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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · p. Seite 568

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
Seite 568 (sequence 4)
Language
German
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daß sie noch vor sechzig Jahren die berühmte Karnevals- Zeremonie vor dem Senate durchzumachen und nach der Huldigungsaudienz vom Papst mit einem Fußtritt entlassen wurden — bedenkt man dies alles, so kann man den Geist des Fortschritts und der Humanität nicht genug preisen, die in dieser kurzen Spanne Zeit so Großes geschaffen, und muß sich trösten, wenn bisher noch nicht alle Blütenträume reiften, ja sogar, wenn zuzeiten wieder ein Sturmwind der Reaktion durch die Lande braust. Der wahre Fortschritt läßt sich auf die Dauer doch nicht aufhalten. * Das Korrespondenzblatt des „Centralbureaus für jüdische Auswanderungsangelegenheiten" bringt über den Plan einer besseren Verteilung der jüdischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten die folgenden bemerkenswerten Mitteilungen: „Die von Jahr zu Jahr steigende Einwanderung nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika hat seit langem die Aufmerksamkeit der amerikanischen Bundesregierung auf die Mißstände gelenkt, die mit der gesteigerten Einwanderung verbunden sind. Die andauernd gefahrvolle Lage, in der sich die Juden Osteuropas befinden, machen es allen jüdischen Institutionen zur Pflicht, dafür zu sorgen, daß das Asyl, das die Vereinigten Staaten bis jetzt den Verfolgten boten, auch weiterhin offen bleibt. Und das wird erreicht werden können, wenn die Einwanderung in gesunde Bahnen gelenkt wird und eine weitere Anhäufung in Netv Jork und anderen Städten des Ostens vermieden wird. Zwar ist nicht zu verkennen, daß ein großer Teil der jüdischen Einwanderer durch den Beruf gezwungen ist, die großen Industriezentren aufzusuchen. Die Wahl des Einwanderungsortes wird nicht zum wenigsten durch den Beruf bestimmt, und da bei den Juden die Handwerker und die gelernten Arbeiter überwiegen, so sind sie genötigt, nach den großen Städten zu gehen, so lange dort nach ihrer Arbeitskraft und den Produkten ihrer Arbeit die lebhafteste Nachfrage ist. Viele gehen aber auch nach diesen Zentren, nur weil sie dem allgemeinen Zuge folgen und dort die Annehmlichkeit finden, die Verwandte und Landsleute und das jüdische Milieu mit seinen sozialen und religiösen Einrichtungen, seinen wohltätigen Instituten und Erziehungsanstalten usw. jedem jüdischen Einwanderer bieten. Liegt es einerseits im Interesse der Gesamtjudenheit. die weitere Vermehrung der Einwanderermassen in New Jork und im Osten zu verhindern, so kommt die Entwicklung des Südens und Westens der Vereinigten Staaten dem Plane, die einwandernden Juden dorthin zu lenken, in natürlicher Weise entgegen. Bei der großen Gefahr und Verantwortung, die jede Beeinflussung des Auswanderungszieles mit sich bringt, ist es klar, daß bei einer Ablenkung der Einwanderermassen von ihren bisherigen Zielen nur in der aller vorsichtigsten Weise vorgegangen werden darf. Es ist in keiner Weise beabsichtigt, die berechtigte Einwanderung nach den Oststaaten zu hindern, und auch nicht die Einwanderung nach den Südstaaten künstlich zu erhöhen. Die Einwanderung muß bei dem Aufschwung, der jetzt im Süden und Westen einsetzt, ihre Richtung mehr und mehr nach diesen Staaten nehmen. Da heißt es, der jüdischen Einwanderung dorthin den Weg ebnen. Ohne Zweifel können in diesen Staaten, die sich jetzt mehr und mehr industriell entwickeln, eine große Anzahl von jüdischen Einwanderern Platz finden. Nur 2 bis 3 Prozent der jüdischen Einwanderer haben bisher die 21 Staaten westlich vom Mississippi aufgesucht. Im Westen und im Südwesten sind die Löhne nicht erheblich geringer als in New Jork, während der Lebensunterhalt vielfach bedeutend billiger ist. Im Süden sind die Löhne zwar geringer, der billigere Lebensunterhalt wirkt aber ausgleichend. In all diesen Teilen übersteigt gegenwärtig die Nachfrage nach Arbeit das Angebot, und jeder tüchtige Arbeiter wird dort, wenn er zweckmäßig beraten wird, schnell gute Beschäftigung finden. Durch eine umsichtige Organisation des Arbeitsnachweises in den Staaten westlick