Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1907)
- Date
- 1907-12-06
- Page
- Seite 578 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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weiß, wie viele trotz des Verbotes in fremden Lotterien gespielt haben, und in sehr vielen anderen Fällen werden nicht etwa ungerechte und unweise, sondern durchaus vernünftige und selbst notwendige Gesetze mehr oder minder offen gebrochen oder umgangen. Und da war es ein so fürchterliches Verbrechen, wenn Leute, die eine bessere oder doch vernünftigere Auffassung rein wirtschaftlicher Fragen hatten, ein Gesetz nicht sonderlich beachteten, zu dessen Nichtbeachtung bezw. Umgehung sie fast gezwungen waren, da das Geldgeschäft ihnen hauptsächlich überlassen war, durch dessen Umgehung sie Privatleuten ebenso nur forthelfen konnten, wie heute die deutsche Reichsbank nur allerersten Firmen? Wohlgemerkt! Wir unterscheiden sehr zwischen Geldgeber und Wucherer. Der Wucherer, der wie eine Spinne auf sein Opfer lauert, es umgarnt und schließlich erstickt oder sonst umbringt, braucht gar nichts gemein zu haben mit dem Geldgeber, der zu einem den Umständen angemessenen Preise Geld hergibt. Jener ist ein gefährlicher Parasit, dieser kann ein wirtschaftlicher Retter und Lebensfpender sein. Wozu diese Erinnerung an Tage, die nun doch schon eine Reihe von Jahren vergangen sind? Aus dem sehr triftigen Grunde, weil eine der Hauptursachen des bei uns bestehenden Judenhasses der ererbte, auf wirtschaftlicher Unreife früherer Tage beruhende Haß gegen den Geldgeber ist. Eine wie große Rolle auch noch der religiöse Haß in halbbarbarischen Ländern oder in pietistischen Kreisen spielen mag, in Deutschland hat er sognt wie nichts mehr zu bedeuten. In Deutschland ist man religiös zu indifferent oder zu aufgeklärt im besten Sinne, um die Juden wegen ihrer Religion zu hassen. Auch das Rassensteckenpferd will nicht recht ziehen bei uns. Bei denen, die den jüdischen Mitbewerb, geschäftlichen oder beruflichen, zu fürchten haben, spricht der Brotneid sehr viel mit. Bei den meisten Uebrigen aber einzig die erbliche Belastung mit dem Hasse und der Geringschätzung oder noch richtiger der Verachtung des an sich nicht nur berechtigten, sondern ganz unentbehrlichen Geldleihens zu, wie wir sehen, selbst 7Va bis 8Vä Prozent seitens der Deutschen Reichsbank. Vielleicht veranlaßt dieser hohe Zinsfuß einen oder den anderen, darüber nachzudenken, ob es recht oder auch nur billig ist, den heutigen Juden nachzutragen, daß andere vor Jahrzehnten und Jahrhunderten in wirtschaftlichen Fragen schon den Standpunkt einnahmen, den die christlich-germanische Welt sich erst später > errungen hat und nach dem sie jetzt ganz genau so handelt wie die Juden jener Zeit. Bit Woche. Berlin, 8. Dezember, ^n die großzügigen Verhandlungen des deutschen Reichs - r tags hätte am Sonnabend der Spaßmacher der rechten Seite des Hauses, der Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg, einen Mißton gebracht — wenn seine Rede nicht in der allgemeinen Unruhe völlig unbeachtet geblieben wäre. Nur einige antisemitische Blätter, wie die „Deutsche Tageszeitung", haben ihren Lesern das Vergnügen gemacht, größere Auszüge aus dieser Rede zu bringen. Und so muß man sich notgedrungen mit derselben befassen. Herr Liebermann von Sonnenberg polterte zunächst gegen die russisch-jüdischen Studenten, „die auf unfern Universitäten Revolutionspropaganda studieren und in unfern Technischen Hochschulen Seminarien für Umsturz und Laboratorien für Waffen und