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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-06 · Heft 49 (6.12.1907) · p. Seite 580

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
Seite 580 (sequence 4)
Language
German
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580 volle Gleichberechtigung mit den übrigen Staatsbürgern genießen. Diesen Gefühlen der Amerikaner entspreche auch die jedesmalige Entrüstung, so oft Nachrichten über neuerliche Pogroms in Rußland jenseits des Ozeans bekannt werden. In Amerika gibt man sich der Zuversicht hin, daß diese von Taft sicherlich in taktvoller Form vorgebrachten Hinweise auf die amerikanische Stimmung große Wirkung haben werden. Das Blatt hebt schließlich hervor, daß, obwohl Taft schon vor seiner Abreise die Aufträge bezüglich seiner inoffiziösen Intervention in Rußland erhalten hatte, nach Bekanntwerden der Wahlresultate und der jüngsten Entwicklung der politischen Verhältnisse in Rußland zwischen Taft und Roosevelt ein reger Depeschenwechsel in dieser Angelegenheit stattgefunden habe. Diese Depeschen enthielten viel weitergehende Instruktionen, als sie ursprünglich gedacht waren, da man in den maßgebenden politischen Kreisen Amerikas die Befürchtung hegt, daß eine reaktionäre Duma-Majorität leicht neue große Ausschreitungen gegen die Juden im Gefolge haben könnte. Der Wksorrem der Deutschen Juden. Berlin, 2. Dezember, er „Hilfsverein der Deutschen Inden" bringt die nachstehende Uebersicht über seine Tätigkeit vom 1. Januar bis 30. September d. I. zur Versendung, welche hier im Auszug wiedergegeben werden soll: Die Zahl der Mitglieder hat sich wesentlich erhöht. Ständige Jahresbeiträge entrichteten am 1. Januar d. I. rund 13 000 Mitglieder, am 1. April d. I. rund 14 000 Mitglieder, am 1. Oktober d. I. rund 17 000 Mitglieder. Während wir im Vorjahre in 442 Orten Deutschlands vertreten waren, erhalten wir heute bereits aus 551 deutschen Plätzen Mitglieds beitrage; selbst in den kleinsten Gemeinden ist die Anteilnahme an unserer Arbeit rege geworden. Entsprechend diesem Zuwachs an Mitgliedern sind vom 1. Januar bis Anfang Oktober d. I. an Jahresbeiträgen eingegangen rund 120 000 Mark, die sich durch weitere Zahlungen bis zum Schlüsse des Jahres noch beträchtlich erhöhen werden (gegen 98 696,44 Mark im Vorjahre). Außerdem erhielten wir an einmaligen Beiträgen vom 1. Januar bis Anfang Oktober d. I. rund 160 000 Mark. Im Jahre 1907 hat das Schulwerk des Hilssvereins der Deutschen Juden erhebliche Fortschritte zu verzeichnen. Ter Hilfsverein hat in diesem Jahre in Palästina, wo er die nieisten Schulen unterhält, eine Handelsrealschule in Jerusalem und weitere Kindergärten in Beirut. Haifa und Liberias begründet. Die Subventionen der Lehranstalten in Jerusalem und Jaffa wurden insbesondere im Hinblick auf die große Inanspruchnahme durch mittellose russische Jmmigrantenkinder beträchtlich erhöht. Der Lehrplan des Seminars des Hilfsvereins in Jerusalem, das Lehrer für Palästina, insbesondere die jüdischen Kolonien daselbst, und für die Balkanländer und die europäische Kolonie heranbildet, hat eine wichtige Erweiterung durch Einführung theoretischer und praktischer landwirtschaftlicher Kurse erfahren. Tüchtige Lehrkräfte, die in Deutschland ihre Ausbildung empfangen haben, sind für Seminar, Schulen und Kindergärten gewonnen worden. Eine Reihe von Bildungs- und humanitären Instituten, die für das kulturelle und wirtschaftliche Leben Palästinas von hervorragender Bedeutung sind oder zu werden versprechen, sind unterstützt worden: so in Jerusalem die Lämelschule, die Zentralbibliothek. das jüdische Mädchenheim, das russische und palästinische Waisenmüdchen aufnimmt. Eine weitere wesentliche Ausgestaltung des palästinischen Schulwerkes des Hilssvereins steht bevor. Sie wird auf Grund der Vorschläge des Herrn Dr. P. Nathan, Geschäftsführers des Hilfsvereins der Deutschen Juden im Ehrenamt, erfolgen, der sich zurzeit auf einer Studienreise im Orient befindet, auf der er sich im besonderen übel die Schulverhältnisse aufs eingehendste zu informieren