Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 591 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Es verlohnt sich, von den Auseinandersetzungen dieses Retters des Mittelstakides die die Juden betreffenden Sätze herauszuheben. Herr Raab sagte unter anderem: „Im Handelsgewerbe sind zuviel Juden, die Erfinder immer neuer Formen des unlauteren Wettbewerbes, die selbst nach einem Artikel des Dr. Nathan in der „Zeitschrift des Vereins zur Abwehr oes Antisemitismus" an Bankerott und betrügerischem Bankerott;ehnmal starker beteiligt sind, als sie ihrer Zahl nach sein sollten. Bravo! bei den Antisemiten). Daß Herr Raab den „Hilfsverein der deutschen Juden" mit dem „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" verwechselt, mag noch hiugehen. Daß er aber den Vortrag von Professor v. Liszt über die Kriminalität der Jude«! in so tendenziöser Weise ausnutzt, ist schon viel schlimmer. Im übrigen braucht man nur das Zirkular zu lesen, das gerade die „Mitteilungen zur Abwehr des Antisemitismus" in der vorigen Woche zu veröffentlichen in der Lage waren und in dem Herr Theodor- Fritsch über die klägliche Lage der Mittelstandsvereinigung jammert, um zu erkennen, daß, genau wie der Reichstag, so auch der Handwerkerstand und der kaufmännische Mittelstand von dieser Gesellschaft Hilfe und Rettung nicht erwarten. « Mit König Oskar II. von Schweden ist einer der edelsten und besten Regenten Europas dahingegangen, den nicht nur fein Volk, sondern die ganze Mitwelt innig betrauert. Besonders die Juden in Schweden, deren Zahl allerdings nicht groß — man schätzt sie auf etwa 4000 Seelen — trauern um den Heimgang des Königs, der ihnen während seiner ganzen Regierungszeit herzliches Wohlwollen und warme Teilnahme entgegengebracht hat. Sie waren noch bis in die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mannigfachen Beschränkungen unterworfen. Erst seit dem Regierungsantritt König Oskars fielen auch diese Schranken in dem Staate, der früher die äußerste Unduldsamkeit gegen die Juden erwiesen hatte. Die Gleichstellung, die König Oskar ihnen gewährte, war eine vollständige; sie blieb auch nicht bloß auf dem Papier. Ein besonders warmes Interesse brachte der königliche Poet der Geschichte und Literatur der Juden entgegen; namentlich die biblische Dichtung und Religionsphilosophie erregten sein lebhaftes Interesse. Ueber diese und verwandte Themata ließ er sich von dem gelehrten Rabbiner Professor Dr. Klein in Stockholm besondere Vorträge halten. Zu seinem Biographen, zugleich auch zum Uebersetzer seiner Gedichte und Prosaschriften, hatte er selbst den greisen Kammerrat Emil Jonas in Berlin ausgewählt, der diese schwierige Aufgabe zur vollen Zufriedenheit des Monarchen und mit großem Geschick anssührte. Auch andere jüdische gelehrte Dichter und Künstler erfreuten sich der Huld des Königs, der treu bis zum Tode autzharrte in Pflicht und Beruf, dessen Stirn unverwelklicher Lorbeer zierte, und dessen Andenken unvergänglich sortleben wird in der Geschichte der Menschheit. * . Das englische Fremdengesetz funktioniert im allgemeinen recht schlecht. Jetzt hat der Board of Deputies von London in seiner letzten Versammlung eine energische Aktion gegen die Aliens-Bill eröffnet. Man beschloß, die Regierung entschieden zu einer Aenderung des Gesetzes aufzufordern und zu verlangen, daß sie diese Aenderung in ihr bei der Eröffnung der Parlamentssession vorzulegendes Programm aufnehme. Der Board beschloß ferner, bei dem Ministerium des Innern inzwischen dahin vorstellig zu werden, daß die Einwanderungsbehörden einstweilen die Weisung zu einer humaneren Ausführung des Gesetzes erhalten. Es ist sehr erfreulich, daß die englischen Juden jetzt diese Sache energisch verfolgen. Das, was in den letzten Jahren seit Einführung der Bill von den Zeitungen über die Ausführung des Gesetzes berichtet wurde, gereichte dem freien England und der liberalen Regierung des Landes wahrlich nicht zur Ehre. * In der Rechten der russischen Duma ist eine Spaltung eingetreten. Ein großer Teil der russischen Konservativen konnte sich nicht dazu entschließen, den Standpunkt Purischkewitschs und seiner Gesinnungsgenossen vom „Verbände des russischen Volks" anzunehmen, der das Vorhandensein einer Verfassung in Rußland rundweg verneint. Die Zahl der Abgeordneten dieses linken Flügels der Rechten beträgt ungefähr die Hälfte der ganzen Rechten. Diese Hälfte — und das ist für uns das Wichtigste — befürwortet Erleichterungen für die Juden, will aber nichts von ihrer Gleichberechtigung mit den Stockrussen hören. Die Abspaltung der gemäßigt-konservativen Gruppe von der äußersten Rechten ist für die Dumaarbeiten von großer Bedeutung, da den gefährlichsten Bestrebungen der äußersten Rechten, die auf die Zurücknahme des Oktobermanifestes hinauslanfen, dadurch das Rückgrat gebrochen wird. Zur Judenfrage in Finnland wird gemeldet: Der Gouverneur der Provinz Nyland (Helstngfors) lenkte die Aufmerksamkeit des hauptstädtischen Polizeimeisters darauf, daß zahlreiche russische Juden während der letzten Zeit nach Finnland gekommen sind, die namentlich in Helsingsors ihren Aufenthalt genommen haben. Auf eine alte Verordnung vom Jahre 1782 Bezug nehmend, durch welche es den Juden gestattet wurde, in den drei Städten Stockholm, Eothenburg und Norrköping gewisse näher bezeichnete Wirksamkeiten auszuüben, ersuchte der Gouverneur den Polizeimeister, nur solchen Juden den Aufenthalt in Helsingsors zu gestatten, die sich dazu von der Polizei einen sechsinonatlichen Erlaubnisschein verschafft haben. Durch dieses Auftreten des Gouverneurs wird die finnländische Judenfrage ganz unerwartet wieder auf die Tagesordnung gebracht. Die größte liberale Zeitung, „Hufondstadsbladet", die sich mit der Angelegenheit beschäftigt, bezeichnet es als eine Schande für ein fortschrittliches Land wie Finnland, daß es innerhalb seiner Grenzen noch im zwanzigsten Jahrhundert überhaupt eine „Judenfrage" geben könne, und spricht die Hoffnung aus, der Senat werde dem nächsten Landtage eine Gesetzesvorlage unterbreiten, wodurch den in Finnland wohnenden Juden volle Gleichberechtigung mit allen anderen im Grobfürstentum ansässigen Ausländern zuerkannt werde. Schon früher ist ein solcher Beschluß dem Landtage nahegelegt worden, zum erstell Male bereits vor ungefähr vier Jahrzehnten; die Altfenomanen und die Bauern haben sich aber leider immer gegen ein solches Gesetz ausgesprochen.