Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- Seite 567 (sequence 3)
- Language
- German
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567 der über die ziffernmäßige Stärke dieser Partei weit hinansgeht. Die einen dachten mehr an die Wahrnehmung der deutschen Interessen, die anderen mehr an die Durchsetzung des Ausgleichs mit Ungarn. Aber weder die einen noch die anderen dachten an die Möglichkeit, daß der Uebermut so schnell wachsen und sich überschlagen könne, wie es die jetzigen Reden des Herrn Lueger bezeugen. Die Wirkung dieser Reden ist denn auch nicht ausgeblieben. Nicht nur daß es Proteste von Universitätslehrern und Hörern regnet: die deutschen Parteien, ob sie sich dentschnational oder deutschfortschrittlich oder wie sonst nennen, machen bereits gegen ihre christlichsozialen Verbündeten offen mobil. Möglich, daß dieser Vorstoß gegen die Universitäten, der wfe ein klärendes Ereignis gewirkt hat, alle freigesinnten Kreise in Oesterreich einigt zum nachdrücklichen und energischen Kampf gegen Muckertum und Rückwärtserei. Das wäre ein wahrer Segen. * Die „Kreuzzeitung" hetzt wieder einmal, und zwar diesmal gegen die Juden in Sachsen. Man höre, was sie sich aus Dresden schreiben läßt: „Von den 14 666 Juden, die im Lande wohnen, besitzen nur 2544 die sächsische Staatsangehörigkeit. Weitaus die meisten Juden sind zugezogen, und zwar nach den neuesten Ermittlungen 4350 aus den übrigen deutschen Staaten und 7772 aus dem Anslande. Mehr als die Hälfte der Juden in Sachsen ist daher nicht im Besitze der deutschen Staatsangehörigkeit, und es bleibt dringend zu wünschen, daß diesen Zuzüglern die sächsische Staatsangehörigkeit auch in Zukünst nicht gewährt wird, da sonst noch tausende von Nachzüglern zir erwarten wären. Die verhältnismäßig große Zahl ausländischer Juden ist nicht unbedenklich und erklärt sich bis zu einem gewissen Trade aus der liberalen Gewerbegesetzgebung des Deutschen Reiches- Nur wer den gesetzlichen Befähigungsnachweis erbracht hat, kann in Oesterreich ein handwerksmäßiges Gewerbe selbständig betreiben. Seit dem Inkrafttreten dieser Bestimmung fühlen sich namentlich die galizischen Juden, die den Befähigungsnachweis nicht erbringen können, in ihrem Fortkommen äußerst erschwert und siedeln nach Deutschland über, wo sie keinerlei Befähigungsnachweis abzulegen haben, um ein handwerksmäßiges Gewerbe selbständig zu betreiben. Dieser Zuwachs ist sehr unerwünscht. Außerdem fehlt die Gegenseitigkeit. Denn ein deutscher Reichsangehöriger kann, und wäre er ein Meister in seinenr Fach, in Oesterreich kein handwerksmäßiges Gewerb^ selbständig betreiben, weil er den gesetzlichen Besähigungsnachweis, der an eine lange Lehrzeit geknüpft wird, nicht zu erbringen vermag." Wenn die Zahlen dieses Berichts stimmen, was wir sehr bezweifeln, dann sprechen sie wahrhaftig nicht gegen die sächsischen Inden, sondern viel beredter gegen die, die ihnen die Staatsangehörigkeit ohne jeden zureichenden Grund verweigern. Die „ausländischen" Juden haben Sachsen wohl keinen Schaden gebracht — man frage nur in Leipzig, Chemnitz und anderen Orten an, sonst hätte die Konkurrenz sich ihrer sicher schon entledigt. Schwer genug hat man ihnen das Leben in Sachsen ohnedies schon gemacht. Das Gerede über den Befähigungsnachweis im Gewerbe ist aber, wie jeder Kenner der Verhältnisse genau weiß, in diesem Falle absolut gegenstandslos. Es fragt sich nur, wohin dieser Ausfall zielen soll. * Ueber die Zukunft der russischen Judenfrage wird jetzt wieder viel geschrieben. Einem Interviewer soll der Präsident der Duma, Chomiakow, gesagt haben, es wäre ihm nicht unangenehm, wenn eines Morgens sämtliche Juden aus Rußland ausgewandert wären. Aber auf solche Interviews