Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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als ein Fortschritt auf dein Wege zur völligen Durchführung der Gleichberechtigung anzusehen. a. Frankfurt a. M., 13. November. Am 9. d. M. feierte der Israelitische Hilfsverein sein 25jähriges Jubiläum. Die Vorstände der Wohltätigkeitsvereine Frankfurts sowie die Hilfsvereine von Offenbach a. M. und Wiesbaden, der Gemeindevorstand, die Frankfurt-Loge, die städtische Armenverwaltnng, die Weibliche Fürsorge usw. hatten ihre Deputationen entsandt. Herr Charles Hallgarten, umgeben von dem Gesamtvorstande des Hilfsvereins, eröffnete als Vorsitzender die Feier mit einem Rückblick auf das zurückgelegte Vierteljahrhundert. Ihm folgte das Vorstandsmitglied Herr Bethmann, der ein von ihm gestiftetes Tableau der Photographien aller Vorstandsmitglieder seit der Gründung des Vereins enthüllen ließ. Darauf erstattete der Schriftführer Dr. Walter den Rechenschaftsbericht. Von den Gründern des Vereins lebt außer Rabbiner Dr. M. Horowitz nur noch ein Mitglied, der als Philantrop bekannte Herr Bankier Henry Seligmann. Die Gesamtsumme der in den 25 Jahren geleisteten Unterstützungen beträgt 849 652 Mark. Der Hilfsverein arbeitet Hand in Hand mit den meisten Wohltätigkeitsvereinen und Anstalten der Gemeinde und mit den Hilfsvereinen anderer Gemeinden, besonders Offenbach a. M. Darauf brachte das städtische Armenwesen durch Stadtrat Flesch, die israelitische Gemeinde durch den Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Blau, die Frankfurt-Loge durch ihren Vorsitzenden Rechtsanwalt Dr. Merzbach, die verschiedenen Vereine durch Frau Henriette Fürth, Fräulein Pappenheim, Frau Sidonie Dann, die auch eine Uhr stiftete, Frau Rabb. Dr Horowitz, Frau Schlesinger, das Hospital durch Herrn Eppstein, der Wiesbadener Hilfsverein durch Herrn Heimerdinger, das Offenbacher Rabbinat durch Dr. Goldschmidt ihre Glückwünsche dar. Letzterer verband mit den Glückwünschen auch den Dank für die reiche Förderung des Offenbacher Armenwesens durch den Frankfurter Hilfsverein. Den Reigen der Gratulanten beschloß Rabbiner Dr. Horowitz, der deni Hilfsverein ganz besonders dafür dankte, daß durch denselben in Frankfurt das Gefühl der Brüderlichkeit für die bedrängten Glaubensgenossen heimisch geworden sei. Herr Hall garten dankte in tiefer Rührung für die reichen Beweise der Anerkennung, die die Vorstandsmitglieder gar nicht verdienten, da sie ja nur ihre Pflicht getan hätten — eine Bescheidenheit, welche die Gesinnung des Vorsitzenden und seiner Mitarbeiter am besten charakterisiert. V Nürnberg, im November. Am 11. d. M. verstarb hier einer der angesehensten und beliebtesten christlichen Mitbürger, der Magistratsrat Hugo Bar beck, Mitglied des Magistrats, des mittelfränkischen Landrats und eine zeitlang freisinniger Neichstagsabgeordneter sür den Wahlkreis Fürth-Erlangen. Er war ein vortrefflicher Charakter und von vorurteilsloser Gesinnung, die er auch in seinem Verkehr mit Andersgläubigen und in seiner Stellungnahme zu religiösen Fragen allezeit betätigte. Inhaber der bekannten Buchhandlung Herdegen-Barbeck, zeigte er lebhafte literarische Interessen und war selbst vielfach schriftstellerisch tätig. Unter anderem veröffentlichte er 1878 eine Geschichte der Juden in Nürnberg und Fürth, die eine wertvolle Bereicherung früherer Darstellungen und eine schätzenswerte Vorarbeit für eine künftige wissenschaftliche Behandlung dieses Gebietes darstellt. Sein Andenken verdient auch in weiteren jüdischen Kreisen stets in Ehren gehalten zu werden. — Zum erstenmal fand in diesem Jahre infolge der Intervention unseres neuberufenen Rabbiners Herrn Dr. Freudenthal an zuständiger Stelle in'unserer Synagoge die feierliche Vorbereitung der Rekruten israelitischen Bekenntnisses für die militärische Vereidigung statt. Dem Wunsche der Kommandantur entsprechend, wurde der Gottesdienst zur selben Stunde und gleichmäßig wie bei den christlichen Konfessionen, zweimal abgehalten. Das erstemal für die Rekruten des Chevauxlegerregiments, das anderemal für die der Infanterie und Artillerie. Die von Herrn Dr. Freudenthal zu diesem Behufe entworfene und gedruckt verteilte Liturgie, zu der Herr Kantor Fränkel eine eigene, demnächst erscheinende Komposition des Psalms 61 beigesteuert hatte, sowie die zündende, von patriotischem Geiste durchwehte Rede des Herrn Rabbiners, der sich hier rasch große Sympathien erworben, gestalteten die Feier zu einer äußerst eindrucksvollen, so