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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · p. Seite 575

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 575 (sequence 11)
Language
German
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575 entzogen hätte, sobald sie es nicht wollte. Er hatte kein Amt, kein Geschäft, er hatte überhaupt nichts zu tun, als seine Frau zu lieben. Sie fühlte sich so wohl, so sicher in seinem Besitze, und er erfüllte jeden ihrer Wünsche so eilig und so freudig, daß sie keine Ursache hatte, auch nur ein einziges Mal irgend etwas lebhaft oder leidenschaftlich zu begehren. Ein Einfall kam ihr, eine Laune, und es kostete ihr nur ein paar Worte und sie war erfüllt. Sie war also ruhig in ihrer Ehe . und vergnügt, wie sie es nie zuvor gewesen war. Sie hatte Barom gern, wenn sie nicht selbst noch so blutjung gewesen wäre, hätte man sagen können, wie ein Kind. Wenigstens sorgte sie für ihn und behütete ihn wie ein Kind. Sie schmachtete, aber nur, wenn sie nichts anderes zu tun hatte und weil es ihr angenehm war und sie auf diese Weise etwas von ihrem Körperumfange einzubüßen hoffte. Sie hatte es ja gar nicht nötig, zu schmachten. Und wenn sie sich fast ängstlich um sein Wohl kümmerte, so war auch hier etwas Egoismus dabei; sie wollte sich sorgen und auch ein wenig abmühen, um wieder Taille zu bekommen. Barom konnte keinen Schritt tun, ohne daß Genendel darum wußte, ihn! dabei bevormundete, ihn warnte oder ihm dabei Beistand leistete. Vor allem sah sie darauf, daß er immer hübsch aussah. Sie ließ ihn auf einem Schemel zu ihren Füßen sitzen, nahm seinen Kopf zwischen die Knie und kämmte ihn selbst, sie knüpfte sein Halstuch, sie bürstete selbst seinen Kaftan, ehe er ausging und seufzte dabei wie eine Unglückliche. Sie gab acht, daß er warm angezogen war, sie wickelte ihm jedesmal, wenn es windig war, einen kleinen Shawl um den Hals, und machte er seinen Spaziergang in der Straße — denn weiter ließ sie ihn nicht gehen, wenn sie selbst zu träge war. ihn zu begleiten — lag sie im Fenster und folgte ihm mit ihren Augen, aus Furcht, er könne von einem Wagen überfahren, von einer Kuh gestoßen oder doch mindestens von einem Hunde gebissen werden. Beim Essen ließ sie sich gerne von ihm bedienen, aber dafür verging kein Tag, ohne daß diese oder jene seiner Lieblingsspeisen, welche Tulpe bei dem Riesen Abrahaniek ausspioniert hatte, auf den Tisch kam, und stets war ihre schöne Hand damit beschäftigt, das Beste für ihn in der Schüssel zu wählen und ihm vorzulegen. Barom sah es und fühlte sich fast beschämt von ihrer Güte, und da er ein dankbares Gemüt hatte, geschah es mehr als einmal, daß er, den bisher nur Verse ergriffen hatten, durch eine Gänsebrust oder einen Fisch in schwarzer Rosinensauce in Rührung versetzt wurde. Die Abhängigkeit, in welche Barom auf die natürlichste Weise von der Welt einer Frau gegenüber, die ihm an Erfahrung so sehr überlegen war, von allem Anfang an geraten war, wurde durch ihre liebevolle Sorge für ihn noch gesteigert. Genendel hatte die süßesten Freuden, welche die Welt einem Weibe bietet, bisher noch nicht kennen gelernt, die Liebe war ihr fremd geblieben und sie hatte noch kein Kind in den Armen gehalten. In Barom fand sie jetzt gleichsanl beides vereint, er war als ihr zweiter Mann auch der erste Geliebte, den sie hatte, und sie leitete ihn und hätschelte ihn zugleich ganz mütterlich. Alles an ihr war zu dieser Doppelrolle wie geschaffen, und dabei war sie mit einem so glücklichen, stets gleichmäßigen, gelassenen Temperament begabt. Ohne geistreich zu sein, war sie eine sehr verständige Frau; sie wußte nichts von Literatur, sie hatte ohne