vom Mississippi, die in großzügiger Weise von den Amerikanern unter Führung von Jacob H. Schiff nunmehr in Angriff genommen worden ist, soll es möglich gemacht werden, jüdische Einwanderer in größerer Zahl als bisher in den Industrien und Fabriken und als Handwerker in diesen Staaten unterzubringen. Eine Ansiedlung in den Gegenden, wo Juden noch nicht wohnen, soll vorerst vermieden werden, dagegen sollen die kleinen jüdischen Ansiedlungen verstärkt werden durch Gruppen neuer Einwanderer, um überall im Lande feste jüdische Gemeinden zu schaffen, die ihrerseits dann wieder als Anziehungspunkte sür Einwanderer selbsttätig wirken können. Hierdurch wird ein Dreifaches erreicht: einmal vermindert jeder, der nach den Süd- und Weststaaten geht, jene Massen, die nach New Jork und den anderen großen Städten ziehen, und dann werden später die in diesen Staaten seßhaft Gewordenen eine starke Anziehungskraft auf ihre Landsleute in der Heimat aus üben, so daß auch diese nicht mehr in solchen Scharen nach dem Osten der Vereinigten Staaten gehen werden, und schließlich wird auch ein großer Teil der Juden, der in den Oststaaten nicht recht vorwärts kommen kann, leichter nach den Süd- und Weststaaten zu übersiedeln geneigt sein. Eine Unterstützung zur Auswanderung nach diesen Staaten kann! von keiner Organisation gewährt werden, da die amerikanischen Gesetze dies verbieten, dagegen sind Einrichtungen getroffen worden, die es möglich machen, den Einwanderer im Landungshafen zu empfangen, ihm Arbeitsstellen ausfindig zu machen und ihm die Reise nach diesen Arbeitsstellen zu erleichtern. Als Einwanderungshafen für solche, dic nach den Süd- und Weststaaten dirigiert werden sollen, ist vorerst Galveston in Texas in Aussicht genommen. Die Ausführung dieses Einwanderungsplanes wird, unter der Mitwirkung des Hilfs- Vereins der deutschen Juden, von der Jewish Territorial Organisation (ITO), geleitet. Bei der Größe des Planes und der Bedeutung, die sein Gelingen für die gesamte Judenheit haben muß, ist es selbstverständlich, daß auch sämtliche andere jüdische Organisationen das Werk zu fördern bereit sein werden. Zur Erleichterung der Einwanderer ist in Galveston neben bein staatlichen Einwanderungsbureau ein spezielles jüdisches Ein Wanderungsbureau (Jewish. Immigrants Information office) errichtet worden. Dieses Bureau findet bei seiner Arbeit die lebhafteste Unterstützung der jüdischen Gemeinden in den Süd- und Weststaateu Bereits haben 63 Städte in 13 Staaten ihre Mitwirkung zugesagt Sie haben sich bereit erklärt, die jüdischen Einwanderer zu empfangen, ihnen bei der Niederlassung behilflich zu sein, sie über die Schwierig keiten, die der Anfänger bei dem Unterschied der dortigen Arbeitsmethoden von denen ihrer ehemaligen Heimat, bei der Unkenntnis der Sprache und der Verhältnisse unbedingt haben muß, hinwegzu helfen. Der Plan ist für die große Masse der jüdischen Auswanderer berechnet, die nur ganz vereinzelte Landwirte aufweist, daher liegen landwirtschaftliche Niederlassungen nicht im Bereich dieses Planes,! doch steht einer landwirtschaftlichen Ansiedlung nichts im Wege wenn die betreffenden Personen, die sich ansiedeln wollen, genügend Geld besitzen. In den nordwestlichen Staaten, so z. B. Nord- und Süd Dakota und in anderen, ist die Möglichkeit vorhanden, Regierungs land unentgeltlich zu erwerben. Jeder Ansiedler, der erklärt, daß er z willens ist, amerikanischer Bürger zu werden, kann eine Heimstätte j von 100 Acre (= ca. 40 Hektar) kostenlos erhalten, abgesehen voll j einer kleinen Einschreibegebühr. In Nord- und Süd-Dakota gibt e^! bereits solche jüdischen Ansiedlungen. Eine Familie, die sich als Kolonistensamilie ansiedeln will, bedarf wenn sie auch das Land geschenkt bekommt, mindestens 1000 Dollar (4000 Mark) zu der Ansiedlung. Diese Summe ist notwendig für den Ankauf von Vieh und landwirtschaftlichen Geräten, sür die Errichtung von Haus- und Wirtschaftsgebäuden und für den Unterhal bis zur ersten Ernte. Auf diesen Heimstätten kann nur Körner- und Weizenbar getrieben werden. Diejenigen, die sich dem Gemüse- und Gartenbau widmen wollen können Regierungsland nicht erhalten. Die landwirtschaftliche

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