Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- Seite 590 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Und noch eine große Aufgabe hat der entschiedene Liberalismus zu erfüllen, seinen Einfluß auf die Nationalliberalen auszuüben und sie zu bewegen, daß sie ihren Liberalismus etwas stärker betonen. Auch das bedeutet nur die Förderung eines inneren Prozesses. Das Erwachen des Jungliberalismus zeigt uns, wie der größte Teil der Partei erkannt hat. daß der natürliche Platz dieser Partei an der Seite des Freisinns ist, daß sie eine gemeinsame Anschauung und gemeinsame Ziele verbinden. Diese junge Bewegung hat heute schon gute Früchte getragen. Während sich die Nationalliberalen in den letzten Jahren in der Judenfrage oft sehr reserviert verhielten, trat vor kurzem Herr Professor Sunkel mit einer Klarheit und einer Schärfe, die nichts zu nüinschen übrig lassen, dem antisemitischen Treiben entgegen. Noch deutlicher ist die Parole, die unlängst in Kassel parteioffiziell verkündet wurde: „Für uns Nationalliberale ergibt sich eine unzweideutige politische Aufgabe: Kampf gegen Zentrum und Antisemiten bis zur Vernichtung, Kampf gegen Konservative und Freikonservative bis zur Verständigung." Ja, eine zielbewußte, liberale Politik muß den Antisemitismus bekämpfen, weil sie in ihm die gefährlichste reaktionäre Erscheinung, den schlimmsten Feind aller Freiheit und alles Fortschritts sieht. Je mächtiger die Rückkehr zu den alten liberalen Idealen wird, desto stärker auch wird sich die Abneigung gegen den Antisemitismus zeigen. Geht aber der ganze Liberalismus in Deutschland in dieser Frage geschlossen und energisch vor, dann wird er hier nicht nur große moralische, sondern auch praktische politische Erfolge erreichen. Vor allem wird man in den weitesten Schichten des deutschen Volkes wieder Vertrauen zum Können und Wollen des Liberalismus gewinnen, wenn man ihn stark und konsequent in der Verteidigung des liberalen Grundgedankens findet. Namentlich die Jugend, die in den letzten Jahren leider so selten in den Reihen der Liberalen zu finden war, wird zurückkehren und wird sich wieder für liberale Ideen begeistern. Und nicht zuletzt die jüdischen Bürger, die in der letzten Periode häufig verstimmt und mißtrauisch wurden, werden wieder wie in den »Oer Jahren des vorigen Jahrhunderts die opfersreildigsten Kämpfer des Liberalismus werden. Dieser moralische Erfolg ist gewiß nicht zu unterschätzen für eine politische Strömung, die für das Volk und im Geiste des Volkes wirken will. Aber auch praktisch ist noch viel zu erreichen. Die Ausgestaltung der Gesetzgebung im Sinne des Liberalismus ist ein Werk, das des Schweißes der edelsten Männer der deutschen Nation würdig ist. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Postulate des sozialen Lebens werden dahin führen, daß man endlich die mittelalterliche Idee voin „christlichen Staate" aufgibt, und anfängt, ein moderner Staat zu sein. Die Gesetzgebung, wenn sie den Verhältnissen gerecht werden soll — und da§ muß ja jedes gesunde Gesetz — kann sich nur im liberalen Sinne entwickeln. Hier ist ein Feld segensreicher Arbeit für den Liberalismus, denn manches ist heute in Deutschland veraltet, und veraltete Wahrheiten sind nach dem Ausspruche eines modernen Denkers schlimmer als Lügen. Es gilt, vieles zu ändern und zu bessern. Es gilt, den sozialen Ausbau, der so schön begonnen hat, weiter zn führen. Es gilt, die Kultur von allen hemmenden Mächten zu befreien und den modernen Geist zu seiner höchsten Entfaltung zu führen. Zu diesen gesetzgeberischen Aufgaben gesellt sich die dringende Reform auf manchen Gebieten der