Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 573 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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573 Mutterlands, beide selbständig, das Judentum stolz auf seine Tochterreligion, das Christentum voll Verehrung für das in seinem Kerne einfachere Judentum mit seiner ehrwürdigen Vergangenheit." P.: „An einen Hirt und an eine Herde also glauben Sie, wie ich sehe, schon nicht." O.: „Haben Sie — man darf ja in einer Zeit, da selbst gebildete Leute nicht Weizen von Roggen, einen Apfelvon einem Birnbaum unterscheiden können, eine solche Frage schon stellen — haben Sie, frage ich, schon einmal eine Herde gesehen? Wenn, dann werden Sie auch gesehen haben, daß keineswegs alle Tiere genau und immer das Gleiche tun. Einige Tiere lagern hier, einige dort, einige gehen hierhin, andere dorthin, einige grasen, andere sind müßig, spielen und dergleichen mehr. Es ist genug, wenn nur einmal von der kultivierten Welt der eine Hirte anerkannt wird; die Herde kann unter der Obhut dieses Hirten, so lange sie nur den einen Hirten hat, ihn anerkennt und ihm folgt, ohne Schaden in Einzelheiten sich trennen. Um Kleinigkeiten kümmert sich kein Prätor, geschweige denn der große Hirte, lieber Herr! Die Juden haben mehr als alle anderen beigetragen, daß die Erde voll werde der Erkenntnis Gottes, um mit Jesaia zu reden; je mehr sie es wird, wirklich wird, desto weniger wird Israel zu fürchten haben. Die Menschen, die sich wie Wolf und Schaf feindlich solange gegenüber gestanden haben, werden friedlich beisammen lagern, und dazu, zum religiösen Frieden nicht nur, sondern auch zum Weltfrieden, werden ihr Scherflein, ohne daß sie es wollten und wußten, nicht unwesentlich beigetragen habeir diejenigen Juden, die, unter alle Völker zerstreut, mit allen Völkern sich vereint haben. Selbst wenn jetzt das Judentum durch die Mischehen scheinbar verliert, der Tag ist nicht mehr fern, da es durch sie keinen Verlust mehr zu fürchten und zu erleiden haben wird. Sie wissen, die Wege Gottes sind wunderbar, und er macht den Stein, der sogar von Baumeistern verschmäht worden ist, schließlich doch zum Eckstein. Antworten Sie mir jetzt nicht! Ueberdenken Sie, was ich gesagt habe, und seien Sie versichert, ich bin nicht nur eiir Freund Israels, sondern ich bin fest überzeugt von seiner großen Zukunft. Wir haben keinen ernsten Grund zu zagen und schwachmütig zu sein. Die Uusltelluns Milcher Künstler?u Lerlm. m 6. November vorigen Jahres wurde in London in der Wbileebapel Art Gallery eine jüdische Ausstellung eröffnet. Der anläßlich dieser interessanten Veranlassung in unserem Blatte (1906, Nr. 49) veröffentlichte Artikel schloß mit dein Wunsche, daß auch in anderen Ländern solche Ausstellungen stattfinden mögen, und nun, nach Jahresfrist, haben sich, dank den Bemühungen eines jungen Vereins, bei uns die Tore geöffnet, um in einem harmonischen Gefüge ein Bild jüdischen Künstlergeistes zu zeigen. Am Sonntag, den 17. November fand die Eröffnung dieser Ausstellung in der Galerie für alte und neue Kunst, Wilhelmstraße 45, statt. Ein zahlreiches Publikum hatte sich eingefunden, um nach den Eröffnungsworten des Herrn Rudolf Schildkraut die von kern und nah zufammengetragenen Kunstwerke zu betrachten. Wer die Schwierigkeiten kennt, mit denen eine solche Veranstaltung zu kämpfen hat, der wird die mannigfaltigen Lücken gern übersehen und mit Vergnügen die Werke betrachten, die hier zusammengetragen und wohlgeordnet