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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-06 · Heft 49 (6.12.1907) · p. Seite 588

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 588 (sequence 12)
Language
German
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588 die Szene einen vornehmen Salon oder gar einen Köuigssaal, so wurden den roten Streifen noch weitere aus Goldpapier hinzugefügt und zu beiden Seiten der Tür zwei Porträts in Goldpapierrahmen, das eine einen Rittersmann, das andere eine Dame im fürstlichen Schmuck darstellend, angeheftet. Eine freie Gegend, mit schreiend blanem, italienischem Himmel, wurde durch eine kleine Hütte in ein Dorf, durch zwei Bäume in einen Wald und durch ein Blumenbeet und eine Rasenbank in einen Garten verwandelt. Gleich praktisch war das Meublement eingerichtet. In der Bauernstube standen ein Tisch, eine Bank und zwei Stühle von rohem Holz. Im bürgerlichen Zimmer war der Tisch mit einem blauen Tuche bedeckt, während Bank und Stühle mit einem gestreiften Waschstoff behängt waren; im Salon oder Königssaal trat an die Stelle des blauen Tuches und an jene des gestreiften Waschstoffes ein roter, mit Gold verbrämter Merino. Die Kostüme waren etwas fadenscheinig, aber stets charakteristisch. Die Schauspieler huldigten noch den Grundsätzen aus der Zeit Garricks, indem jeder von ihnen sich fähig zeigte, jede Rolle, jeden Charakter mit der gleichen Sicherheit und Gewandtheit darzustellen. Das Publikum bestand aus den deutschen Beamten und Offizieren und ihren Familien und vor allen aus Juden. Die Polen, sowohl die Bürger des Städtchens als die Gutsbesitzer der Nachbarschaft, waren nur spärlich vertreten, häufiger noch kamen die kleinrnssischen, unierten Geistlichen mit ihren von Gesundheit strotzenden Franen und Töchtern. Die Stirnbiuden und Jamerkas, die Kaftane in allen Farben beherrschten die Sitze ebensogut wie das Stehparterve und die Galerie, welche einer Hühnersteige frappant ähnlich sah. Genendel führte ihren Mann in jede Theatervorstellung. Barom war glücklich wie ein Kind, nur waren die Stücke nicht ganz nach feinem Geschmack. Den Anfang machte eine Wiener Posse, dann folgten Lustspiele von verschiedenen deutschen Autoren. Endlich kündigte der Theaterzettel an einem Sonntage die Maria Stuart von Schiller an. Barom strahlte; er las vormittags das ganze Trauerspiel seiner Frau vor und las cs nachmittags noch einmal für sich. Dann ging er aufgeregt durch alle Zimmer und fragte immer wieder, ob es noch nicht Zeit sei, in das Theater zu gehen. Als er endlich neben der reichgekleideten Genendel in der ersten Reihe der Sitze vor dem Vorhang saß, klopfte sein Herz mächtig und es wurde ihm heiß und wieder kalt. Das Stück nahm seinen Anfang. Barom folgte jeder Szene, ja jedem Worte, jeder Miene mit atemloser Spannung, seine Augen waren weit geöffnet und auch sein Mund blieb offen, während er die Hände im Schoße andächtig gefaltet hatte. Nach jedem Akte drückte er begeistert die Hand seiner Frau und murmelte: „Wie schön, ach, wie schön!" Er fand keine anderen Worte. Ein junges, entsetzlich mageres Mädchen in einem verschossenen Kleide von schwarzein Merino spielte die Maria Stuart, ihre Mutter — die Direktorin, Madame Schwendler die Königin Elisabeth. Die letztere trug ein Schleppkleid von himmelblauer Seide, mit Goldflitter benäht, eine Krone von Goldpapier und einen großen, historisch getreuen Kragen, den der Komiker aus