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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-12-06 · Heft 49 (6.12.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 49 (6.12.1907)
Date
1907-12-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Begründet von Rabbiner 9*- Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Jerusalemer Straße $6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rnosse, Berlin. Der Bankdiskont. B Berlin, 3. Dezember, eit einigen Wochen haben wir in Deutschland einen Bankdiskont voll 7V» Prozent, und aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir ihn auch noch eine ganze Zeit lang behalten. Was das bedeutet, werden alle Leser, die geschäftlich tätig sind, gar sehr verspüren, und die dem Geschäftsleben und gewerblicher Tätigkeit Fernerstehenden werden es ungefähr ahneil. Es lähmt ein solcher hoher Bankdiskontsatz alle gewerbliche und geschäftliche Tätigkeit, macht sie zum Teil unfruchtbar und nötigt nicht wenige große und kleine Geschäftsleute, oftmals selbst Firmen ersten Ranges, zur Bankrotterklärung. Gewiß also eine große Kalamität, eine Landeskalamitüt, zrunal in Zeiten allgemeiner Teuerung wie den jetzigen.- Wer aber ist nach antisemitischer Theorie an Landeskalamitäten schuld? Wer hat in früheren Zeiten Pocken, Pest, Cholera und andere Seuchen ins Land gebracht, wer beschwört Kriege herauf, stiftet Revolutionen an, kurz ist an allem Unheil immer und immer schuld? Natürlich doch die Juden. Und so hat denn auch die Kreuzzeitung richtig herausgetüftelt, daß die Juden auch au dem hohen Bankdiskont schuld seien Bamberger hat seinerzeit auf die Einführung der Goldwährung in Deutschland hingewirkt, und infolge der Goldwährung. sind die Umlaufmittel knapp, und daher der Reichsbankdiskont von 7 Vs Prozent auf Wechsel und sogar 8 Vs Prozent auf Lombarddarlehen. Daß der jüdische Reichstagsabgeordnete Bamberger und selbst noch die zwei, drei anderen damaligen jüdischen Reichstagsabgeordneten nicht die Goldwährung hätten einsühren können, wenn nicht dreihundert und etliche neunzig nichtjüdische Abgeordnete die Bambergerschen Ideen für richtig gehalten Hütten und der Bundesrat mit dem Fürsten Bismarck an der Spitze nicht zugestimmt hätte, das ficht die fromme „Kreuzzeitung" weiter nicht an. Einzusehen, daß die Goldwährung nichts mit dem hohen Diskont zu schaffen hat, daß in den Vereinigten Staaten die Doppelwährung die Geldknappheit noch weniger als bei uns verhindert hat, daß wenn wir die Doppelwährung hätten, diese nur bei dem jetzigen Geldbedarf Amerikas und Englands ohne den Schutz einer l'i-z Prozent-Diskontrate dazu beigetragen hätte, das Gold aus dem Lande zu jagen und uns das minderwertige weiße Metall zurückzulassen, das heißt, uns dauernden Schaden zuzufügen — dazu reicht die volkswirtschaftliche Kenntnis jener Schreiber nicht ans. Aber so viel Einsehen und Gerechtigkeitsgefühl hätte das Blatt doch haben müssen, um zu konstatieren, daß, wenn der jüdische Abgeordnete Bamberger, das heißt also nach der so beliebten Generalisierungsmethode: die Juden, und trotzdem der Reichstag doch noch fast vierhundert nichtjüdische Abgeordnete umfaßt und der Bundesrat auch noch etwas zu sagen hatte, nicht die Christen, die Goldwährung und in weiterer Folge den jetzigen ruinösen Bankdiskont von 7', 2 beziehungsweise 8V2 Prozent verschuldet haben, niemand so unter der Kalamität zu leiden hat, als die doch geschäftlich und gewerblich mehr als jede andere tätige jüdische Gemeinschaft. Die Juden sind ja stark am Handel, in der Konfektion, an der Börse usw. beteiligt und leiden sonach ganz besonders unter der schweren Diskontlast. Der Diskontsatz von 7 Vs Prozent ruft in uns aber noch ganz andere Erinnerungen wach. Wie lange ist es her, daß man bei uns mit entehrender Strafe und mit gesellschaftlicher Aechtung bestraft wurde, wenn man 6 Prozent nahm? Damals war man hierzulande noch nicht zu der Erkenntnis herangereift, daß Geld eine Ware sei, die zu verschiedenen Zeiten und unter verschiedenen Verhältnissen einen verschiedenen Wert hat. Damals bestrafte man den Geldgeber, den man fälschlich gleich Wucherer nannte, weil er oft ohne Unterpfand, auf die bloße Unterschrift eines Mannes hin, der wenig kreditwürdig war, der aber möglicherweise doch mit dem geliehenen Gelde sich emporarbeiten konnte, Geld zu einem dem größeren Risiko entsprechenden höheren Zinsfuß hingab. Im schlimmsten Falle konnte der Borger, der durchaus nicht bewuchert zu werden brauchte, in Vermögensverfall geraten. Heute nimmt ein erstes Reichsinstitut einen Zinsfuß, der vor wenigen Jahrzehnten einen kleinen Geldgeber ins Gefängnis gebracht hätte, obwohl durch diesen Zins nicht ein Einzelner geschädigt, sondern die ganze Geschäftswelt eines großen Reichs mehr oder weniger gelähmt und viele unschuldige Kaufleute zum Bankrott getrieben werden, wodurch wiederum sehr viele in Not und Elend geraten. In New Jork gar konnten sich Milliardäre als Retter des Vaterlandes feiern lassen, die gegen absolute Sicherheit Geld zu 10 Prozent und darüber hergaben und viele Millionen im Handumdrehen verdienten. Zugegeben, daß damals das Gesetz einmal bei uns bestanden hat, nicht mehr als 5 bis 6 Prozent zu nehmen, und daß das Gesetz darum hätte respektiert werden müssen. Aber man weiß ja, daß unvernünftige Gesetze stets, auch von sonst peinlich den Gesetzen des Landes gehorchenden Bürgern, sehr oft nicht befolgt, mindestens umgangen werden. Man weiß, mit welcher Vorliebe allerlei über die Grenze geschmuggelt wird auch von solchen, deren Geschäft es nicht ist zu schmuggeln, die es Gott sei Dank nicht nötig haben zu schmuggeln, sondern die sogar reich, gebildet sind, und in bevorzugter Stellung sich befinden. Man

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