Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 581 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bureaus in Hamburg und Bremen wurden den Bedürfnissen entsprechend mit bedeutenden Mitteln ausgestattet. Unsere Komitees an der Grenze und im Innern Deutschlands sorgten in anstrengender Arbeit für eine glatte Ab- Wicklung des Auswandererverkehrs, der sich infolgedessen auch ohne rede größere Störung für die deutsche Judenheit vollzog. Auch in .mßerdeutschen Häfen und Auswanderungszentren wurden die Komitees durch entsprechende Subventionen in den Stand gesetzt, für die Bedürfnisse der Auswanderer zu sorgen. Die Auswanderer werden wie in den Vorjahren bei ihrem^ Durchzug durch Deutschland verpflegt, so weit als nötig ist, eingekleidet und beherbergt, und es wird hnen auf ihrem schweren Wege jede mögliche Hilfe, Rat und Schutz;uteil. Die Verhandlungen mit Behörden und Schiffahrtsgesellschaften wurden in eifriger Weise fortgesetzt und hatten gute Erfolge. Besonders hervorzuheben ist, daß die amerikanischen Einwanderungskommissare, die von den gesetzgebenden Körperschaften Amerikas zum Studium der Auswanderungsverhältnisse nach den einzelnen Ländern entsandt worden sind, um das Material für neue Gesetzentwürfe zu sammeln, bei ihrer Anwesenheit in Berlin mit dem Hilfsverein sich in Verbindung setzten, auf dem Bureau in Berlin vorsprachen und sich aufs genaueste über die Tätigkeit auf dem Gebiete des Ausrvandernngswesens unterrichten ließen. In. eingehenden Beratungen wurden die Maßnahmen besprochen, die zu einer richtigen und gerechten Behandlung der jüdischen Auswanderung seitens der Vereinigten Staaten ergriffen werden könnten. Diese Beratungen werden sicherlich für die gesamte jüdische Auswanderung erfreuliche Ergebnisse zeitigen, zumal der Hilssverein dauernd mit den amtlichen amerikanischen Kommissaren in Verbindung geblieben ist und ihnen über einzelne Fragen ausführliche schriftliche Gutachten überreicht hat. Mit den führenden Komitees in Amerika, jüdischen sowohl wie interkonfessionellen, die sich mit der Einwanderung beschäftigen, sind wir in dauernder Fühlung. Unsere besondere Aufmerksamkeit hatte der Plan, eine zweckmäßige Verteilung der jüdischen Einwanderer über das ganze Gebiet der Vereinigten Staaten herbeizuführen. Der Einwanderung droht infolge der Ansammlung der Juden in New?)ork und in wenigen Städten des Ostens der Vereinigten Staaten Gefahr. Diese Anhäufung ist sowohl für die Einwanderer als auch für die gedeihliche Entwicklung der amerikanischen Judenheit bedenklich. Zur weiteren Verminderung der jüdischen Auswanderung nach den großen Zentren der Vereinigten Staaten haben wir uns erfolgreich bemüht, die Auswanderer auf neue Niederlassnngsmöglichkeiten in anderen Ländern aufmerksam zu machen. Unsere Fürsorgetätigteit erstreckt sich demgemäß in umsassender Weise auch auf die Auswanderer nach Kanada, Argentinien, Palästina Und nach europäischen Ländern. Die Bemühungen des Zentralbureaus für jüdische Ausrvanderungsangelegenbeiten, die Auswanderer und Auswandererkomitees zu stützen und informieren, wurden in noch umfassenderer Weise als in den früheren Jahren fortgesetzt. Von der Fürsorge, die wir den Auswanderern angedeihen lassen, haben viele Tausende Vorteile gehabt. Ueber 30 000 Auswanderer wurden auf unseren ver» schiedenen Verpflegungsstationen verpflegt und zirka 10 000 Auswanderer sind bis zum 1. Oktober d. I. vom Hilssverein befördert worden. Die Gesamtaufwendung dieses Jahres für Auswanderungszwecke beträgt bereits jetzt 1ji Million Mark. In vorstehendem konnte nur über die Hauptpunkte berichtet werden. Eine Anzahl kleinerer, aber nicht weniger wichtiger Aufgaben war außerdem zu bearbeiten, deren Aufzählung dem Jahresbericht Vorbehalten bleibt. Die gegebene kurze Skizzierung unseres Wirkens wird hoffentlich zeigen, daß