Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 584 (sequence 8)
- Language
- German
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Minister nach der Stärke der Parteien ernannt werden, so hätte ein Ministerposten den Sozialdemokraten gebührt, vorausgesetzt, daß sie bereit gewesen wären, in dieses Kabinett einzutreten. — Die jüdisch-nationale Partei in unserem Parlamente besteht nur aus vier oder fünf Männern, aber man befürchtet mit Recht, daß diese der Uebermacht gegenüber die jüdischen Interessen nicht werden zu wahren vermögen. Welche Macht übrigens die Christlich-Sozialen besitzen, zeigte sich in einer Interpellation, die ein Vertreter der Wiener jüdischen Kultusgemeinde an deren Präsidenten in einer der letzten Sitzungen der Kultusgemeinde-Reprüsentanz richtete. Es ist in Wien die Einrichtung getroffen, daß zu den hohen Feiertagen Minjanim die Bewilligung erhalten, Gottesdienste abzuhalten. Ein Bewerber um die Einrichtung eines solchen Minjan erhielt die Bcwilliglmg dazu auf die Fürsprache eines antisemitischen Bezirksvorstandes. Die Interpellation, die sich auf dieses Vorkommnis bezog, wurde in geheimer Sitzung beantwortet und — man nahm diese Beantwortung zur Kenntnis. Schon die geheiine Sitzung hat etwas Verdächtiges an sich. Die Tatsache aber läßt sich nicht wegleugnen, daß die Vertreter der Wiener Judenschaft eine gewisse Konnivenz den jetzigen Machthabern Wiens gegenüber zeigten. Es ist iveit mit uns gekommen. Was man durch Vermittlung von Juden nicht durchsetzen kann, das erlangt man durch das Machtwort eines Antisemiten. Wahrlich die Zustände in unseren Kultusgemeiuden werden nachgerade solche, daß man den Ruf nach voller Oeffentlichkeit ihrer Verhandlungen nicht laut genug ertönen lassen kann. Hinter verschlossenen Türen sollten Angelegenheiten, welche die große Masse des jüdischen Volkes berühren, nicht verhandelt werden. Es müssen manche Herren viel zu verheimlichen und zu verbergen haben, daß sie es nicht wagen, offen und frei vor diejenigen hinzutreten, die sie wühlten. Ein bedenkliches Zeichen in der Tat für die vielfach verworrenen Zustände unserer Kultusgemeinden! Iwri. Me möchte jch predigen? Alis dem Tagebuch eines norddeutschen Rabbiners. Mitgeteilt von Kreisrabbiner Tr. Max Beermann-Jnsterburg. och ein herzliches Lebewohl, noch einen sehnsuchtsvollen Blick — und meinen Augen entschwanden die Eltern, Geschwister und Freunde, die mich trotz der späten Abendstunde zur Bahn geleitet hatten. Erst langsam und dann schneller und schneller fuhr der v-Zug aus dem Lichtermeer Berlins gen Norden, heimwärts! Zur Gemeinde, zu Weib und Kind! Aus der Heimatstadt in die zweite Heimat, wo ich nunmehr zehn Jahre in schwerer, entsagungsvoller Arbeit meinen Jugendidealen diene. Der gleichmäßige Rpthmus des brausenden Zuges weckte meine Gedanken zu freiem Spiele. Die Bilder einpfangener Eindrücke umgaukelten meinen Sinn. In den wenige»! Tagen hatte ich in der Millionenstadt aus der Fülle des anstürinenden Lebens auch für meinen ureignen Beruf gar manche teure dankenswerte Anregung empfangen. Jch hatte Predigten gehört, aus deren Vorzügen und Mängeln ich den Blick für die eigne Art nach Höhe und Tiefe schärfen konnte, ich hatte einen Einblick gewonnen in das ernste Ringen und Kämpfen der jungen Theologen, die an den Bildungsanstalten wohl Wegweiser für die Wissenschaft, aber keine Seelenführer in der Gewinnung einer Weltanschauung finden; doch immer wieder trat mir ein Gemälde vor die Seele, das mich in der Sannnlung meiner Schwester am meisten ergriffen hatte. Es war dreiteilig. Links