sich ihm darbieten. Die Londoner Ausstellung hatte ihr Augenmerk hauptsächlich auf englische Künstler gewandt, die ausländischen schlossen sich nur in zweiter Reihe an. Sodann war ein großer Raum alten Manuskripten und Büchern, Flugschriften und Kultusgeräten eingeräumt. In der Berliner Ausstellung dagegen treten diese Gruppen mehr in den Hintergrund; gleichsam als Ergänzung des englischen Unternehmens sind es Gemälde und Skulpturen, die zur Ausstellring gelangt sind. Der jüdische Altmeister, der 84jährige, noch rüstig schaffende Jozef Israels ist natürlich der angesehenste Gast in diesen Räumen. Wenngleich die sieben Gemälde nicht eirr vollgültiges Bild seines Talentes abgeben, so werden wir doch (an Nr. 52) bei dem Anblick der sorgsamen Mutter an der Wiege ihres Kindes und (an Nr. 55) der gedankenvoll dahinschreitenden Mutter mit dem Kindlein im Arm seine innige und seelenvolle Darstellung gewahr, die ihren höchsten Ausdruck in dem großen Gemälde des Rijksmuseums zu Ainsterdam: „ein Sohn des alten Volkes" findet. Hier müssen wir es mit besondereiu Bedauern erwähnen, daß Hermann Struck unter den Ausstellern fehlt, der mit seiner Radierung nach den: oben erl wähnten Gemälde das Bild des Altmeisters vervollkommt haben würde. Auch sonst Hütten wir gern mehrere Radierungen dieses im währen Sinne des Wortes jüdischen Künstlers gesehen, so aber müssen wir uns mit wenigen graphischen Arbeiten begnügen, unter denen die Blätter Israels die erste Stelle einnehmen. Das mysteriöse Dunkel seiner Gemälde weiß er auch mit der Nadel meisterlich wiederzugeben, aber auch das Lächeln der pausbäckigen Kindlein und die markanten Furchen gramgebeugter Köpfe zeigen diese anspruchslosen Meisterwerkchen. Noch eiuein Künstler ist ein größerer Raum eingerüuint worden, Lesser Nry, dessen Werke aus verschiedenen Epochen seines Schaffens ein interessantes Bild seiner Entwicklung gewährten. Die Feldarbeit (Nr. 140) aus dem Jahre 1880 verrät noch nichts von seiner eigenartigen Technik, allmählich entwickeln sich dann seine landschaftlichen Farbensymphonien, und die letzten Jahre bringen seine jüdischen Sujets, die klagenden Gestalten um Jerusalem (Nr. 138), den gewaltigen Jeremias (Rr. 136), der in sternenklarer Nacht, allein auf dem Hügel gelagert, den sorgenden Blick in die Ferne schweifen läßt, und sein neuestes Werk aus diesem Jahre: Moses, aus den Sinai steigend (Nr. 137). Die Bergeshöhen, von denen dem Volke das Morgenrot einer besseren Erkenntnis winkt, glühen im Feuerschein; sinnend steigt Moses den Berg zwischen Geröll und Klippen hinan. Die übrigen Künstler, die nur mit einzelnen Werken vertreten sind, hängen in bunter Folge herum; weder nach Nationen noch nach Schulen sind sie geordnet, denn sie sind ja gekommen, um in ihrer Gesamtheit eine Zusammengehörigkeit zu zeigen, daß sie alle, ob von Nord oder Süd, aus dem traurigen Rußland oder dem gastlichen England, Juden sind und durch ihre Werke oft der jüdische Geist weht. Daruin wollen auch wir sie hier nicht rubrizieren und klassifizieren, sondern sie betrachten, wie sie uns begegnen. Der bekannte Impressionist Camille Pissaro (1830 bis 1903) ist in der National-Galerie und anderen Museen besser kennen zu lernen als hier, auch Jules Adler wird der Besucher des Luxembourg mehr schätzen, als es die flüchtigen Skizzen vermuten lassen. Jacques Hafts Radierungen hängen leider zu ungünstig, als daß man die feinen Blättchen genau betrachten könnte, dagegen fallen die kleinen Skizzenblättchen