der Hilfsverein der deutschen Inden bestrebt bleibt, das Vertrauen durch eifriges Bemühen und hingebende Arbeit zu rechtfertigen und seiner edlen Bestimmung nach Maßgabe der Kräfte gerecht zu Werder:. Kolener Brief. Bie werden gewiß gedacht haben, der Posener Briefschreiber hat seinen Namen „Zwi" zu Ehren gebracht und ist bei dem letzten Kesseltreiben gegen die „Hartgeprüften" als weidwunder „Hirsch" zur Strecke gebracht worden, daß er gar nichts mehr von sich hören läßt. Oder hat er, der noch im letzten Posener Brief (Nr. 32 vom 9. Anglist) versprochen hatte, Mittel zur Verbesserung der Stellung unserer Glaubensgenossen in der Ostmark anzugeben, inzwischen eingesehen, daß unsere Glaubensgenossen noch immer ein hartnäckiges Volk sind, wie es zu Moses Zeiten war? — Beinahe haben Sie recht, »venu Sie in dem letzteren Umstande den Grund meines längeren Schweigens vermuten. Denn trotz aller eindringlichen Mahnungen seitens der großen jüdischen Verbände verfallen die jüdischen Gemeindeinstitutionen hier bei uns zu Lande immer mehr und mehr. „Der Zllg nach denr Westen" hört selbst dort nicht auf, wo die Regierung ans Gründen der Germanisierung Behörden, höhere Schulen, Seminare, Präparandenanstalten errichtet, wo sie Industrien unterstützt oderneue zu schaffen sucht, jüdische Richter und Notare anstellt, jüdische Aerzte und Apotheker aus dem Ostmarkenfonds subventioniert und an den Geschäfts- und Amtsjubiläen unbesoldeter hervorragender Beamten und Glaubensgenosserl offiziell sich beteiligt, ja sogar an Synagogen-Einweihungen teilnimmt! — Es ist daher ganz natürlich, daß Schule und Synagoge veröden und daß das sogenannte „Privatseminar" des Herrn Rabbiners Dr. Feilchenfeld in Posen und seine Förderer, wozu vor allem auch der Synagogenverband des Regierungsbezirks Posen gehört, das ernten, was sie gesät haben, das ist die beschleunigte Auflösung der jüdischen Volksschulen und die Verdrängung der staatlich geprüften Lehrer, an deren Stelle nunmehr die Zöglinge des „Privatseminars" (sie) rücken, die allerdings viel begabter sind als die staatlich geprüften Lehrer, denn was diese in sechs Jahren systematischer und eingehender Arbeit sich erworben, das lernen jene, die früher Konnnis oder Handwerksgesellen waren, sage und schreibe — in einem einzigen Jahre. Denn während dieser Zeit werden sie im „Privatseminar" zu Lehrern, Kantoren und Schächtern, womöglich auch noch zu „Predigern" ausgebildet, um mit 19 bis 20 Jahren geistliche Führer unserer kleinen ostmärkischen Gemeinden zu sein. Der Verband der deutschen Juden kann zehninal beschließen, nur staatlich geprüften Lehrern den Religionsunterricht — wozu unbedingt doch auch der hebräische Unterricht gehört — zu übertragen, und der Deutsch-Israelitische Gemeindebund konsequent erklären, daß der Religionsunterricht nur dann subventioniert wird, wenn er von staatlich geprüften Lehrern erteilt wird; unsere Gemeindegewaltigen erklären (wörtlich): „Was geht uns der Verband an, wir machen, was wir wollen." So hat — nach dem Worte des alten jüdischen Humoristen — hierzulande jede K'hille ibren eigenen „Schulchan aruch“ und läßt sich von niemand dreinreden. Halten Sie es fürmöglich, daß eine Gemeinde ein ganzes Jahr lang ihre Kinder ohne hebräischen Unterricht läßt, obwohl ein staatlich geprüfter und staatlich angestellter Lehrer am Orte ist, der früher stets den hebräischen Unterricht erteilt hat, dem aber durch Jntriguen aller Art dieser Unterricht entzogen worden ist, der sich jedoch trotzdem bereit erklärt hat, den Unterricht wieder zu übernehmen? Und weshalb weigert sich die Gemeinde, dem Lehrer den Unterricht zu übertragen? Nun, der Kantor und Schächter wurde von der Gemeinde zum „Lehrer" gemacht. Die Stelle ist aber fast ein Jahr vakant und man will dem neuen Kantor, der übrigens noch gar nicht gewählt ist, wieder