ein Mädchen, Aehren lesend auf dem Stoppelfeld, sonnenverbrannt, im ärmlichen, geflickten Rocke. Rechts eine abgearbeitete, zermürbte Bauernfrau, vom Felde heimkehrend, niedergebeugt unter der Last eines schweren Tragekorbes; an der Hand führt sie ihr Kind. Und in der Mitte sitzt die Greisin bei untergehender Sonne am Eingang ihrer niedrigen, verfallenen Hütte, leidendurchfnrcht das Antlitz, müde der Ausdruck des Auges, die welken Hände auf den Stock gestützt. Darunter steht: Unser Leben währet siebzig Jahre. Welch eindrucksvolle Predigt hat hier der große Karlsruher Maler gehalten! Zu dem Bibeltext welch herzandringende Ausführung! Das Leben einer armen geplagten Frau, eintönig ist es dahingegangen. Nacheinander ward sie Kind, Jungfrau, Mutter und Greisin, dann stirbt sie und wird begraben und das Holzmal vermodert und der Grabhügel sinkt ein. Aus dem Leben hat er Gottes Wort beleuchtet. Fürs Leben hat er Gottes Wort erklärt. So möchte ich predigen können: Aus dem Leben und fürs Leben. Was ist dazu nötig? Jch muß das Leben kennen, ich nulß wissen, wie und was die Leute denken, fühlen, leiden und hoffen. Freilich, so einfach und still wie auf dem Bilde ist das moderne Kulturleben nicht, in dem viele meiner Hörer stehen. Sie sind gefesselt von den starken Ansprüchen, die die unermeßliche Entwicklung des Erwerbslebens in unserer Zeit mit sich führt, es sind zumeist Kaufleute, die in Hast und Unrast den schweren Kampf ums Dasein führen. Da sind andere, die haben studiert und haben ein offenes Auge für die Not der Zeit und wollen durch Schaffung einer besseren Gesellschaftsordnung den Unterdrückten und Vernachlässigten helfen. Andere genießen die Kunst und fühlen in den Schöpfungen des Schönen göttliche Offenbarung. Viele haben sich der modernen Wissenschaft erschlossen, sind gewöhnt, alle Erscheinungen nach dem Denkgesetze von Ursache und Wirkung zu beurteilen, und die Ersahrungswissenschaft hat in ihnen einen Eedankengang, eine geistige Verfassung angebahnt, die weit abliegt von der religiösen Ideenwelt. Die meisten meiner Hörer haben sehr geringe Kenntnisse des Judentums und sind durch ihre Lebensführung seiner praktischen Betätigung entfremdet. Wie soll ich ihnen predigen? Die übliche Predigtweise setzt sich zum Ziel, durch geistreiche Schrift- und Midraschdeutung die Andächtigen zu erbauen und ihnen aphoristische Kunde vom Lehrgehalt des Judentnins zu geben. Jch meine, unser heutiges Publikum bietet zu geringe Voraussetzungen, daß diese Art für es fruchtbar sei. Es fehlen die nötigen Apperzeptionshilfen. Wir koinmen auch damit dem Interesse unserer Geineinde zu wenig entgegen. Bibel und Midrasch stehen zunächst gar nicht im Vordergründe ihres Gedankenkreises. Es handelt sich ja um Menschen, die ganz anderen Kulturproblemen nachsinnen und ganz andere Sorgen, Nöte und Freuden haben. Wir müssen herniedersteigen vom Katheder der jüdischen Theologie mitten unter die Menschen der Gegenwart. Wir müssen uns mit brüderlicher Teilnahme ihnen zur Seite setzen und ihnen einmal treu hineinschauen in Auge und Herz. Was wir da sehen, was da uns sich entgegenringt in heißer Sehnsucht, das sei der Gegenstand unserer religiösen Rede, das wollen wir nach dein Maßstabe von Gottes Wort beurteilen. Da ist, um mit dem Idealsten zu beginnen, die religiöse Not. Der moderne Mensch fühlt sich unter einer unbeschränkten Macht gefangen, die mit eisenharter Notwendigkeit ihn nicht nur das ernten läßt, >vas er selbst gesät hat, sondern auch was fein Vater und alle die menschlichen Gemeinschaften rings nin ihn gesät