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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-06 · Heft 49 (6.12.1907) · p. Seite 583

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 583 (sequence 7)
Language
German
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583 Wien hätte einem änderen, wohl jedem anderen in seiner Tafelrunde eher gewünscht, iin Ministerium zu sitzen, als dem von ihm sehr gefürchteten Dr. Geßmanu. Das glauben wir dem König Artus gern. Dr. Geßmann ist wohl der einzige, der Lueger gewachsen ist in der jetzt mächtigsten Partei in Oesterreich; wir gehen weiter, der ehemalige Bibliotheksbeamte und jetzige Minister — zwar noch ohne Portefeuille — überragt den „großen" Bürgermeister an Agitations-, Administrations-, kurz Tatkraft. Die ganze Organisierung der christlichsozialen Partei in Oesterreich ist Geßmanns Werk, und er ist in der Organisationskun'st den Sozialdemokraten um mehr als eine Pferdelänge, wie man sich in Sportskreisen ebenso schön (?) wie wahr ausdrückt, voran. Es ist überhaupt höchst I lehrreich, den Beginn, das Erstarken, das stetige Wachstum j und die jetzige Höhe der christlich-sozialen Partei zu betrachten, j wenn man sehen will, was aus kleinen Anfängen durch Parteidisziplin, Unterwürfigkeit des einzelnen unter das Ganze, festes, strammes Zusammenhalten Gewaltiges werden kann. Allerdings spielen bei deni Wachstum dieser Partei noch andere Faktoren mit, gewisse Imponderabilien, die den Klerikalismus' und mit dem ist recht eigentlich die christlich-soziale Partei identisch, stets umschmeichelten und erstarken ließen. Vor 25 Jahren war es, nach dem Jahre, in dem Rußland uns wieder einmal den Schauplatz kosakischer Roheit gegen unsere Volksgenossen darbot, als in Oesterreich das Gespenst des Antisemitismus auftauchte. Damals begann Schönerer zu wüten; hätten wir es nur mit ihm zu tun gehabt, niemals wäre der Antisemitismus zu der Macht emporgestiegen, die er heute besitzt. Mit anderen Worten: Deutsch-nationale Antisemiten von der Farbe Schönerers hätten nie im Ministerium gesessen. Zugleich mit dem Schönererschen Rassenantisemitismus entbrannte der Kampf in einem ungarischen Gerichtssaale. Es ist der Tisza-Eszlarer Prozeß, furchtbaren Angedenkens, der im verflossenen Sommer, wenn ich so sagen darf, seinen fünfundzwanzigsten Gedenktag feiern konnte. Ungarn, angeblich vom Antisemitismus stets frei, — aber sehr angeblich, — bot zuerst das schreckliche Beispiel dar, wie sich die Aermsten unter den Armen gegen ein ihnen angedichtetes Verbrechen wehren mußten. Sie hatten es allerdings nicht sich, sondern stärkeren Faktoren zu danken, daß sie nicht das spätere Geschick des böhmischen Hilsner teilten. Scharf und Genossen wurden zwar freigesprochen, aber wie machte sich der magyarische Janhagel Luft gegen diesen, wie man meinte, ungerechten Freispruch! Und heute, nach 25 Jahren, da Lueger Ungarn als das verjudete, als luäaeo-Magyarien bezeichnet, hören wir, daß diese Expektorationen — mit der Gründung einer christlich-sozialen Partei in Ungarn beantwortet werden. Wie mächtig ist doch dieser Gedanke, und wie stark sind die Einflüsse dieser Partei diesseits und jenseits der Leitha! Die christlich-soziale Partei in Ungarn, die, ohne Zweifel, ihre mächtigen Protektoren in der Regierung besitzt, wie wir dies schon vor längerer Zeit in diesen Briefen bemerkten, will sich jetzt mit der Volkspärtei — vulgo klerikalen Partei — vereinigen. So ziehen sich die Fäden hierhin und dorthin. Und wenn auch die neue Partei Ungarns behauptet, sie wolle mit Luegern nichts gemein haben, so meinen wir doch: sie ist ein Ableger der in jeder Richtung mächtigsten Partei in Oesterreich, die jetzt auch Ungarn beglücken soll. Die Lorbeeren, die sich Lueger in Oesterreich errungen hat, lassen seine Genossen in Ungarn nicht ruhen, denn schlechte Beispiele haben zu allen Zeiten die besten Sitten verdorben. — Doch wir wollten von dem Wachstum der christlich-sozialen