Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 50 (13.12.1907)
- Date
- 1907-12-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 50. Allgemeine Berlin, 13. Dezember 1907. eitung des Judentums Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonn einen ts-Preis: durch Buchhandel oder Post (in verlin u. Vororten durch unsere verrriebsft llen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner Dr« Ludwig Philipxson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Die Blockpolitik und der ftnülkmitismus. Berlin, 10. Dezemberas zur Neige gehende Jahr hat uns eine erfreuliche Erscheinung auf dem Gebiete der Politik und der Kultur gebracht: die Erstarkung des Liberalismus. Nach einem Dezennium ständigen Rückganges erlebten wir eine quantitative und qualitative Erstarkung des liberalen Gedankens in Deutschland. Der Liberalismus, der als Idee nie im Volke der Dichter und Denker ausgestorben ist, zeigte, das; er auch politisch ein wichtiger Faktor zu sein vermag, ivenn ihm Gelegenheit gegeben wird, seine Weltanschauung in lebendige Taten umzusetzen. Dieser Liberalismus, der zur Zeit Bismarcks als reichsfeindlich verschrien war und ohne seine Schuld zu einer Oppositionspartei gemacht ivurde, ist nun zur politischen Tafel herangezogen worden, und er ist heute dazu berufen, positiv an der Ausgestaltung des politischen und sozialen Lebens mitzuwirken. Es war nicht allein ein Unrecht, sondern auch eine politische Unklngheit, so viele Kräfte so lange brach liegen zu lassen, ohne ihnen die Gelegenheit zu geben, sich schöpferisch zu betätigen. Nun scheint es hierin besser werden zu wollen. Der vierte Kanzler des Deutschen Reiches hat den Banir gebrochen und auch dem entschiedenen Liberalismus die versöhnende Hand geboten. Aeußerlich war er durch die neue Konstellation dazu gezwungen, denn in dem Moment, wo das Zentrum als Regierungspartei wegen allzugroßer Begehrlichkeit ausgeschaltet wurde, mußte sich die Regierung neue Stützen suchen, um sich eine Mehrheit für positive Arbeit zu sichern, und sie konnte sie nur in den Reihen der Liberalen finden. Aber das war nur der äußere Anlaß, der vielleicht den Prozeß ein wenig beschleunigt hat, die wahre Ursache aber liegt viel tiefer. Der Reichskanzler ist ein modern denkender Mann, und er kann sich der Erkenntnis nicht Verschließen, daß die Zeitströmungen stärker als die alten Traditionen sind. Der soziale und wirtschaftliche Aufschwung Deutschlands in den letzten Jahren drängte dahin, eine modernere Staatspolitik einzuschlagen, und es wäre für die Dauer einfach nicht möglich, das Deutsche Reich im Sinne der Agrarier und Klerikalen zu regieren. Wir haben in Frankreich und in England in den letzten Jahren einen großen Aufschwung des Liberalismus erlebt, und auch in Deutschland erstarkte die liberale Weltanschauung auf allen Gebieten des Lebens und des Wissens. Daß der Liberalismus nicht gezögert hat, dem Rufe zu folgen und seine Kräfte dem Reiche bereitwillig zur Verfügung zu stellen, beweist, daß er seinen Beruf erkannt und daß er nicht nur den Willen, sondern auch die Kraft hat, segensreich im Dienste der Oeffentlichkeit zu ivirken. In welcher Weise der Liberalismus seine Mission im Reichstage erfüllen wird, ist nicht schwer zu sagen. Denn der Liberalismus ist keine leere Parteischablone, sondern eine Weltanschauung, und aus seinem innern Wesen heraus erwächst ihm die Aufgabe, alles zu fördern, was im Geiste des Fortschritts ist, und an; innern Ausbau des Reiches im liberalen Sinne mitzuwirken. Er wird selbstredend bei der Verwirklichung seiner Ideale Konzessionen machen müssen, denn ohne Konzessionen ist leider eine reale Politik nicht inöglich, und noch nie ist ein hohes Ideal im politischen Leben ganz in der reinen Gestalt, am es ursprünglich vorschwebte, erreicht worden; aber an seinen Grundsätzen wird er nicht rütteln lassen, wenn er den Boden, auf dem er steht, nicht untergraben null. Bon den Hanptprinzipien des inodernen Staatslebens ivird er nicht abhandeln lassen, wenn er seiner Aufgabe gerecht werden will. Er ivird darüber wachen müssen; daß die Gleichheit aller Bürger, mit der die Berfassnng steht und fällt, kein toter Buchstabe bleibt, sondern zur Wirklichkeit wird. Damit ist seine Stellung zur sogenannten Judenfrage von selbst gegeben. Wir sagen: sogenannten, denn für den wirklich Liberalen gibt es keine Judensrage, sondern nur eine Verfassungsfrage. Die Inden sind gleichberechtigte Bürger, lind es kann und darf nicht geduldet U'erden, daß die ihnen ans Grund gleicher Pflichten und gleicher Gesinnung eingerünmten Rechte durch die Hintertür der Verwaltung geschmälert werden. Die jüdischen Bürger mögen in ihren Synagogen glauben oder nicht glauben, >vas sie wollen, im politischen Leben sind sie deutsche Burger und keine Juden. Die Sache liegt so klar, daß man gar nicht begreift, am manche Politiker sich über dieses „schwierige Problein" den Kopf zerbrechen. Daß der entschiedene Liberalismus sich dieser seiner Aufgabe bewußt ist und daß er init allem Erlist für die Durchführung des gleichen Bürgerrechtes einzutreten bereit ist, haben auch die Berhandlnugeu in Frankfurt a. Nt. bewiesen Die dort gehaltenen Reden, namentlich die entschiedenen Worte der Reichstagsabgeordneten Schräder und Naumann, lasseil keinen Zweifel darüber, daß der Liberalismus nicht gesonnen ist, seine höchsten Ideale für das Linsengericht der Regierungsfreundlichkeit zu verkallsen. Das Wort „Judenfrage" ist in Frankfurt nicht erwähnt worden, und das ist auch nicht nötig. Denn niemand verlangt Sonderrechte und Privilegien für die Juden; nur ihre volle Anerkennung als gleichberechtigte Bürger im politischen und sozialen Leben kann und muß gefordert werden, und das deckt sich mit der Verfassung uild ini dem liberalen Programm.