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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · p. Seite 570

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 570 (sequence 6)
Language
German
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570 »j fr' gepflogen über die höchste»: Ideen des Judentums und der Menschheit, dem bleiben seine Züge unvergeßlich. Wir sehen ihn vor uns, den unentwegt forschenden Mann mit dem weiten, weisen Blick für die Verhältnisse des Lebens, aus dessen Herzen Wärme, aus dessen Mund Weisheit strömten, und er begleitet uns segnend in unserem Wollen und Wirken. Er schuf mit an dem Bau einer neuen Welt; er hat die veralteten Trümmer aus dem Wege geräumt und hat gerungen und gekämpft mit ben Mächten der Nacht, um das Judentuin von allem Entstellenden und Trübenden zu befreien, damit es sich nicht verfange in der Enge des Nationalen, aber sich auch nicht verliere und versande im Alltäglichen und Allgemeinen. Anpassung an die neue Zeit und Vererbung des alten unsterblichen Kerngehaltes des Judentums war seine Losung. Er wollte, daß wir eine Religion unter den Religionen, nicht aber, daß wir eine Nation unter den Nationen bilden, was in unserer Zeit besonders beherzigt zu werden verdient, in der das Religiöse im Judentum in den Hintergrund und das Nationale in den Vordergrund gestellt wird. Wenn einer, so hat er den Ruf verstanden: „Du sollst ein Lehrer der Wahrheit sein und die Deinigen erlöseil helfen." Er ertrug alle Verfolgungen von seiten seiner Brüder mit Hoheit und Ruhe, weil er, gleich Joseph, träumte von besseren Zeiten, von Garbengebinden der Menschheit und von Sternen einer lichten Zukunft. Er trat in seiner Person dem unsittlichen Grundsatz, der leider noch heute in den Geineinden herrscht, daß nur der Rabbiner selbst die überlebten und veralteten Formen und Gesetze nicht verletzen dürfe, mit aller Entschiedenheit und mit dem ganzen Mute seiner Ueberzeugung entgegen; was er lehrte, das hatte er auch den Mut zu leben, und in tiefster Seele verachtete und bemitleidete er die Halben, die nicht alt und nicht neu, die Lauen, die nicht warm und nicht kalt, den Mantel nach dem Winde drehen. In bezug ans den Jugendunterricht, von dem er zum Schaden der Frankfurter Gemeinde mit peinlicher Sorgfalt fern gehalten wurde, huldigte er dem Prinzip, daß die Kinder nach dem Grundsatz des modernen Judentums unzweideutig belehrt werden sollen, und daß der Zwiespalt zwischen Schule und Haus beseitigt werden müsse. Eine Verkleisterung der Risse und eine Vertuschung der Gegensätze, wie sie noch heute vielfach beliebt wird, war ihm in innerster Seele zuwider. Alle Satzungen, welche das Leben übermäßig und unnütz belasten, fühlte er sich nicht nur berechtigt, sondern auch verpflichtet, abzustellen. Besonders die Gebete sollten durch Wahrheit ausgezeichnet sein, und warm drang er auf Beseitigung solcher, die Wiedereinführung des Opferdienstes und Aufrichtung eines jüdischen Staatswesens zu ihrem Inhalte haben, wie denn auch der größte Teil des Gottesdienstes in der Landessprache gehalten werden sollte. Wir können Leopold Stein nicht besser charakterisieren, als mit den wenig bekannten Worten, die ihm sein gelehrter, geistvoller, tiefdenkender, charakterfester Nachfolger im Amte, der unvergeßliche Rabbiner Dr. N. Brüll, an seiner Bahre nachgerufen: „Eine Zeder ist gefallen, deren Krone von dem Glanze des Himmels bestrahlt gewesen und aus deren Zweigen die Lieder zum Preise des Herrn erklungen sind. Es ist gefallen ein Held in Israel, ein Fürst im Reiche des Denkens, der weite Gebiete des