weißen» Kartenpapier ausgeschnitten hatte. Im dritten Akte erschien sie in einem rotfammetnen lleberwurf mit falschem Hermelin besetzt und einem kleinen Reithütchen mit grüner, wallender Feder. Bon diesem Augenblicke an war die große, starke, grell geschminkte Frau Baroms Ideal. Er vergoß im letzten Akte, als die unglückliche Königin von Schottland von ihren Getreuen Abschied nahm, heiße Tränen; als er aber mit Genendel durch die spärlich erleuchteten Straße»: nach Hause ging, sch»vär»nte er »vieder von der Königin Elisabeth. „Wie kann Dir gefallen ein Weib, »vas so bös ist", sagte Eenendel. „Mir gefällt nicht der Charakter, den sie hat irr dem Stück," erwiderte Barorn, „aber sie war so prächtig, eine »vahre Königin, wie sie ist hereingekomnren in den Garten zur Maria Stuart. Ach Gott, was so ein Weib ist inajestätisch mit so einer langen Schlepp' und so stolz gekleidet in blutrotein Sammet und Hermelin." Genendel lächelte und schkvieg. Am nächsten Morgen zog sie sich gleich nach dein Frühstück zum Ausgehen an. Barom, als gefälliger Gatte, nahm auch schnell seinen schwarzen Atlaskaftan aus dem Kasten. „Zielst Dich doch nicht an," sprach Genendel, „weil ich will allein gehen in die Stadt." Barom staunte; es »var zuin erstenmal, seitdein sie verheiratet »varen, daß Genendel ohi»e ihn ausging. „Warunv willst Du allein gehen," entgegnete er liebens- »vürdig, „kann ich Dich doch begleiten und Dir tragen alles, »vas Du etwa wirst kaufen." „Nein, Baron», Du sollst bleiben zu Hanse." „Ich soll? Warum soll ich?" „Weil ich gehen »vill ohne Dich." „Was, hast Du ettva ein Geheiinnis vor mir?" fragte Baron» aufgeregt. „Was soll ich haben für ein Geheimnis?" spottete Genendel, „gehst Du doch aus so oft ohne »nich, »varum soll ich nicht gehen ohne Dich?" Barom begann zu bitten. „Mir ist doch langweilig allein zu Hause, laß mich also Dich begleiten in die Stadt." „Nein, »nein Kind." Sie ging bis zur Tür. „Ich bin fertig," fuhr er fort, „»varte einen Augenblick." „Gut," sagte seine Frau, inden» sie schlau lächelte, „aber beeile Dich." Barom lief erfreut in sein Ziinmer und nahm die hohe Mardermütze aus dem Kasten, da hörte er, »vie seine Frau die Tür kräftig in das Schloß warf und absperrte. „Was tust Du?" rief er erschreckt. „Ich sperre Dich ein," gab sie zur A»»t»vort und begann laut zu lachen. „Waruin sperrst Du »nich ein?" „Weil ich allein will gehen in die Stadt," ertviderte sie, „und »nich unterhalten ohne Dich." Sie zog den Schlüssel ab und ging fort. (Schluß folgt.) Literarikchr Mitteilungen. In der Gesamtsitzung der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschasten am 14. November, Vorsitzender Sekretär Herr Waldeher, las Herr Professor Ad. Harnack über „Die Entwicklung der christlichen Religion aus einer jüdischen Sekte zu einer Weltreligion". In dem Vortrage wurden die Stadien dieser Entwicklung in bezug auf das Gesetz, das jüdische Volk und den Besitz und die Auslegung des Alten Testaments nachgewiesen und gezeigt, daß die Stellung, welche Lucas bereits in sehr früher Zeit eingenommen hat, mit nicht wesentlichen Modifikationen die herrschende in der Kirche seit dem Ende des 2. Jahrhunderts geworden ist. Wie man sieht, arbeitet Herr Harnack systematisch nach einem bestimmten Plan und in einer bestimmten Richtung. Auf das Ziel darf man wohl gespannt sein. Druck und Verlag von Rudolf Mosfe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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