren seit einen: Menschenalter meine Lebensaufgabe geworden ist. Freilich kann ich nur nach meiner wissenschaftlichen Art sprechen; und für das einzelne meiner Ausführungen kann ich nur allein die Verantwortung tragen. Aber unser Ausschuß hat mit sachlicher Einsicht verfahren, indem er aus seiner Mitte einen Philosophen zum religiösen Redner hier bestellt hat. Denn wie in allen religiösen Bewegungen, beruht nicht minder auch bei uns die eigentliche Schwierigkeit unserer religiösen Lage auf der Differenz der Weltanschauung. Und es sollte für keinen gebildeten Menschen außer Zweifel sein, daß nur die Philosophie Weltanschauung zu geben, weil zu begründen vermag. Wenn in jüngster Zeit von seiten der Religionen der Anspruch erhoben worden ist, ihrerseits Weltanschauung darzubieten, so erklärt sich diese Irrung gerade aus demjenigen Punkte, den ich hier ,311 meinem Hauptpunkte mache. Die Religion fühlt sich in ihrem Kerne als die Lehre von Gott. Sie fühlt ferner richtig, daß es ohne Gott keine positive Weltanschauung geben dürste. Nur das ist ihr Irrtum, daß sie allein zureichend wäre, die Idee Gottes zu begründen und sicher zu stellen. Gegen diesen populären Irrtum spricht schon die Geschichte aller Religionen. In ihnen allen erwächst die Dogmatik, also die Verfassung ihrer Glaubenslehren, aus der Philosophie und als Philosophie. Mithin bedarf die Religion des natürlichen Zusammenhangs mit der Philosophie, und erst kraft dieses Zusammenhangs vermag sie den Gott der Weltanschauung zu gewinnen. In der jüngsten Zeit hat sich nun aber die Abneigung gegen die Religion in den Kreisen der Bildung verschärft durch ein Mißtrauen und einen Mangel an Bescheidenheit gegenüber der Philo* sophie. Und besonders der Frage Gottes gegenüber stellt sich die moderne Bildung mit gleicher Kühle zur Philosophie, lvie zur Religion. Es geht dies so weit, daß ein Philosoph schon wissenschaftlich verdächtigt wird, wenn er sich der göttlichen Frage gegenüber nicht Amtsverschwiegenheit auferlegt. In diesem auch bei uns beinahe vorherrschenden Verhalten liegt die größte Schwierigkeit und Gefahr unserer Existenz. Denn diese beruht auf dem Grirlidstein unserer Religion, welchen allein die Idee des einzigen Gottes bildet. Ich muß hier zunächst daran erinnern, daß man jahrzehntelang in unserer religiösen Diskussion diese unsere Grundidee hat znrücktreten lassen, um nur von unserer Sittenlehre zu sprechen, und uns durch diese als anständige Leute zu legitimieren. Eine anständige Moral reicht aber noch lange nicht aus für das Lebensrecht einer Religion. Eine Religion muß den Grund ihres Daseins immerdar in i hren: G0 ttesbegrifse bewahren nnd fortentwickeln. Ties gilt in besonderer Schärfe vom Judentum. In ihm gibt es prinzipiell keinen Gegensatz zwischen Religion und Sittlichkeit. Tenn der Gott des Judentums ist der Gott der Sittlichkeit. Das will sagen: seine ganze Bedeutung liegt in der Offenbarung und Sicherung der Sittlichkeit. Er ist der Urheber und der Bürge der sittlichen Welt. Diese Bedeutung Gottes, als des Grundes der sittlichen Welt, ist der Sinn des Grundbegriffs von der Einheit Gottes. Was ist denn der eigentliche Vorzug dieser göttlichen Einheit? Die Ausgaben der sittlichen Welt sind ja so mannigfaltig, daß man den Geist des Polytheismus verstehen kann, sie unter verschiedene Götter zu verteilen. Und lvie konnte nnut innerhalb des Christentums den Gedanken des Einen Gottes festhalten, obzwar in der Form der Dreieinigkeit? Der Vorzug der Einzigkeit Gottes besteht nicht in dem Unterschiede der Einheit von der Mehrheit, sondern er bedeutet einen Unterschied des Seins für Gott von allem zählbaren Sein. Darauf beruht die wahrhaftige Geistigkeit unseres einzigen Gottes. Alles Sinnliche, daher auch alles Menschliche, liegt weit ab von seinem Begriffe. Er bedeutet uns den ewigen, unerschütterlicheu, unersetzlichen Urgrund der sittlichen Welt. Ohne ihn erschiene