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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-22 · Heft 47 (22.11.1907) · p. Seite 563

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 563 (sequence 11)
Language
German
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reiche Heirat. Er selbst aber blickte wehmütig vor sich hin, und jeden Abend, wenn er, endlich den zärtlichen Armen der Frau Kosches entronnen, in fein armseliges Stübchen trat, sprach er resigniert zu sich selbst: „Das Verhängte muß geschehen. Das Gefürchtete muß nahn." Und so kam der Tag herbei, wo Frau Kosches und Barom auf dem Teppich in der Schul traten, der Rabbiner die Ketuba, die Heiratsurkunde, verlas, und nachdem die Fragen alle nach dem Gesetze gestellt und beantwortet und die Ringe gewechselt ivaren, begaben sie sich mit den Gästen in das Haus der Neuvermählten und aßen und tranken und tanzten, Männer niit Männern und Frauen mit Frauen bis zum Abend. Dann entfernten sich die Gäste, die Fenster wurden für einige Augenblicke geöffnet, um die von Kerzenrauch und Staub erfüllte Lust hinauszulaffen, und Tulpe zündete in allen Oefen ein prächtiges Feuer an. Barom war nach Hause gegangen, um vor: seinem lieben Stübchen Abschied zu nehmen. Abrahamek brachte alle seine Habe auf einem Arm zu Frau Kosches, ein Kind von zehn Fahren hätte sie auch tragen können. Barom selbst hielt seine beiden Bücher, in Papier gepackt, vorsichtig in der Hand. Als er bei seiner Frau eintrat, waren die Fenster wieder geschloffen, eine frische, angenehm durchwärmte Luft erfüllte die Zimmer. Genendel, die noch immer ihr Hochzeitskleid trug, sah ihn erfreut an. „Wo sind denn Deine Bücher, Barom?' fragte sie. „Da sind sie," entgegnete er stolz und legte das Päckchen auf den Tisch. „Was?" — Sie wickelte das Papier auf und musterte die beiden ihr bereits bekannten, zerrissenen, abgegriffenen Bände. - „Du hast nur zwei Bücher und Du bist so ein gebildeter Mensch? Was für ein Kopf, Gott über die Welt, was für ein Kopf!" Sie küßte ihn voll Verehrung auf die Stirn. „Der allein besitzt die Musen, Der sie trägt im warmen Busen", erwiderte Barom mit einem begeisterten Blick. „Gott segne Deinen Eingang", sagte sie hierauf. „Dieses Haus ist jetzt Dein; sei mir willkommen von ganzem Herzen." Sie befahl Tulpe, den Samovar aufzuftellen und zog sich daun zurück, um es sich bequem zu machen. Barom ging indes auf den Fußspitzen hin und her, als fürchte er, jemand zu wecken, der einen sehr leisen Schlaf habe, und betrachtete die Bilder an den Wänden und die Blumen auf den Fenstern. Fhm war so komisch zu Mute, er konnte es nicht fassen, daß er in diesen großen, nach seinen Begriffen reich geschmückten Räumen fortan wohnen sollte, und ebensowenig, daß Genendel ietzt seine Frau war. Er sah sie ganz erstaunt an, als sie jetzt in ihrer Pelzjacke herauskam, eine Haube mit rosa Bändern auf dem Kopfe und Pantoffel an den Füßen. Genendel nahm ruhig auf dem Diwan Platz und betrachtete aufmerksam ihre Nägel. Für sie, die erfahrene, kluge Frau, war jetzt der entscheidende Augenblick gekommen. Barom mußte gleich auf der Schwelle vor Hymens Tempel unter den Pantoffel kommen. Sie überlegte nicht lange, sondern ging gleich energisch auf ihr Ziel los. Tulpe hatte den Samovar auf den Tisch gestellt und sich wieder entfernt. „Soll ich