Zweifel sehr falsche Vorstellungen von der Schöpfung, von dem Gang der Weltgeschichte, aber sie war dafür im Leben, in der Welt vollkommen zuhause, und da die gewöhnlichsten Dinge viel häufiger auf unserem Wege zu finden sind als die erhabenen und poetischen, so kam sie viel öfter in die Lage, ihren Mann zu belehren, als dieser sie, und sie belehrte ihn so anspruchslos, und wenn sie ihm etwas befahl — denn er stand in der Tat unter ihren Befehlen — so geschah dies so liebevoll, daß es fast wie eine Bitte klang und daß Barom gern gehorchte. Und wie liebenswürdig war sie oft, wenn sie ihn tadelte oder strafte! Ohne beides geht es ja auch bei geliebten Kindern nicht ab. Wenn Barom einmal bei schlechtem Wetter in die Stadt ging und mit nassen Füßen heimkehrte, wie eilte sie da, ihm frische Socken zu wärmen, und wie ermahnte sie ihn zu gleicher Zeit, doch ein andermal besser acht zu geben, der: Pfützen auszuweichen, den Schnee von den Füßen zu schütteln, und als er trotz ihrer Ratschläge einmal einen starken Husten bekam, besann sie sich keinen Augenblick, ihn in liebevollster Weise nach dem Vorbilde der heiligen Inquisition zu behandeln, nur daß sie ihn nicht auf einen glühenden Rost legte, sondern in ein weiches Bett und Federbetten über ihn türmte und statt siedendem Pech süßen Tee eingoß; aber sie saß mit grausamer Zärtlichkeit einen ganzen Tag und eine Nacht an seinem Lager und duldete nicht, daß er auch nur die Hände unter der Decke hervorzog. Wenn er nun in der Folge bei schlechtem Wetter ausgehen wollte, schien es eine Unmöglichkeit, im ganzen Hause seine Stiefel zu entdecken, sie waren verschwunden und kamen erst zum Vorschein, wenn die Sonne wieder freundlich durch die Scheiben hereinblickte. Im Sommer ging Barom gern mit einem Buche allein in das Freie hinaus und vergaß regelmäßig, zum Essen zurückzukommen. Einige Zeit verhielt sich Genendel vollkommen ruhig, dann ermahnte sie ihn einmal, zweimal und endlich trat sie als strafende Gerechtigkeit auf, weder zürnend noch strenge, sondern gelassen, mit ihrem behaglichen Lächeln um die Lippen. Barom kam zurück mit geröteten Wangen, unter jedem Arme einen Band, blickte verlegen auf die große Wanduhr und setzte sich stumm und niedergeschlagen an den gedeckten Tisch. Genendel sagte kein Wort; es kam die Suppe, es kam der Braten, sie legte ihm, wie gewöhnlich, die besten Bissen vor. Zuletzt brachte Tulpe Kuchen, mit eingesottenen Johannisbeeren gefüllt. Barom leckte die Lippen; er aß Süßigkeiten besonders gern. Genendel nahm einen Kuchen, brach ihn entzwei, kostete und aß davon. Sie schien Barom ganz 31t vergessen, sie aß einen zweiten, einen dritten Kuchen, ohne ihm einen anzubieten. Endlich machte Barom einen schüchternen Versuch, die Schüssel an sich zu ziehen, aber sie schlug ihm mit dem kleinen Dessertmesser leicht auf die Hand, so daß er erschrocken zurücksuhr. „Dn bist heute wieder zu spät zum Essen gekommen, mein Kind", sagte sie mit einem schlauen Blick. „Du bekommst dafür heute keine Mehlspeise." Barom seufzte und ergab sich in sein Schicksal. Er kam am nächsten Tage wirklich zur rechten Zeit, am zweiten nur um zehn Minuten zu spät, am dritten ließ er seine Frau bereits eine volle Viertelstunde warten. Als er am vierten Tage wieder um eine volle Viertelstunde . zu spät kam, fand er den Tisch abgeränmt und bekam gar nichts zu essen. Er wagte es nicht, sich zu beklagen, aber nach einer Stunde kam er, vom Hunger gepeinigt, in Genendels Zimmer und bat sie um einen Teller Suppe. „Nein, mein Engel," sagte sie, „Dir bekommst nichts vor dem Abend." Don diesem Tage an kam Barom nie mehr zu spät zum Essen.

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