uns die Sittlichkeit als ein Naturgefühl, das ebenso ein holder Wahn sein könnte. Ich kann nicht weiter hier auf diese tiefe Frage eingehen. Es bedarf dessen nicht. Wir hätten uns nicht zum Verband der deutschen Juden zusammengeschlossen, wenn uns diese Ueberzeugung nicht als ein heiliger Glaube gemeinsam wäre. Die gedanklichen Formen, die dieser Glaube annimmt, sind unter den Menschen, und so auch unter uns verschieden. Es sagsn es alle Herzen unter den: himmlischen Tage, jedes in seiner Sprache. Aber in diesem Grundgedanken sind wir allesamt miteinander verbunden, daher als Juden verbunden, wie es seit Jahrtausenden unsere Väter loa reu. Wenn ich daher als religiöses Postulat in erster Linie hervorhebe, daß wir in der wissenschaftlichen wie in der populären Behandlung unserer religiösen Fragen es uns mehr als bisher zur Aufgabe machen sollten, unsere Gottesidee zum Leitbegriffe für alle Probleme festzuhalten, ihre unerschöpfliche Bedeutung immer tiefer zu durchdringen und immer klarer fortzubilden, so bin ich gewiß dabei, in unserem Verbände nur Zustimmung und Unterstützung zu finden. Aber unser Verband steht in einem lebendigen Zusammenhänge mit allen Schichten unserer Glaubensgemeinde, also auch mit denen, die noch nicht mit Herz und Hand persönlich ihm sich angeschlossen haben. An diese weiten Kreise dürfen wir heute hier uns wenden, indem wir Verständigung mit ihnen suchen. Wie wäre es zu verstehen, daß in einer Zeit, in der wir an Leib und Seele, durch Mord und Verleumdung, durch Rechtskränkung und Verfolgung so mittelalterlich behandelt werden, wie es heute fast überall, wenngleich in verschiedenem Grade, an uns verübt wird, dennoch Kinder unseres Glaubens sich all dem gegenüber fremd und unbeteiligt dünken können. Nicht vom Abfall rede ich; ich habe hier nicht von der Politik zu sprechen, sondern von dem Teile unter uns, der sich wie unbeteiligt an alldem verhalt. Es genügt nicht, solche Inden des Mangels an Gefühl zu beschuldigen. Das Gefühl schlägt verschiedene.Richtungen im menschlichen Herze:: ein. Es ist die Philosophie dieses Zeitalters, welche diese Verwirrung in so vielen unter uns angerichtet hat. Wie jede Religion, so sagen jene Juden, ist auch das Judentum Lehre von Gott: wir aber haben kein Verhältnis zu Gott. Und wie David Friedrich Straußsagte: wir sind nicht mehr Christen, sosagensie: wir sind nicht mehr Juden. Es ist also eine Differenz in der Philosophie, in der allgemeinen philosophischen Bildung, welche diese himmelschreiende Differenz im religiösen Verhalten herbeigesührt. Auch unsere Frauen hat sie schon ergriffen: die bisher nur in ästhetischer Schwelgerei gelebt hatten, sind jetzt in eine politische Bewegung gekommen, die auch sie als Weltanschauung verkündigen. Da ihnen jedoch natürlicherweise die philosophische Bildung fehlt, unnatürlicherweise aber leider auch die jüdische, so ist sogar auch hier das traurige Wort vor: einer neuen Ethik gefallen. Alle philosophische Disferenzen sind jedoch zugleich streng wissenschaftliche. Jene Juden hängen sich an die herrschende Vorstellung von allgemeiner Bildung und von europäischer Kultur, die es ihnen verbiete, sich positiv mit dem Judentum in Einvernehmen zu setzen. Das Recht dieses Begriffs der allgemeinen Kulturbildung scheint ihnen klar und unzweifelhaft; dieser Begriff scheint ihnen gut und sicher definiert; es fehlt ihnen daran kein Merkmal. Diesem Götzen der Bildung, leider auch der spezialiftischen wissenschaftlichen Bildung, gegenüber behaupten wir' es gibt keine allgemeine Bildung und keine europäische Kultur und keine Ethik, welche der Idee des Einzigen Gottes als des Gottes der Sittlichkeit ermangelten. Denn es gibt keinen Grund nnd Halt der Kultur ohne wissenschaftlich begründete Sittlichkeit. Diese aber bedarf der Idee des Einzigen Gottes. Anderer Götter kann die Sittlichkeit ent behren: des Einzigen Gottes nicht. Also gibt es kein