Wissens beherrscht hat, und ein mächtiger Held, der in edlem Geisteskampfe die Waffen des Lichts und der Wahrheit zu führen gewußt hat. Er hat mit Löwenmut sich erhoben, wo es galt, den Kampf aufzunehmen gegen das finstere Ungetüm des tückischen Wahns, gegen die Giftpflanze der Lüge und Heuchelei. In Gesinnung, Wort, Schrift und Tat wirkte er voll heiligen Glaubens für die Reform des Judentums. Er hat gedichtet, gesprochen, geschrieben und gewirkt, um das Judentum aus der Verwahrlosung und Verunstaltung, aus der Versunkenheit und Verwilderung, in welche es besonders in den letzten zwei Jahrhunderten gar tief hineingeraten war. wieder emporzuheben, der Krone Israels wieder ihren alten Glanz zu verleihen und unsere Lehre in ihrer ursprünglichen Würde und Reinheit, die wohl getrübt und verdunkelt, aber nicht zerstört und hinweggelöscht werden kann, wieder herzustellein Neben dem lichten Geiste, dessen Blick weit in die Zukunft hinausreichte, besaß er das gute Herz, das sinnige Gemüt. Wie hat er edle Empfindungen, diese Gedanken seines Herzens — denn wenn er dachte, da war fast sein Herz noch tätiger als sein Geist — stets in so herrliche Worte, in so liebliche Bilder auszuprägen gewußt. Wie hat er es verstanden, stets den Ton anzuschlagen, der die Herzen trifft und die Gemüter erweckt; aus den Quellen der Bibel hat er stets neue Ströme der göttlichen Weisheit den Herzen zugeführt, aus dem Meere des Talmud die verborgenen Perlen und Edelsteine hervorgeholt und ihnen den köstlichen Schliff verliehen, daß ihr Glanz jedem in die Augen hineinleuchten konnte; aus den Blumenbeeten der Haggadah hat er die duftigen Blüten gepflückt, um sie mit den Blüten, die seinem dichterischen Gemüte entsprossen, zu lieblichem Kranze zu verflechten, und in die Goldgruben des Midrasch ist er hinabgestiegen und hat aus ihnen köstlichen Fund zutage gefördert. Späte Enkel werden noch bewundernd zu dem Meister aufblicken, der in den Herzen der Menschen, in dem Buche des Weltalls, in der Schrift der göttlichen Lehre so tief zu lesen verstanden, und werden sein gedenken in liebevollem Danke und in inniger Verehrung. Die Harfe, der erden lieblichen Sang entlockt, ist zerbrochen, doch das Lied klingt weiter; Steins Wirken gehört der Menschheit, sein Ruhm der Nachwelt, sein Name der Geschichte." Wir schließen diesen aus Anlaß der 25. Wiederkehr des Todestages Leopold Steins ihm aus der Tiefe des Enrpfindens gewidmeten Nachruf mit seinen eigenen Worten, die er als Inschrift für seinen Grabstein niedergeschrieben: Mein Vermächtnis. „Ich verkündete die welterlösende, weltverbrüdernde Lehre des einigen Gottes, sein Name sei gelobt! Diese Lehre schließt jede Ausschließung aus, während sie alle Menschen in den einigen Bruderbund einschließt. Ein einiger Gott und eine einige Menschheit! Diese Verkündigung war mein Ziel im Leben, ist mein Erbe im Tode!" Die Lukunkt drs Judentums. Ein Dialog. Iljeitn Inden, namentlich solche, die sich lange nicht gesehen, Zusammentreffen, dann dauert es gewöhnlich nicht lange, bis sie auf die Lage der Juden zu sprechen kommen, der Juden in der engeren Heimat, der Juden in diesem oder jenem Lande, der Juden im allgenreinen, und schließlich auch auf die Lage des Judentums. Bis zu diesem letzten Stadium war die Unterhaltung zwischen O. und P. gelangt. Folgen wir ihrer Unterhaltung: P.: „Ich muß wirklich sagen, ich birr besorgt, ernstlich besorgt um die Zukunft des Judentums." O.: „Das Judentum, das eine so lange Vergangenheit hat, braucht doch wahrlich nicht die Zukunft zu fürchten.

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