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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-29 · Heft 48 (29.11.1907) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 48 (29.11.1907)
Date
1907-11-29
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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eine Verkennung des Wesens der Landwirtschaft bemerklich, daß man oft für den Daseinskampf überhaupt ganz und gar untaugliche Elemente unserem Lehrgute, wenn auch in guter Absicht, zuweisen wollte. Wurde der Leitung nun schon hierdurch manche schlimme Erfahrung bereitet, so erlebte sie noch eine weitere große Enttäuschung dadurch, daß nicht ein einziger jüdischer Großgrundbesitzer sich bereit fand, unseren ausgebildeten Eleven auf seinem Gute eine Stellung zu gewähren, wo derselbe seine Ausbildung hätte vollenden können. Und das, trotzdem die jungen Leute sich in ihrer Stellung als Hospitanten unter der Verwaltung der königlichen Ansiedlungskommission so vorzüglich bewährt hatten, daß ihre Einstellung daselbst gern gesehen worden wäre, wenn nicht eben rituelle Bedenken dem entgegengestanden hätten. Nicht minder versagte derjenige Teil unserer jüdischen Mitbürger, von dem wir voraussetzen durften, daß er seine Söhne, wenigstens teilweise, gern der Landwirtschaft zuwenden würde, wenn diesen eine gute und ausreichende Gelegenheit geboten werden würde, sich praktische Kenntnisse in derselben zu erwerben, ohne wegen ihres Glaubens auf Schwierigkeiten zu stoßen. Hütten sich die beiden letztgenannten Voraussetzungen so erfüllt, wie die Vereinsleitung nach Lage der Dinge annehmen mußte, so wäre für den Verein nicht die Kalamität entstanden, die ausgelernten Eleven zu ihrer weiteren Fortbildung ins Allsland schicken zu müssen. Da inan doch junge Leute nicht ohne weiteres nach absolvierter Lehrtätigkeit selbständig machen kann, sondern wie in anderen Berufsarten, so auch im landwirtschaftlichen Betrieb die jungen Leute erst anderwärts sich mit dem Fach gründlich bekannt machen müssen, bevor man sie selbständig macht, so entsteht hier eine Lücke, welche die Ausbildung jüdischer Landwirte fast illusorisch macht. Es wäre nicht ausgeschlossen gewesen, daß wir die hier geschilderten Schwierigkeiten leichter überwunden hätten, wenn wir über größere Mittel verfügt hätten. Resümieren wir nun unsere siebenjährigen praktischen Erfahrungen, so bleibt uns zu konstatieren, daß mit dem wachsenden Interesse für landwirtschaftliche Bestrebungen innerhalb der deutschen Judenheil auch die irrigen Anschauungen über das Wesen derselben schwinden. Man erkennt immer mehr, daß die Landwirtschaft, wo sie ihren Mann ernähren und wirtschaftlich voranbringen soll, nicht nur einen gesunden Körper, sondern auch eine rege Intelligenz erfordert; daß wie in allen anderen Erlverbszweigen, so auch in der Landwirtschaft Berufsliebe, Arbeitsfreudigkeit, Ausdauer und innere Hingebung allein eine Lebensstellung zu sichern vermögen. Ist auch das Ziel, selbständige jüdische Siedlungen in Deutschland zu schaffen, bisher noch nicht erreicht worden, und nach dem der Geringfügigkeit des Kapitals zuzuschreibenden Mißerfolge der Bodenkultur-Gesellschaft wohl nicht in der nächsten Zeit erreichbar, so muß dieses Ziel doch auch für die Zukunft der leitende Stern unserer Bestrebungen bleiben. Zur Erreichung dieses Zieles sind drei Bedingungen nötig. Erstens die richtige Ausbildung der Eleven, wie sie bisher durch das Gut der Bodenkultnrgesetlschaft ermöglicht wurde. Zweitens die weitere Ausbildung der Eleven nach Absolvierung der Lehrjahre, wie solche bisher in Deutschland nicht erreichbar war. Drittens die Aufteilung eines Gutes an jüdische ausgebildete Landwirte, eine Aufgabe, an die der Verein heranzutreten bisher noch keine Veranlassung hatte, da es an solchen ansgebildeten Landwirten fehlt. Was die beiden ersten Punkte betrifft, so ist der Verein neuerdings mit einer Gruppe jüdischer Männer aus Mitteldeutschland in Verbindung getreten, unter denen sich der Besitzer eines großen Gutes befindet, das derselbe für Lehrzwecke resp. zur Ausbildung jüdischer Landwirte auszugestalten beabsichtigt. Die Idee ist, daß daselbst neben