Partei in Oesterreich sprechen. Ein solcher Rückblick ist wirklich sehr lehrreich. Als Schönerer vor 25 Jahren uns mit den Früchten dieses ausländischen Gistbaumes beglückte, wußte man ihm von seiten der damaligen „liberalen" Blätter nichts anderes entgegenzubringen als Hohn und Spott. Die ungeschickteste Taktik, die man anwenden konnte, wurde gegen ihn ins Treffen geführt. Aber schon waren diejenigen gerüstet, die Schönerers Politik für sich auszunutzen versuchten, zu denen auch der damalige „Demokrat" Lueger gehörte. Vergani, Pattai, Türk, und wie sie alle geheißen haben mögen, diese Paten der jetzt übermächtigen Partei, traten Schönerers Erbe an, aber — ohne seinen Deutsch-Radikalismus. Das war ihr Geheimnis, durch das sie siegten. Der demokratisch-klerikale Einschlag, den ihr Gewebe aufweist, ist's, der jetzt in ganz Oesterreich gesiegt hat. Und die Spötter und Höhner von ehemals? Sie sehen jetzt, wie falsch ihre Prophezeiungen waren und wie es das Zeichen politischer Kurzsichtigkeit ist, den Gegner gering zu schätzen. Kein Gegner ist so schwach, daß er uns nicht schaden könnte. Diesen einfachsten aller Grundsätze beachteten jene Herren nicht, die in ihren Zeitungen vor 25 Jahren verkündeten: Oesterreich, und namentlich Wien biete keinen Boden dar für eine antisemitische Partei. Sie sind eines Besseren belehrt worden. Richtig ist: Schönerer ist von der Bildftäche verschwunden, aber seine Erben, die Antisennteu, allerdings die christlich-sozialer Richtung, sind zum Siege gelangt; es ist nahezu die Voraussagung Luegers in Erfüllung gegangen: er hat sich Wien, das Land, das Reich erobert. Seine Partei ist die stärkste im Parlamente, denn die katholische oder klerikale (siehe auch den jetzt versammelten Wiener Katholikentag) schart sich um seine Fahne, und zwei Minister sind aus dieser „Fraktion", wie man bei uns zu sagen pflegt, hervorgegangen. Man kann sich darüber nicht täuschen: Die Partei hat den Höhepunkt ihrer Macht erreicht. Aber nicht nur die Klerikalen, auch die Deutsch-Nationalen im Parlamente schließen sich Lueger an, denn der Mächtige hat immer Recht. Leute, für welche Juden, wenigstens in früheren Zeiten, agitierten, wegen deren Wahl oft arme Volksgenossen auf dem Lande, besonders in Mähren, in ihrer geschäftlichen Tätigkeit boykottiert wurden, sind mit fliegenden Fahnen in das Lager der Christlich-Sozialen übergegangen, die nun von ihnen als die Wahrer der nationalen Güter gepriesen werden. Wir sind gewiß keine Freunde Schönerers, aber das wagen wir zu behaupten: Zu einer solchen Schwenkung hätte sich Schönerer nie hergegeben, wie sie jetzt seine ehemaligen politischen Freunde vornehmen. Die Macht besitzt einen bestrickenden Reiz, und der Gewaltige wird niemals nach Freunden suchen müssen. Geradezu jämmerlich ist aber der Zustand der einst so mächtigen deutsch-liberalen Partei. Sie ist sozusagen ganz aufs trockene gesetzt. Was aber das Kläglichste ist, sie kann ausrufen: Unsere Schuld ist's, der wir unsere jetzige inferiore Stellung danken. Sie hätte die Volkspartei sein können, wenn ihr Freisinn ein echter gewesen wäre und nicht ein Schwanken zwischen Liberalismus und Reaktion. So ist ihr Geschick gleich dem der Alttschechen und ihrer Erben, der Jungtschechen, deren Minister nun aus dem Kabinette scheiden mußten, um neuen Männern, darunter einem Bauern, Platz zu machen. Denn das ganze Ministerium mußte rekonstruiert werden, um „freie Bahn" zu schaffen für den Ausgleich, der nach zehnjährigen, langwierigen Verhandlungen endlich, für zehn Jahre wenigstens, zustande kommen soll. Und die Sozialdemokraten? Diese zweitstärkste Partei des Parlaments ist bei dem Ausgleiche, oder sagen wir besser, bei dem Handel um Ministerportefeuilles, der sich vor unseren staunenden Augen entwickelte, ganz leer ausgegangen. Sie stehen einer Phalanx von Gegnern gegenüber, die sie nicht durchbrechen werden. Wir denken aber doch, wenn die

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