Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 587 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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587 zu gezählten Juden, welche keinen eigentlichen Schutz genossen und bloß toleriert, geduldet waren, waren von der Entrichtung der Schutzgelder frei. Die Erlangung eines Schutzbriefes mußte mit schwerem Gelde bezahlt werden; außerdem war hierzu der Nachweis eines beträchtlichen Barvermögens erforderlich. Die Höhe der für die Erlangung des Schutzbriefes zu leistenden Summe war je nach dem Ort verschieden und erreichte 400 bis 500 Taler und noch mehr. Nach einer neuen Bestimmung vom Jahre 1763 konnte fortan das Recht der Ansetzung eines zweiten Kindes nur für 70 000 Taler erkauft werden, während früher dieses Recht gegen Zahlung von 10 000 Talern gewährt wurde. In demselben Jahre wurde eine Silberlieferungsabgabe den Schutzjuden aufgelegt, wonach letztere zu einer jährlichen Lieferung von 12 000 Mark Silber in natura verpflichtet wurden. Indes waren die Schutzjuden vom sogenannten Geleits- oder Leibzoll frei. Letzteren mußten die fremden und tolerierten Juden auf Reisen entrichten. Der Betrag war in den einzelnen Provinzen verschieden. In Schlesien zahlten die Juden während ihres Aufenthalts den Tagegroschen, in Berlin und Halle pro Tag einen Dukaten. Die Abschaffung des Leibzolls erfolgte bereits im Jahre 1788. Neben den Kosten, die die Schutzbriefe mit sich brachten,- waren insbesondere die Schutzjuden, also die den drei oberen Klassen Zugezählten, mit einer ganzen Menge von Steuern belastet, welche in Fornr von Rekruten-, Kalender-, Silberlieferungs-, Porzellan-, Exportations-, Paraphen- (Stempeluug der Blätter in den Handels- und Pfandbüchern) und Marktabgaben überall bestanden. Die zahlreichen Judenabgaben, aus deren großer Menge hier nur ein kleiner Teil herausgegriffen ist, lasteten schwer auf den jüdischen Gemeinden. Ueber den den Juden bei Eheschließungen, Erlangung eines Generalprivilegiums und beim Ankauf eines Hauses zur Pflicht gemachten Porzellanexport aus der Porzellanmanufaktur in Berlin schreibt Jolowicz'): „Die Gesamtsumme des abzunehmenden Porzellans belief sich im Jahre 1779 aus 223 000 Taler, und wurde mit aller Strenge eingetrieben. Viele Juden in den kleinen Städten wurden ausgepfändet, anderen die Häuser verkauft uud noch anderen die Schutzbriefe abgenommen, aber trotz all dem blieb doch noch beim Hintritt des großen Königs ein Rückstand von 52 000 Talern." Die Last wurde dadurch erschwert, daß die gesamte Judenschaft für die Entrichtung der Abgaben solidarisch haftbar war, wodurch für die unvermögenden Gemeindemitglieder alle übrigen steuerfähigen Juden zu zahlen verpflichtet waren.; So bildete sich der Brauch, daß die Aeltesten der jüdischen j Gemeinde die zu entrichtenden Abgaben auf die einzelnen Glieder verteilten. Bemerkenswert ist, daß laut einem Erlaß vom 15. Januar 1747 die Judenschaft eines jeden Orts ebenfalls in soliäum verpflichtet wurde, die von einem Gemeindemitgliede gekauften, verhehlten oder in Pfand genommenen gestohlenen Sachen zu bezahlen; diese Verpflichtung blieb bis 1801 in Kraft. Die Abschaffung der solidarischen Verpflichtung für die Vergehen einzelner Geiueindemitglieder (Reglement vom 18. Juli 1801) bildet den ersten Samenkorn, aus welchem späterhin das Edikt von 1812 zur Höhe