denn ihm einschenken?" dachte sie, „nein, er soll mich bedienen, und er soll gleich lernen, wie er sich hat zu benehmen gegen eine Frau." Sie richtete ihre Haube. „Barom," sprach sie, „nimm zwei Taffen von der Kredenz und den Zucker, der unten in derselben steht, und die Kanne mit Rahm und schenke mir den Tee ein, und wenn Du willst haben Rum, so steht er auch dort, wo die Tassen stehen." Barom ergab sich, ohne nur den geringsten Widerstand zu leisten; er brachte die Tassen, er tat Zucker in dieselben, er schenkte den Tee ein und bediente seine Frau mit dem Rahm. „Du hast vergessen zu geben einen kleinen Löffel", sagte diese. „Verzeih." Er flog nur durch das Zimmer, den Löffel zu holen. Genendel war zufrieden. „Warum soll ich Dir nicht verzeihen?" sagte sie, „bin ich doch die erste Frau, mit der Du mehr beisammen bist und mehr reden tust in Deinem Leben, ich werde Dich schon abrichten, verlaß Dich auf mich." Er tat etwas Rum in seine Tasse und begann beim Tische stehend seinen Tee zu schlürfen. „Gib mir doch einen Polster unter die Füße", befahl Genendel, immer ruhig, immer gemütlich. Barom stellte die Tasse rasch hin, brachte den Polster, schob ihn ihr unter die Füße, und schon hatte sie einen neuen Auftrag für ihn. „Du kannst noch Holz legen in den Ofen." Barom stopfte also zehn Scheite oder mehr in denselben und begann wieder seinen Tee zu schlürfen. Er war gleich in der ersten Viertelstunde ein musterhafter Ehemann. — „Du fragst nicht, Barom," begann Genendel den nächsten Tag beim Frühstück, „ob ich Dir mache ein Hochzeitsgeschenk?" Er wurde feuerrot. „Wie soll ich fragen?" gab er gekränkt zur Antwort. „Kann ich Dir doch nicht eine Stecknadel geben." „Wer spricht von Dir," versetzte sie vergnügt, „aber ich kann es tun." „Ist es nicht genug," rief Barom, „daß ich wohne bei Dir in Deinem Hause? Was sollst Du mir noch Geschenke machen?" „Du bist ein edler Mensch, Barom," sprach Genendel immer vergnügter, „ein Diamant bist Du von einen: Mann, aber wer kann mir verbieten. Dir zu machen eine Freude? Niemand kann es mir verbieten. Du am wenigsten, denn ich habe Dich von Herzen lieb." Sie erhob sich langsam, hieß ihren Mann mit einer energischen Bewegung des Kopfes ihr folgen und rauschte ihm voran durch zwei anstoßende Zimmer. Im dritten blieb sie in der Mitte stehen und stemmte die Arme stolz und zufrieden in die Hüften. „Das ist jetzt Dein Zimmer, Barom," sprach sie, „zum Lesen Deiner Bücher und was Du sonst tun willst, wenn Du bist allein." Barom blieb sprachlos. Der nicht eben große, aber helle, freundliche Raum war so hübsch eingerichtet, wie er es sich niemals zu träumen gewagt hätte. Auf dem von weißen Vorhängen umwallten Fenster prangten Blumenstöcke, Tulpen, Hyazinthen, Levkojen und Reseda, an der langen Wand, der Türe gegenüber, standen zwei Kästen von Nußbaumholz, der eine mit Büchern gefüllt, welche in ihren Einbänden wie Soldaten in glänzenden Uniformen in Reih und Glied paradierten, der andere eine vollständige Ausstattung in neuer:, schönen Kleidern und feine Wäsche enthaltend. Ein Ruhebett, ein Schreibtisch mit den Büsten von Schiller und Goethe, und ein paar Stühle vollendeten die Einrichtung. „Soviel Bücher hast Du, Genendel," murmelte endlich Barom, „urrd hast mir kein Wort davon gesagt."

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