Verwaltung. Es ist ein unhaltbarer Zustand, wenn zwischen dem Gesetze und seiner Ausübung, zwischen der Verfassung und der Verwaltungspraris eine tiefe Kluft gähnt. In einem liberalen Staate inuß auch die Verwaltung im liberalen Geiste geführt werden. Es geht doch für die Dauer nicht an, daß der preußische Adel sich für den allein berufenen hüll, die wichtigsten Aemter in Preußen und im Reichsdienste zu bekleiden. Man wird allmählich lernen müssen, mit dieser Tradition zu brechen und — man wird dabei sehr gut fahren. Der Bureaukratismus ist ein schlimmer Hemmschuh des Fortschritts, und Reaktion und Bureaukratismus gingen meistens Hand in Hand. Das bürgerliche Element und namentlich die kaufmännische Welt mit ihrer gewaltigen Arbeitskraft und ihrem kühnen Unternehmungsgeist muß mehr zu allen Aemtern des Staates herangezogen werden, wenn nicht die leere Schablone, sondern der lebendige Geist der Hüter des Staatsgedankens werden soll. Sind aber diese Ziele erreicht, dann hat der Antisemitismus, weuigstens als politische Richtung, aufgehört. Das ahnen unsere- Antisemiten und sie beobachten daher die Maulwurfspolitik: sie wühlen, sie untergraben. In jeder Nummer der antisemitischen Presse kann man die Angst sehen, die sich unserer Judenfresser bemächtigt hat, es könnte der Liberalismus zum herrschenden Prinzip in Deutschland werden. Sie höhnen mit billigem Spott über jeden Schritt des Blocks und sie verdächtigen jede Kundgebung des Liberalismus als unpatriotisch. Das sind Zeichen der Schwäche, denn man verrät durch nichts so leicht seine innere Furcht, als durch die sinnlose Wut. Oft begnügen sie sich nicht mit dieser unschönen platonischen Nolle und sie machen die angestrengtesten Versuche, Zwietracht zwischen Freisinn und Nationalismus zu säen. Am meisten verhaßt ist ihnen der Abgeordnete Naumann, weil er der wirksamste Verfechter der Blockpolitik im Sinne des entschiedenen Liberalismus ist. Es paßt ihnen nicht in den Kram, daß die politische Konstellation seit der letzten Reichstagswahl eine andere geworden ist und daß der Reichskanzler sich nun auch auf den Liberalismus stützen will. Freilich sind sie keine Lobsünger des Zentrums, und gar oft haben sie diese Partei mit den gehässigsten Mitteln bekämpft, aber lieber als die Liberalen sind ihnen die Zentrumsmänner doch. In allen ihren jüngsten Reden und Artikeln zeigt sich der Haß gegen den Liberalismus, der nur dadurch zu erklären ist, daß sie sich in ihrer Existenz bedroht sehen. Aber die Politik des Hasses ist nie eine kluge gewesen, und durch ihr törichtes Treiben stoßen sie sogar ihre konservativen Gönner ab. Die Verhältnisse scheinen zu einer baldigen Entscheidung zu drängen. Au Explosionsstoff mangelt es nicht, und Konflikte zwischen Konservativen und Liberalen gibt es genug. Von der Einsicht der Regierung und der Klugheit der Parteien wird es abhängen, ob schon jetzt eine gesunde nationale und liberale Politik in Deutschland möglich ist. Aber selbst, wenn der Liberalismus für kurze Zeit wieder in die Opposition gedrängt wird, für die Dauer wird man ihn in einem modernen Staatswesen nicht ausschalten können, und er wird sich aus eigener Kraft den Platz an der Sonne erringen. Dem Antisemitismus wird dann nichts anderes übrig bleiben, als die nationale Maske ganz abzulegen und sich zu der früher so heiß umworbenen Regierung in heftige Opposition zu setzen. Der Antisemitismus ist seiner ganzen Natur nach destruktiv; er kann nur zerstören und nicht bauen. Das Hetzen und Schmähen war von jeher sein eigentlicher Beruf gewesen. Wenn diese Erkenntnis alle Kreise durchdringt, hat der Block nicht umsonst existiert.