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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · p. Seite 572

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 572 (sequence 8)
Language
German
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-j 572 dezimiert wird es, und es wird nicht lange mehr dauern, so wird es halbiert, gevierteilt und schließlich gar nichts mehr von ihm übrig sein. Das ist es eben, was ich befürchte." O. : „Nun, dann kann ich Ihnen nur raten, sich wegen der Zukunft des Judentums keine grauen Haare wachsen zu lassen. Ich glaube im Gegenteil dem Judentum eine schönere Zukunft prophezeien zu können, als seine Vergangenheit je gewesen." P. : „Das ist eine kühne Prophezeiung." O. : „Nicht so kühn wie Sie glauben, und nach meiner Ileberzeugnng auch keineswegs leichtfertig. Selbst in frommen christlichen Kreisen fängt man an, die Judenmission als deplaziert anzusehen. In gerade frommen christlichen Kreisen hält man nicht mehr viel von den Judentaufen, da selbst sie erkannt haben, daß von einer wirklichen Bekehrung so gut wie niemals die Rede ist. Die Zeit ist wohl nicht mehr fern, da Staaten wie Kirchen sich schämen werden der gar zu leichten Eroberungen. Sie werden aufhören, sie zu begünstigen, gar direkt oder indirekt zu erzwingen, und dann werden die Uebertritte und Mischehen aufhören, werden dieKinder jüdischer Mischehen nicht mehr ausnahmslos dem Judentum verloren gehen, sondern im Gegenteil zum größeren Teil dem Judentum zufallen, ans dem einfachen Grunde, weil das Judentum verständlicher ist und keinem ein Opfer des Intellekts zumutet. Nun legen ja die aufgeklärten christlichen Geistlichen selbst immer mehr von den das Christentum vom Judentum trennenden Dogmen beiseite, aber je mehr es sich dem Judentum nähert, desto weniger hat man ohne Zwang nötig, das Alte fallen zu lassen zugunsten des sich zurückverwandelndeu Neuen." P. : „Sie sind aber ein Optimist!" O.: „Bin ich auch, und Juden sind immer Optimisten gewesen, sonst wären sie eben nicht mehr. Ich werde Ihnen etwas sagen. Ich fasse den Streit zwischen Judentum und Christentum als einen allerdings sehr verlängerten, einst mit furchtbarer Heftigkeit geführten und immer noch fortdauernden Familienstreit auf, der enden wird, wie früher oder später solche noch so bittere Familienfehden zu enden pflegen: mit vollständiger Aussöhnung und nachher desto innigerem Zusammenleben oder Zusammengehen. Wie geht es doch bei solchen Familienfehden zu? Brüder streiten sich, und der eine geht rechts, der andere links. Oder gar Baker und Sohn geraten in Streit. Der Sohn hat neue, reformatorische Ideen, die der Vater nicht billigen zu können und zu sollen glaubt. Der Vater ist nicht dumm, der Sohn nicht schlecht. Der Sohn geht fort, findet Anhänger zum Teil auch in der Familie und Anklang draußen bei Fremden, denen er allerlei zuwendet, das er aus dem väterlichen Bermögen mitgenommen. Die Klust wird mit der Zeit erweitert und vertieft. Der Sohn hat in der Fremde große Erfolge; erdenkt kaum noch an das Vaterhaus, wenn er nicht gar, stolz auf seine Errungenschaften, geringschätzig auf Vaterhaus, die väterliche Familie, die väterlichen Anschauungen und Gewohnheiten herabzusehen sich gewöhnt. Teils um den Bruch mit seiner Familie vor sich und seinen neuen Freunden noch mehr zu rechtfertigen, teils infolge der in der neuen Umgebung, der in denk neuen, ungemein erweiterten Wirkungskreise gewonnenen neuen Anschauungen, wagen er und seine Nachkommen sogar die Sitten des Elternhauses zu verspotten, zu verleumden. Auch im Elternhause ist man natürlich nicht gut auf den Sohn zu sprechen, wenn auch mit der Zeit der Vater im innersten Herzen anfängt stolz zu sein auf die Erfolge seines Sohnes und seiner Enkel, die, wie er wohl weiß, das Wesentliche ihm und dem iin