Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 48 (29.11.1907)
- Date
- 1907-11-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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71. Jahrgang. Nr. 48. Berlin, 29. November 1907. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarxeles. Begründet von Rabbiner 9*. Ludwig PhiliPpson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse; Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Messe, Berlin. Lur Förderung der SodrnKultur. U Berlin, 26. November, icht alle unsere jüdischen, in den letzten Jahrzehnten ins Leben gerufenen Institutionen haben in gleichem Maße die Teilnahme und damit die moralische und finanzielle Unterstützung unserer jüdischen Mitbürger gefunden, wie jüngere Wohlfahrtseinrichtungen von gleicher oder gar auch geringerer Wichtigkeit. - Zu den wenig gewürdigten und daher auch etwas vernachlässigten, nichtsdestoweniger aber wichtigsten Vereinigungen, die im letzten Jahrzehnt entstanden sind, gehört jene, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, in unserm Vaterland jüdische Bauern ansässig zu machen und einen größeren Prozentsatz Juden zur Landwirtschaft zu erziehen. Wenn schon so vieles in unseren sozialen Verhältnissen, insbesondere in unseren jüdisch-sozialen, uns zum ernsten Nachdenken und berechtigten Sorgen veranlaßt, so gibt der jetzt für die Veröffentlichung bestimmte achte Jahresbericht des Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands erst recht zu denken. Wir erhalten darüber die folgenden beherzigenswerten Mitteilungen und Anregungen: „Durch den eben erschienenen Jahresbericht des „Vereins zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden in Deutschland" werden wir auf breite Lücken im Berufsleben der Juden aufmerksam gemacht, für deren Ausfall eine einwandfreie Erklärung schlechterdings nicht zu finden ist. Wir werden hier an unsere eignen politischen Zustände, die aus den provisorischen Rechtsoerhältnissen zu unserer Heimat nicht herausgelangen wollen, schmerzlich erinnert. Ein Gefühl der Beschämung beschleicht uns, wenn wir erfahren, daß die deutsche Judenheit noch nicht einmal eine Viertelmillion Mark aufzubringen vermag, um ein größeres Lehrgut für jüdische Landwirtschastseleven zu erwerben, obgleich für nichtjüdische Angelegenheiten sofort hnnderttausende spielend zusammengebracht werden. Der Jahresbericht hat daher ein Anrecht aus ein um so größeres Interesse, als die Bestrebungen des Vereins selbst eine so wichtige innere Bedeutung haben. Wenn, woran nicht zu zweifeln ist und wofür auch das wachsende Verständnis und Interesse an den: Bodenkulturverein spricht, derselbe ein neuer Baustein zur politischen Befreiung der deutschen Juden werden wird, dann wird es auch interessieren, was der achte Jahresbericht mitzuteilen hat. Nachdem eine Anzahl Eleven durch den Verein eine gründliche Durchbildung in allen Zweigen der Landwirtschaft genossen hat, jedoch nur zwei derselben in Deutschland geblieben sind, die übrigen nach Kanada, Süd- und Nordamerika ausgewandert sind, beschäftigten wir uns mit der Frage, wie wir, den Zwecken des Vereins entsprechend, die jungen Leute in Deutschland ansiedeln könnten, ohne daß sie zwecks Erweiterung ihrer Kenntnisse gezwungen wären, ins Ausland zu gehen. Wenngleich unsere Eleven insgesamt die Absicht hatten, nach erfolgreichen weiteren Lehr- und Wanderjahren zurückzukehren und sich durch unsere Mithilfe als jüdische Bauern in unserem Vaterland anzusiedeln, so liegt doch die Befürchtung nahe, daß sie, einmal im Ausland, nicht mehr zurückkehren. Und dennoch sind wir zum nicht geringen Teil bei der Durchführung unserer Ansiedlungspläne auf unsere früheren Zöglinge angewiesen. Sie sollten die Kerntruppe unserer Siedelungen bilden. Wir müssen daher die Ursachen, weshalb die jungen Leute nur zum geringsten Teil in Deutschland verblieben, hier anführen. Denn hieraus erklären sich die großen Schwierigkeiten, mit denen unser Kulturwerk zu kämpfen hat und das mit kaum in Betracht kommenden Ausnahmen ganz vortreffliches Schülermaterial in die Fremde fortführt. Als vor Jahren der Verein zur Förderung der Bodenkultur unter den Juden Deutschlands gegründet wurde, leitete die Gründer zunächst der Gedanke, für den jüdischen Mittelstand die Landwirtschaft, die bisher in der deutschen Judenheit nur durch einzelne größere Gutsbesitzer vertreten und betrieben worden war, zu erschließen. Der kleine Grundbesitz auf dem Lande wohnender Juden kam für die Ziele des Bodenkulturvereins deshalb wenig in Betracht, weil er sich größtenteils nur auf den Hausbedarf, etwas Gemüsebau und solche Bodenprodukte beschränkte, die die Arbeitskraft nur auf ganz kurze Zeit und in nur geringem Maße beanspruchten, meist nur eine Nebenbeschäftigung, . jedenfalls nicht als Lebensberuf und ausschließliche Erwerbsquelle dienten, Klein- und Viehhandel, Ladengeschäft usw. die HaupttÜtigkeit der jüdischen Bauern ausmacheu. Es kamen daher auch Erwägungen in Betracht, die auf einem ganz andern Gebiete liegen. Indem der Staat die Juden nur auf Kosten ihres Gewissens in ihrer Berufswahl den übrigen Staatsbürgern gleichstellt, zwingt er sie in eine beschränkte Zahl von Berufen hinein. Die natürliche Folge davon ist. daß sie in diese zusammengedrängt, als ein daselbst dominierendes Element betrachtet und von den nichtjüdischen Mitbürgern als eine lästige Konkurrenz empfunden werden. Wiederum hat dieses zur Folge, daß die unfreundliche Gesinnung gegen die Juden im allgemeinen einen günstigen Nährboden findet. Es war daher nur das Endergebnis eines wohldurchdachten Planes, als eine Anzahl jüdischer Männer zu der Ueberzeugung kam, daß eine Entlastung der von Juden überfüllten Berufsarten nur dann zu erwarten sei. wenn ihnen Erwerbsmöglichkeiten erschlossen werden, die bisher nicht von ihnen versucht worden waren. Auch mußte in Erwägung gezogen werden, daß das Vorurteil gegen die Juden nur dann wirksam bekämpft werden kann, wenn man allen Angriffen, die sich auf tatsächliche Beweise stützen können, wiederum durch tatsächliche Gegenbeweise gegenübertreten konnte. Ein solcher Angriff bildete bisher die Behauptung, daß die Juden keinerlei Erwerbsquellen suchten, die große körperliche Anstrengung erfordern, und ganz besonders war und ist bis heute der Vorwurf, daß die Juden dem Ackerbau abgeneigt seien, einer der wirksamsten Angriffe gegen die Juden geblieben. Die lebhaften Sympathien, mit denen selbst die Gründung des Bodenkulturvereins begrüßt wurde, ließen erwarten, daß die Bedeutung des Unternehmens richtig eingeschätzt würde. Leider aber machte sich