daß die im Gotteshause verbrachte weihevolle Stunde den beteiligten Soldaten wohl allezeit in unvergeßlicher Erinnerung bleiben wird. — Die jüngst durch mehrere jüdische Blätter gegangene Nachricht, das bayerische Kultusministerium habe die Anstellung orthodoxer Rabbinatsassessoren in München und Nürnberg genehmigt, ist falsch. Die Einigungsverhandlungen, die zwischen diesen Gemeinden und den daselbst bestehenden orthodoxen Vereinen schweben, sind noch nicht zum Abschlüsse gelangt. Eine Genehmigung von seiten des Kultusministeriums könnte nur auf Grund der erfolgten Einigung oder, falls diese nicht Zustandekommen sollte, nach vorangehender Abänderung der derzeitigen landesgesetzlichen Bestimmungen erfolgen. München, 12. November. Unsere Gemeinde hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Am 31. v. M. ist hier der Großhändler Herr Wilhelm Fränkel, Seniorchef der Firma A. Fränkel, ein hochangeseheuer, vielseitig gebildeter Kaufmann, im 77. Jahre seines arbeitsreichen Lebens gestorben. Der Verblichene hat sich ganz besondere Verdienste um unsere Glaubensgemeinde erworben, deren Verwaltungsausschuß er ununterbrochen 27 Jahre angehörte. Begeistert für die Ideale des Judentums, hat er mit seiner reichen Erfahrung und seiner unermüdlichen Tätigkeit als besonnener, sachlicher Berater eine führende Stellung in unserer Gemeinde eingenommen und Werke geschaffen, welche außerordentlich segensreich wirken. Weit über das Grab hinaus wird der Name des Verstorbenen in unserer Gemeinde in dankbarer Erinnerung erhalten bleiben. e. Darmstadt, 12. November. Eine Trauerfeier sür den kürzlich verstorbenen Otto Wolfs kehl hat der Aufsichtsrat der Landes- Hypothekenbank gemeinsam mit dem Vertreter des Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen, den stellvertretenden Staatskommissaren, dem Treuhänderund seinem Stellvertreter, Mitgliedernder Beleihungskommission, des Vorstandes und des Beamtenkörpers veranstaltet. Der stellvertretende Vorsitzende gedachte mit ehrenden Worten der bleibenden Verdienste Wolsskehls im öffentlichen Leben, in zahlreichen Körperschaften und Vereinen, seiner stillen, aber um so umfassenderen Wohltätigkeit, seiner Hilfsbereitschaft gegen alle, die seine sorgende Hand suchten, um sodann des näheren auf das segensreiche Wirken bei der Bank selbst einzugehen, das dem allzu früh Entschlafenen ein treues, dankbares Gedenken für alle Zeiten sichere. — Der Vertreter des Großherzoglichen Ministeriums der Finanzen gab hierauf deni herzlichsten Bedauern über das Hinscheiden des vortrefflichen ersten Aussichtsrats'Vorsitzenden in bewegten Worten Ausdruck. Er wies darauf hin, wie sehr man Herrn Wolfskehl als ausgezeichneten Berater von jeher geschützt und wie sehr sich die Hoffnung erfüllt habe, die man auf seine Berufung in den Aufsichtsrat gesetzt hätte; mit seinen hervorragenden Fähigkeiten, seiner reichen Erfahrung und seinem nicht zu übertreffendeu Pflichtgefühl sei ein herzgewinnendes, bescheidenes Wesen, ein versöhnlicher, ausgleichender Sinn und eine Duldsamkeit gegenüber der Ansicht anderer einhergegangen, alles auszeichnende Eigenschaften, die noch frisch in der Erinnerung Untren und unvergeßlich blieben. In gleichem Sinne sprachen sich die anderen Herren aus. Ein Vertreter der Direktion hob hervor, daß Wolfskehl in seinen Bürgertugenden an die klassischen Namen des Altertums erinnere. Oesterreich-Ungarn. in Wien, 18. November. An der hiesigen Universität sind vier jüdische Dozenten zu außerordentlichen Professoren zugleich ernannt worden: Dr. B. Gomperz sür Ohrenheilkunde.Dr.G.Sch nitzl e r für Chirurgie, Dr. A. Klein für innere Medizin und Dr. L. Mandl für Gynäkologie. Das ist natürlich Grund genug für die Antisemiten, Lärm zu schlagen. Sie machen aus den vier Professoren sieben und bestürmen den Unterrichtsminister mit einer Interpellation im Reichstag über die Verjudung der Wiener Universität durch diesen „unerhörten, für das christliche Volk tief beleidigenden Vorgang". Diese Interpellation ist von dem bekannten Professor Sturm, einer der festesten Stützen der Partei, die jetzt die herrschende ist, eingebracht worden. Was soll man dazu sagen? — In der Nacht von Sonntag zu Montag ist in! Altaussee die Witwe Dr. Theodor Herzls, Julie Herzl, geborene Naschauer, im 38. Lebensjahre an einem Herzleiden gestorben.— In T roppau ist der Rabbiner Dr. A. Blüh im 76. Lebensjahre gestorben. Derselbe war dort seit 1879 angestellt und erfreute sich nicht nur bei der Kultusgemeinde, sondern auch bei