ist wenig z»l geben. Schlimmer sind die authentischen Berichte, nach denen der Ministerrat in seiner letzten Sitzung beschlossen hat, in der Judenfrage der Reichsduma keinen Entwurf vorzulegen, sondern die Initiative der Duma abzuwarten. Der Vorschlag einiger Bureaukraten, die Juden als Ausländer zu betrachten, wurde vom Ministerrat verworfen. Der Vorschlag ist übrigens nicht neu, er wurde schon im vorigen Jahre vom Ackerbauminister Fürsten Wassitschikow gemacht. Die Judenfrage wird auch den Gegenstand einer der beiden Interpellationen bilden, welche von seiten der Rechten in kurzer Frist eingebracht werden sollen, und auf deren Beantwortung sich die Regierung jetzt vorbereitet. Die Interpellation fragt, warum am Polytechnikum Kiew jüdische Studenten über die Norm ausgenommen worden sind. Diese Interpellation wird Stolypin selbst beantworten. Er will darlegen, daß die Annahme auf direkte Verfügung des bereits verabschiedeten Gehilfen des Handelsministers Stow stattgefunden hat und die Regierung ungerecht handeln müßte, >venn sie die über die Norm aufgenommenen Juden entfernen wollte. Wie wird sich nun dieser Interpellation gegenüber die ausschlaggebende Partei benehmen? Man schreibt uns darüber aus Petersburg: Seit seiner Geburt hat der Verband des 17. Oktobers in der Judenfrage laviert; er glaubte um alle Schwierigkeiten herumzukommen, wenn er diese Frage nicht zu einer Frage der Parteidisziplin machte, sondern es den Mitgliedern der parlamentarischen Partei überließ, in dieser Frage nach freiem Ermessen zu handeln. Das ging in der ersten und in der zweiten Duma, wo die Oktobristen ein kleines Häuflein waren und selbst mit Hilfe aller Rechten keine Rolle spielen konnten. Für die dritte Duma hat sich die Situation völlig verändert. Die Oktobristen sind jetzt die führende Partei geworden. Eine unzweideutige Stellungnahme zur Judenfrage, die von der Linken zweifellos aufgerollt werden wird, ließ sich deshalb nicht mehr umgehen. Dieselbe ist denn auch in den letzten Tagen erfolgt, in welchen die Partei mit Hinzuziehung der friedlichen Erneuerer und der konstitutionellen Rechten über ihre Tätigkeit in der Reichsduma beriet. Das Resultat dieser Beratungen ist, daß die Partei es ablehnt, für die Gleichberechtigung der Juden einzutreten. Die von Gut sch ko w entworfene, sehr vorsichtig gehaltene Formel besagt: „Nach der allmählichen Gleichstellung der Rechte aller Staatsbürger ohne Unterschied des Standes, der Nationalität und des Glaubensbekenntnisses strebend, hält die Fraktion bei den gegenwärtigen Verhältnissen auf dem Gebiete der jüdischen Frage die Verwirklichung der jüdischen Gleichberechtigung nicht für möglich. Zugleich daniit erkennt die Fraktion jedoch an, daß eine Revision der bestehenden Judengesetze unumgänglich ist, um unnötige und schädliche Einschränkungen zu beseitigen." Besondere Erwartungen an diese „Revision" wird wohl niemand stellen. I Eine merkwürdige Nachricht kommt aus Italien! Zum ersten Bürgermeister von Rom wurde nach telegraphischer Meldung am 25. d. M. der jüdische Gemeinderat Ernesto Na tan gewählt. Somit hat die Papststadt, vonr Vertrauen der Bürgerschaft berufen, einen Sindaco, der Jude und Republikaner ist und bis vor kurzem sogar Großmeister des Freimaurerordens war. Wenn man daran denkt, daß die Juden in Rom den entwürdigendsten Bedrückungen ausgesetzt waren, daß sie bis vor etwa fünfzig Jahren in einem besonderen Stadtviertel wohnten und selbst in einer Zivilklage gegen Christen nicht als Zeugen zugelassen wurden, daß sie keine Grundstücke besitzen und ihre religiöse Genreinschaft der Gerichtsbarkeit der Inquisition unterstellt war, daß sie natürlich von allen bürgerlichen Rechten ausgeschlossen gewesen sind, ja