bemüht. Im Anschluß all die Reise des Herrn Dr. Nathan, die über Bulgarien und Konstantinopel erfolgt ist, sind bereits Bewilligungei von erheblicher Bedeutung für dortige Schulen vollzogen worden. Die erfolgreiche Tätigkeit der von uns entsandten deutschen Lehrkräfte in Bulgarien wird dankbar anerkannt. Den an uni herangetretenen Wünschen entsprechend, werden weitere Lehrkräfte dorthin entsandt und ferner Mittel zur Anschaffung von Unterrichts material bewilligt. In Konstantinopel, wo eine große jüdische Bevölkerungsmassc zusammengedrängt ist und die Schulverhältnisse durchaus ungenügende sind, wird der rasche Ausbau der Or Thora-Schule zu einer sechs klassigen Volksschule nach deutschem Muster ermöglicht, und zwei weiteren Schulen, der Schule „Zeror ha Chajim" und „Achrida" werden die Mittel zu einer zweckentsprechenden Umgestaltung unt Erweiterung des Unterrichtsplanes zur Verfügung gestellt. Die Subventionierung rumänischer Schulen erfolgt in gleichen' Umfang wie bisher. Das Hilfswerk für Rumänien mußte sich leider in diesem Jahre nach anderer Richtung als der weiteren Förderung der kulturellen Entwicklung erstrecken. Es galt, im Verein mit der übrigen Organisationen, die Schäden zu lindern, die durch die mi den Agrarunruhen Hand in Hand gehenden antisemitischen Exzesse verursacht waren. Insgesamt unterhält und unterstützt der Hilssverein im Jahn 1907 12 Kindergärten, 14 Knaben- und Mädchenschulen, eine kom merzielle Mittelschule, eine Handelsschule, eine Haushaltungsschule eine Handwerkerschule, eine Kunstgewerbeschule, ein Seminar, in ganzen 32 Anstalten, die tausenden von jüdischen Knaben und Mädcher Gelegenheit gewähren, sich zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft heranzubilden. Das Hilfswerk für Galizien führt der Hilfsverein in Ver bindlrng mit dem Wiener Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung in Galizien und der eng befreundeten Großloge für Deutschland weiter fort. Der Hilfsverein der deutschen Juden hm auch in diesem Jahre wiederum die Mittel für den Spezialdelegierten zur Verfügung gestellt, der. in Galizien stationiert, die dortigen Verhältnisse in bezug aus die Einführung neuer Industrien und die Belebung und Ausbreitung bestehender ständig verfolgt. In der Haarnetzindustrie, der Spitzenklöppelei, der Kleiderkonfektion findet eim erhebliche Anzahl von Arbeitskräften lohnende Beschäftigung. Weiten Arbeitsgelegenheiten werden im laufenden Jahre auf dem Gebiete der Wüschekonfektion und Weißstickerei erschlossen. Erwähnt sei auch, daß eine Reihe von Komitees zur Bekämpfung des Mädchenhandels die in Galizien ihren Sitz haben, vom Hilssverein subventionier' werden. Unsere ernsteste Sorge bildet auch in diesem Jahre wieder bi» Lage der Juden in Rußland. In ständiger Furcht vor bei Gefahren, die ihrem Leben und Eigentum drohen, unter entwürdi genden Ausnahmegesetzen, die trotz Versprechungen der Regierung und der Diskussionen in der Duma bisher nicht erleichtert worder sind, spielt sich ihr Leben und ihre wirtschaftliche Betätigung in dumpfer Resignation ab. Ganz hat es auch in diesem Jahre an blutigen Ausbrüchen gegen die Juden nicht gefehlt. In verschiedenen Städten kam es zu Exzessen und in Odessa herrscht ein permanenter Pogrom. Das Ausland ist nicht imstande, ihre Lage in anderem Weise als durch materielle Hilfe und durch Erleichterung der Aus' Wanderung zu bessern; sie bleiben nach wie vor den Ausschreitungei der Banden des Verbandes echt russischer Leute und seiner Helfers Helfer preisgegeben. Das russische Hilsswerk, für das der Hilfsvereir seit zwei Jahren 2^/^ Millionen Mark aufgewendet hat, muß infolge dessen fortgesetzt werden. Auch in diesem Jahre mußten von uns erhebliche Summen verausgabt werden, um die allgemeine Not zr lindern, die noch vergrößert wurde infolge einer Reihe von schweren Bränden in verschiedenen Städten. Es sind einschließlich der für Auswanderungszwecke erforderlichen Summen bisher im laufenden Jahre schon zirka 400 000 Mark von uns für das russische Hilfswerl verwendet worden.

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