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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · p. Seite 571

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 571 (sequence 7)
Language
German
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571 Nachdem es die Verfolgungen voll Pharao bis Haman, der verschiedensteil Kirchen, Völker, Monarchen so wunderbar ausgehalten hat, braucht man doch am wenigsten jetzt besorgt zu sein, da den Inden fast die ganze zivilisierte Welt offen steht, und die mehr oder weniger unzivilisterte sich auch früher oderspäter, schon Schande halber, genötigt sehen wird, andere Saiten aufzuziehen." P.: „Ich muß gestehen, ich fürchte nicht so sehr den Druck als das Aufhören des Drucks. Fast scheint es, als könnte das Judentum wie die Fauna der Tiefsee nur unter einem gewissen Druck bestehen. Sowie dieser anfhört, droht der Zerfall. Sie wissen doch, daß Jeschurun ausartete, als es fett wurde." O. : „Ich kann Ihnen so wellig znstimmen, daß ich nichts sehnlicher wünsche als das Aufhören des Drucks bald, bald, lloch in unseren Tagen." P. : „Sie müssen doch zugeben, daß die zahlreichen Uebertritte —" O. : „Die eine Folge des offenen wie des latenten Drucks sind —" P. : „Uild noch mehr die zahlreichen Mischehen —" O. (lächelnd): „Sind nur ein Uebergang." P. : „Ja, ein Uebergang zum Untergang; denn die Kinder der Mischehen gehen fast ausnahinslos dem Judentum verloren. Oder ist's nicht so?" O. : „Eben weil wir uns in einem Uebergangsstadium befinden, ist es so. Trotzdem sage ich mit altjüdischem Optilnisunls: auch das ist zum Guten." P. : „Zum Gllten des Judentums doch nicht etlva?" O. : „Zum Guten des Judentums etwa so wie die Zerstreuung Israels zum Guten des Monotheismus, zum Vorteil für die Verbreitung der Gedanken der altisraelitischen Propheten war." P. : „Gott soll Ihnen Ihren Optimismus verzeihen. So erklären Sie mit wenigstens." O. : „Will ich recht gern. Sehen Sie, ich habe einen guten jüdischen Freund, der in Mischehe lebt. Natürlich ist bei ihm keine rituelle Wirtschaft zu finden, aber soviel ich iveiß, sind heute auch die jüdischen Wirtschaften sehr rar, in welchen ein halbwegs froinnler Jude aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts unbesorgt Mittag essen würde." P. : „So genau nehme ich es ja auch nicht; nur Kleinigkeiten kümmere ich mich wahrhaftig nicht, ich deilke nur an das Gailze." £).: „Eben darum. Also mein jüdischer Freund, der in Mischehe lebt, gilt bei allen seinen jüdischen wie christlichen Bekannten als ein strammer, fest überzeugter Jude. Von einem christlichen Universitätsprofessor hörte ich, daß er von ihm sagte, der „¥. wäre ein ganz netter Kerl, wenn er nicht fortwährend so die Juden herausstriche. Ich weiß ferner, daß viele seiner christlichen Bekannten durch ihn ganz andere Vorstellungen von Juden, Judentum, jüdischem Tun und Denken bekommen haben und das, wie ich versichern kann, nicht zum Schaden des Judentums. Denn Sie können sich kauin vorstellen, welches Dunkel noch selbst in den hellsteir Köpfen sonst vorurteilsloser christlicher Menschen in betreff des Judentums und der Juden herrscht. Erst einem in Mischehe lebenden Juden, viel mehr selbst als einem getauften, vertrauen sie vollständig, wenn er sie gelegentlich aufklärt. Ich darf wohl sagen, mein Freund hat trotz und gerade infolge seiner Mischehe dem Judentum mehr genützt als hundert ganz tugendhafte und mehr oder weniger koschere Juden. Man könnte sogar von Kidusch haschem bei ihm reden. Und was wollen Sie: Ist nicht unsere gefeierte Esther die Frau eines Nichtjnden gewesen, und hat sie nicht gerade