Vaterhause Gelernten verdanken. Es vergeht eine weitere Zeit; Nachkommen der im Elternhause zurückgebliebenen Kinder kommen zufällig mit Nachkommen des in die Welt Hinausgezogenen zusammen; man ist erst zurückhaltend, mißtrauisch, dann sieht man, daß man sich falsche Vorstellungen voneinander gemacht hat, daß man zu sehr auf Zwischenträger gehört, daß man manches übertrieben, entstellt, aus falschen Gesichtspunkten beurteilt hat. Man reicht einander die Hand; weitere Familienmitglieder kommen jetzt schon absichtlich zusammen, und nach noch einiger Zeit ist alles ausgeglichen, Natürlich werden weder diese ihre neuen Sitten, Beziehungen, Anschauungen, noch auch jene ihre ihnen zur zweiten Natur gewordenen Gewohnheiten ausgeben, die Nachkommen des Landbewohners und Landmannes, sagen wir beispielshalber, nicht die Gewohnheiten und Anschauungen, das Wirken und Schaffen der Handel und Industrie treibenden Städter ohne weiteres und vollständig übernehmen, und ebensowenig umgekehrt. Aber man wird sich gegenseitig verstehen, die Berechtigung der verschiedenen Lebensauffassungen und Betätigungen anerkennen und friedlich beisammen leben- Ganz genau so verhält es sich mit den Beziehungen zwischen Judentuin und Christentum. Jesus wollte nur das Judentum reformieren, vertrat Ansichten, die vor bald 2000 Jahren den meisten Juden nicht annehmbar schienen, heute von Juden aber so wenig perhorresziert werden, das; man, so befremdlich es klingen mag, ganz getrost sage»; kann, das Judentum steht dein historischen Christus näher als das heutige Christentum. Aber die Nachfolger Christi glaubten von ihrem Standpunkt in durchaus bester Absicht die Klust zwischen ihnen und dem Judentum immer mehr vertiefen und erweitern zu müssen, immer mehr vom Judentum abrücken zu sollen; je mehr Macht man gewann, desto mehr glaubte man sich im Recht, uird, nun Sie wissen ja, zu welch furchtbaren Kämpfen es gekommei; ist. Natürlich vermehrten diese Verfolgungen weder die gegenseitige Liebe, noch förderten sie die Erkenntnis, so daß schließlich Judentum und Christentum fast diametrale Gegensätze bildeten, obschon es durchaus nicht nötig gewesen wäre. Nachdem aber die Bitterkeit der religiösen Streitigkeiten ausgehört hat — vom Antisemitismus rede ich jetzt nicht, weil er gar nicht wert ist mit der zwar gewiß sehr, sehr traurigen religiösen Intoleranz, die immerhin doch in gewisser Weise etwas Ideales war, in einen; Atem genannt zu' werden — streckt man von beiden Seiten einander die Hände entgegen, nähert sich einander immer mehr, sogar bis zur Intimität der Ehe." P.: „Also würden Sie gar die Mischehen fördern, vermehren?" O.: „Das habe ich nicht gesagt. Mischehen, nicht bloß zwischen Anhängern verschiedener Religionen, sondern auch verschiedener Nationen, ja verschiedener Stände, selbst zu verschiedenen Bildungskreisen und sogar Vermögensklassen Gehörender, sind immer ein sehr großes Risiko, das nur sehr wenige übernehmen dürfen. Daß aber sich jetzt wirklich mehr Juden und Christinnen und Christen und Jüdinnen die Hand zum Ehebunde reichen, sehe ich nicht immer als ein Unglück für das Judentum an/) weil dieses jetzt mehr als jemals Aussicht auf Fortbestand hat. Asien erwacht, Afrika erwacht, so wird auch das Judentum erwachen, und die Christenheit wird zu dem Judentum etwa in demselben Pietätsverhältnifse stehen, wie Amerika zu Europa, wie die Kolonien zuin h Daß wir diese Anschauung durchaus nicht teilen, sondern im Gegenteil die Mischehen geradezu als ein Unglück fite das Judentum ansehen, brauchen wir nach alledem, was in unserem Blatte seit Jahren darüber geschrieben wurde, wohl nicht erst zu betonen. Aber es ist inimerhin wichtig, auch die zu Worte kommen zu lassen, die hierin anderer Ansicht sind. Die Red

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