emporwuchs, und die Juden aus dem Bereiche der Finsternis in dasjenige des Lichts versetzt wurden. Das Reglement voin 18. Juli 1801 hatte den bis dahin gegoltenen Grundsatz, die Juden als einen abgeschlossenen, nur unter sich verbundenen Teil der Untertanen anzusehen, vernichtet! >) A. a. O. S. 85. S2S Von Frnlter?u Fenster. Von Leopold v. Sacher-Mosoch. IX. ^^^er Sommer verging. Als die Blätter der Bäume sich gelb und rot zu färben begannen und die Scharen der Zugvögel durch die Stoppeln strichen, hatte sich Genendel ihren Mann bereits vollkommen erzogen; sie hatte es nicht mehr nötig, ihn zu strafen, ja nicht einmal zu ermahnen oder zu tadeln. Ihr Blick ruhte stets mit einer gewissen stillere Freude auf ihm. Er war aber auch noch in einer anderen Beziehung nicht inehr derselbe. Es hatte eine seltsame Umwandlung mit ihur stattgefunden. Wenn Genendel ihn im Anfänge geradezu unglücklich gemacht hatte, so erschien sie ihm nach und nach gar nicht mehr abschreckend. Er hörte auf, sich als das Opferzarter, mitleidiger Rücksichten aiizusehen und begann sich ziemlich behaglich in der Ehe mit ihr zu fühleu. Dabei blieb er eine Weile stehen. Mit der Zeit fand er aber sogar Gefallen an seiner Frau. Bor allem bekam sie dadurch, daß sic ihn ganz unter dem Pantoffel hatte, jenen Reiz für ihn, den eine kluge, erfahrene Frau schon durch ihre natürliche Ueberlegenheit stets für einen jungen Schwärmer haben wird. Ueberdies inußte er sich gestehen, daß sie mit ihren dunklen Scheiteln, der reichen Stirnbinde, dem seidenen Ueberrock und dem stets schneeweißen Kragen darauf eine ganz angenehme Frau war. Und wenn sie in ihrer Pelzjacke behaglich auf dem Diwan saß, den klugen Blick auf ihn geheftet, ihm mit freundlicher Aufmerksamkeit zuhörte oder selbst zu plaudern begann und ihre Stimme sich in sein Herz schmeichelte, da fand er sie sogar hübsch und immer hübscher. Er verliebte sich zum zweitenmal in seine Frau, aber diesmal ohne alle Illusion und in keiner Weise romantisch, sondern so gesund uud natürlich wie nur möglich. Und er begann sich auch wie ein Verliebter zu benehmen. Er zeigte sich zerstreut, verlegen, er wurde rot, wenn seine Frau plötzlich das Wort an ihn richtete, er wagte es nicht, sich nahe zu ihr zu setzen oder gar ihre Hand zu berühren, und wenn sie ihn zufällig mit ihrem Kleide streifte, begann er zu beben. Nachts sprach er aus dem Schlafe und beim Essen fehlte ihm der Appetit. Nach und nach wurde Genendel ausiuerksam, sie beobachtete ihn, sie fragte ihn, aber sie erhielt nur kurze, ausweichende Antworten, und so verlor auch sie mehr und mehr ihre Heiterkeit. Sie seufzte oft schwer auf. lag stundenlang im Fenster und starrte in die Straße hinab und vernachlässigte sich in ihrem Anzuge. Dabei war sie aber doch stets bedacht, ihn zu zerstreuen, ihm Vergnügen zu bereiten. In den ersten kalten Herbsttagen kanr cüie Truppe fahrender deutscher Komödianten aus Ungarn herüber in die kleine ostgalizische Stadt. In dem Einkehrhanse des Absalom Eisenhut, in einem langen, niederen, schmutzigen Saal wurde der Musentempel erbaut. Auf dem roten Vorhänge war eine Lhra von Rauschgold zu sehen. Die Dekorationen waren ebenso einfach als sinnreich. Eine Bauernstube wurde durch ein weißes Zimmer dargestellt'; dieselbe durch'Streifen von rotem Papier in ein bürgerliches zu verwandeln, war das Werk eines Augenblicks. Berlangte