dadurch den Juden nützen können?" P.: „Das war einmal —" O. : „Nun werde ich Ihnen von einer anderen Mischehe erzählen. Passen Sie auf! Ich kenne persönlich einen preußischen Major, der eine Jüdin geheiratet hat. Natürlich hat sie übertreten müssen, aber nicht weil er es verlangte, sondern weil der preußische Staat es verlangt. Wenn nun seine Schwiegermutter, eine brave jüdische Frau, ich will nicht sagen alten, aber doch älteren Schlages, bei ihm ju Besuch ist, dann ist er es, wenn seine Frau es etwa vergessen haben sollte, der sie erinnert, am Freitag Abend die Sabbatleuchter ans den Tisch zu stellen, an die die Schwiegermutter gewöhnt ist. Was sagen Sie zu einem preußischen Major, der an das „Lichtbenschen" zum Eingang des Sabbat denkt? Nun bedenken Sie, wie lange es her ist, daß, wenn schon ein preußischer Offizier daran gedacht hat, ein getauftes jüdisches Mädchen zu heiraten, er sicher sich die jüdische Verwandtschaft möglichst vom Leibe gehalten hat. Jetzt ist das nicht nur der Fall nicht, er begünstigt sogar das „Lichtbenschen". P. : „Aber er —" O. : „Lassen Sie mich nur noch einen Fall erzählen. Da ist ein anderer Offizier, der mit einer Jüdin verheiratet ist. Allerdings hat sie auch eines Tages „schnell protestantisch werden" müssen — das sind ihre eigenen Worte; der Uebertritt wurde ihr fabelhaft leicht gemacht; er ging ohne Religionsunterricht vor sich, weil sic in der Schule nicht allzuviel evangelischen Religionsunterricht vor so und so viel Jahren mitgenommen hatte, und ohne Taufe, weil sie angeblich heimlich die katholische Nottaufe erhalten haben sollte. — Glicht nur daß das junge Paar in sonst als antisemitisch verschrieenen Offiziers- und Beamtenkreisen in einer als antisemitisch besonders verrufenen Stadt verkehrt, eine jüdische junge Frau, die bei ihr als Logierbesuch weilte, war sogar der Liebling der ganzen christlichen Gesellschaft. Und — das muß ich besonders bemerken, — die jüdische Frau war unverkennbar jüdisch und bestach nicht etwa durch ihre Schönheit. Also — und das ist meiner Erzählung kurzer Sinn — fördern oft die Mischehen ganz unzweifelhaft den Verkehr, das Verstehen und die Verständigung zwischen Juden und Christen. Jetzt sagen Sie, was Sie vorhin sagen wollten." P. : „Ich habe weiter nichts zu sagen, als daß Ihr Major doch nur eine getaufte Jüdin geheiratet hat und die Kinder jedenfalls auch dem Christentum zngeführt haben wird. Sie sagen natürlich: das inuß er als Offizier; aber das Gleiche ist fast ausnahinslos der Fall auch im Zivil, nur daß vielleicht der Ehemann oder die Ehefrau nicht das Judentum aufgeben; die Kinder aber sind dem Judentum verloren. Nun sagen Sie selbst, was aus den: Judentuin werden soll, wenn die Geburten bei den Juden sich vermindern, die Uebertritte immer häufiger werden und die Mischehen mit nichtjüdischen Abkömmlingen in allen Ländekn rapid zunehmen?" O. : „Was ich schon gesagt habe: cs ist ein Uebergang. Beiin Militär ist der Druck ein offener, beim Zivil ist er indirekt. Sie glauben selbst nicht, daß ein irgendwie nennenswerter Bruchteil der zum Christentum übertretenden Juden dies aus Ueberzeuguug tut, oder daß die in Mischehe lebenden Juden ihre Kinder taufen lassen, weil sie das Christentum als die bessere Religion anerkennen. Sondern sie tun es — und sogar nicht in Mischehe lebende Juden tun es leider auch nicht selten — um den Kindern die Wege zu ebnen." P. : „Es ist doch ganz gleichgültig für die Gans, ob sie geschmort oder gebraten wird. Ob das Judentum dezimiert wird aus diesen oder ans irgend welchen anderen Gründen.

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