Dynamitbomben sehen". Wie übertrieben und ungerecht diese Vorwürfe sind, weiß jeder Kundige. Sie sind so oft widerlegt worden, daß sie einer Zurückweisung nicht mehr bedürfen, auch nicht nach der Wiederholung derselben am Montag durch den Abg. Zimmermann. Dann kam der Redner auf den Prozeß Moltke-Harden zu sprechen und meinte in seiner „witzigen" Manier: „Warum spricht man immer vom Harden-Prozeß und nicht vom Wittkowski- Prozeß?" Die Frage ist nicht schwer zu beantworten. Weil Herr Harden das Sakrament der Taufe' und die Aufnahme in die evangelische Kirche empfangen hat! Für Herrn Liebermann von Sonnenberg scheint das keine Bedeutung zu haben. Sehr naiv würde seine fernere Frage klingen: „Warum unterstützt man das Bemühen der Juden, andere Namen sich anzueignen?", wüßte man nicht, daß dieses Bemühen von der Regierung nicht nur nicht unterstützt, sondern sogar sehr entschieden verhindert wird. Und Herr Liebermann v. Sonnenberg weiß es so genau wie wir alle. Schließlich kam er noch in einer heftigen Diatribe auf die „jüdischen Advokaten" zu sprechen. „Sie sollten es nicht zu toll treiben, denn sie könnten es dahin bringen, daß das Volk einmal tatkräftige Selbsthilfe anwendet." Man könnte dieselbe Mahnung wohl mit größerem Recht an die antisemitischen Führer richten, und der Wunsch, daß das Volk endlich auch einmal diesen gegenüber „tatkräftige Selbsthilfe" anwenden möchte, wird sicher von allen Einsichtigen geteilt werden. £ In der Rheinprovinz ist eine „Deutsche Vereinigung" entstanden, zu der hauptsächlich die angesehensten Träger des Adels in Westfalen und Rheinland gehören. Dieselbe richtet einen Aufruf an alle, die sich ihren Bestrebungen anschließen wollen, an den großen nationalen und sozialen Aufgaben des Volkes mitzuarbeiten. In diesem Aufruf wird mit als Zweck der Vereinigung „der Schutz aller Bekenntnisse und die Sicherung ihrer vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung, der Ausgleich der konfessionellen Gegensätze auf politischem, wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Gebiete und die Förderung gegenseitiger Achtung der religiösen Ueberzeugung" hervorgehoben. Unter den heutigen Verhältnissen und aus diesen Kreisen ist das immerhin anerkennenswert. * Ueber die Kriminalität der Juden in Sachsen, von denen übrigens in letzter Zeit wieder sehr viel geredet wird, macht der bekannte Statistiker Dr. R. Wassermann in der „Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform" die folgenden interessanten Mitteilungen in einem Referat über die Veröffentlichungen des königlich sächsischen Bureaus durch die Herren Bank und v. Friesen: Ebensowenig befriedigt mich, was v. Friesen über die Kriminalität der Juden zu sagen weiß. „Dieses schlimme Resultat für die Israeliten (auf 10 000 Juden treffen 1898/1902 12,9 wegen Betrug Verurteilte, auf 10 000 Christen 3,9) darf man als Christ nicht mit zuviel Hochmut betrachten mit Rücksicht daräus^daß die Juden, seitdem sie sich auS einem ackerbautreibenden in ein gewerbetreibendes Volk umgewandelt haben, kaum je wieder zum Pfluge gegriffen haben, mithin in weit höherem Maße der Begehung obiger Delikte ausgesetzt sind." Friesen begeht nämlich denselben Fehler, den ich bei seinem Vorgänger Bvhmert rügen mußte (vgl. Beruf, Konfession und Verbrechen S. 98), er zieht die eigenartige Verteilung der Juden auf Stadt und Land nicht in Betracht. Hierüber soll uns eine Tabelle Aufschluß geben, die ich nach Berechnungen von Paul Dreh (im 3. Heft der Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden) zusammengestellt habe.