Söhnen wohlhabender Eltern, die sich später selbst als Pächter und Ansiedler forthelfen können, auch ärmere Schüler unterrichtet werden, die später bei ihren wohlhabenderen Kollegen sich weiter sortbilden können. Zur späteren Ansiedelung derselben wird es natürlich größerer Fonds bedürfen; der Verein zweifelt nicht daran, daß, wenn es ihm gelingt, eine größere Anzahl ausgebildeter und mit guten Zeugnissen versehener jüdischer Landwirte in Deutschland Nachweisen 31t können. es nicht schwer sein wird, die Ansiedelungsgelder mit Hilfe der Alexander und Fannh Simon-Stiftung, der Jewisli Golonisation Association und anderer Stiftungen flüssig machen zn können. Einen Grundstock hierzu soll ein Kolonisationsfonds bilden, zu dem die von der Bodenkultur-Gesellschaft restierenden Kapitalien, soweit sie von den Anteileignern hierzu zur Verfügung gestellt werden, den Grundstock liefern sollen. Schließlich sei noch hervorgehoben, daß es für die Bestrebungen des Vereins von großer Bedeutung ist, daß die jüdischen Lehrer sich intensiver als bisher mit landwirtschaftlichen Fragen befassen, indem man von ihrem Einfluß auf die jüdische Jugend eine größere Hinneigung derselben zur Landwirtschaft erwarten darf. Es wird demnach in Zukunft eine unserer wichtigsten Aufgaben sein, dafür zu sorgen, daß die jüdischen Lehrer die Möglichkeit haben, durch Kurse und Aufenthalt auf dem Lande tiefere Einblicke in die Landwirtschaft zu erhalten, als es ihnen meist bisher bei ihrer lediglich städtischen Beschäftigung möglich gewesen ist. Hat man erst die Lehrer gewonnen, so wird mit der Zeit mancher Vater bei seinen Söhnen auch landwirtschaftliche Neigungen entdecken. Und hat der Verein dann einen Weg allsprobiert, auf dem die jungen Leute, ohne vom Antisemitismus zu leiden und ohne ihre Traditionen verleugnen zu müssen, diesen Beruf bis zur Selbständigmachung erlernen können, so wird der Verein seinem Ziele unl einen großen Schritt näher gekommen sein. Wir alle aber, die bisher diesem Ziel unsere Sympathie und Mittel geschenkt haben, dürfen nicht rasten, uns nicht entmutigen lassen, sondern dieses große Werk auch fernerhin fördern helfen. Beharrlichkeit lvird auch uns zu diesem großen Ziele führen. Bit Wacht. Berlin, 26. November, ras Pücklers Glück und Ende! So wird eine der charakteristischsten Episoden in der Geschichte des deutschen Antisemitismus lauten, die der Nachwelt erzählen wird, wie der Schloßherr von Klein-Tschirne von den Antisemiten großgezogen, gehätschelt und gefeiert — schließlich aber auch fallengelassen wurde. Sie wird aber auch zn erzählen haben, daß dieser Liebling der Antisemiten jahrelang nngeschent gegen Juden und Judentum hetzen, daß er ungehindert auffordern durfte, die Juden zu morden, zn spießen und zu braten, und wie er erst dann für unzurechnungsfähig und gemeingefährlich nach Dalldorf gebracht worden ist, als er die Regierung und die Behörden in gleicher Weise anzugreifen sich erdreistete. Diese Entwicklung des Antisemitismus zum Anarchismus haben einsichtige Männer längst erkannt; nur die konservativen Kreise haben sie nicht erkennen wollen, denen diese Erkenntnis zuerst hätte aufgehen sollen und die deshalb noch heute dem Antisemitismus ihre wohlwollende Förderung zuwenden. Mit den Juden fängt man au; dann geht es gegen die bürgerlichen Liberalen, und schließlich kommen auch die Junker und Agrarier an die Reihe. Man kann dies auch an der Entwicklung der christlich - sozialen Partei in Oesterreich studieren. Herr Lueger hetzt jetzt bereits gegen die Universitäten. Bildung und Kultur haben die Antisemiten eigentlich von jeher gehaßt. Aber die Hetze gegen die Universitäten geht den Deutschen in Oesterreich doch gegen den Strich. Solange nur die Juden angegriffen wurden, schwiegen sie oder lachten sich ins Fäustchen. Jetzt erst geht ihnen auf, wohin diese christlich-soziale Wühlarbeit führt. Die österreichischen Parteiverhältnisse sind verworren. Die deutschfreiheitlichen Gruppen haben sich schmählich dazu herbeigelassen, mit den Christlichsozialen eine Art Gemeinvertretung zu bilden, und haben ihnen dadurch einen Einfluß verschafft,

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