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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-22 · Heft 47 (22.11.1907) · p. Seite 562

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 562 (sequence 10)
Language
German
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562 belustigt, als die, ich möchte sagen, jähe und drollige Enthüllung einer Menschenseele. Einer Menschenseele mit ihrem Guten und mit ihrem Bösen, mit dem Süßen, das in ihr ist nnd all den Bitterkeiten, die in ihr schlummern. Der jüdische Witz offenbart den jüdischen Charakter, dessen Schwächen er zum Gegenstand seines Spottes macht." Wir möchten noch weiter, sogar viel weiter gehen als der Bersasser. Der gute jüdische Witz hat nicht nur nicht Zufälligkeiten der Sprache, ferner auch nicht Zufälligkeiten nur der Situation nnd der Charaktere zur Quelle, sondern er charakterisiert uns Typen, er ist nicht nur ein aufleuchtender und schnell verschwindender Gedankenblitz, sondern er wirkt wie der Scheinwerfer zur Aufhellung früherer oder noch vorhandener Zustände im Judentum. Die jüdischen Witze sind zugleich Charakterschilderungen und Kulturbilder. Ja, wenn man Kleines mit Großem vergleichen darf, sind die guten jüdischen Witze so Schöpfungen der jüdischen Geister, wie gute Dichtungen Schöpfungen wahrer Dichter sind. Sie erzählen von Erlebtem, Erduldetem und Geläutertem und sind von der Seele geschrieben oder gesprochen. Ohne die lange und noch fortdauernde Leidensgeschichte der Juden gäbe es wahrscheinlich auch gute Witze von Juden, wie es gute Witze von anderen Völkern gibt, aber durchaus keine eigentlich „jüdischen Witze". In jedem der acht Kapitel, in die „Das Buch der jüdischen Witze" eingeteilt ist, finden wir Witze, die vollkommene kleine Kulturbilder sind. Oder kann kürzer und witziger die Anhänglichkeit der Juden, die Hand in Hand oft geht mit schwächlicher und betrübender Konzession an die herrschende Religion, geschildert und gegeißelt werden, als in der Erzählung von der getauften Jüdin, die immer gewünscht hat, einen christlichen Schwiegersohn aus einer „bekoweten" jüdischen Familie zu erhalten, oder in dein anderen Getauften der vierzig Jahre nach der Taufe aus alter Gewohnheit am Jom Kipur fastet, oder — doch wir wollen nicht den Lesern den Genuß kürzen, den ihm die Lektüre des Kapitels „Von den Getauften" bereiten wird. Sehen wir uns das Kapitel von dem „Schadchen" an. Der Schadchen ist eine alte jüdrfche Institution, obgleich auch Nichtjuden den Heiratsvermittler sehr gut kennen. Daß er bei den Juden, die zerstreut in kleinen Gemeinden wohnten und noch wohnen und ohne den Schadchen selten Frauen hätten finden oder ihre Töchter verheiraten können, sogar eine Notwendigkeit ist und mehr noch in früheren Zeiten geringeren und schwierigeren Verkehrs war, muß billig zugestanden werden. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß die Ehen bei den Juden etwa häufig nur nach materiellen Gesichtspunkten hätten geschlossen werden müssen. In dem Kapitel von dem Schadchen wird der Leser manches belustigende nnd doch wahr charakterisierende Geschichtchen finden. Als erfahrener Novellist hat der Verfasser das besonders lustige Kapitel „von den Schnorrern" als das letzte der acht Kapitel rangiert, um mit ihm einen effektvollen Abschluß zu erzielen. Da wohl jeder Jude persönliche Erfahrungen mit Schnorrern gemacht hat, wird er sehr gut beurteilen können, wie lebenswahr die in dem letzten Kapitel erzählten Geschichtchen sind. Der jüdische Schnorrer ist ein Produkt der Wohltätigkeit als Gerechtigkeit auffassenden und vorschreibenden jüdischen Religion, der jüdischen Drangsale im Laufe der Jahrhunderte und des guten jüdischen Herzens. Freilich ein oft sehr lästiges und unangenehmes Produkt. Ueber alle ihre Eitelkeiten und Schwächen machen sich die Juden selbst lustig, aber ihr Witz hat Humor, der mit lachendem und weinendem Auge geißelt. Der jüdische Witz entstainint nicht nur dem Kopfe, sondern auch dem Herzen und darum geht er zum Herzen. Hierin liegt auch die Erklärung dafür, daß die Juden, die so gründlich sich selbst zu verspotten lieben, sehr empfindlich sind, wenn andere sie verspotten. Sie wissen, daß dieser Spott nicht wie jener vom Herzen kommt. Es ist wohl überflüssig, noch zu bemerken, daß der Verfasser, wie bereits gesagt, ein sehr beliebter Schriftsteller, der die kleinen Erzählungen schön und gut pointiert vorträgt. Es wird wahrscheinlich jeder Leser in dem Buche aus einen und den anderen alten Bekannten stoßen. Aber gute Witze altern nicht und können darum immer von neuem gelesen, gehört und weiter erzählt werden. L. K. D. Von Frnlter?u Lrnlter. Von Leopold v. Sacher-Masoch. VII. Erau Genendel Kosches war eine kluge Frau, und sie war auch eine erfahrene Frau. Sie war nicht umsonst schon einmal verheiratet gewesen. „Wenn man einen guten Mann haben will," sagte sie zu Tulpe, „muß man ihn sich schon vor der Hochzeit abrichten, und was die Hauptsache ist, am ersten Tage unter dem Pantoffel haben." Sie behandelte Barom ganz nach diesen Grundsätzen. Vor allem beeilte sie die Heirat. „Man muß schmieden das Eisen," sprach sie zu ihrer Vertrauten, „solange es ist heiß, und der Barom ist jetzt heiß." Barom suchte lange einen guten Vorwand, die Hochzeit aufzuschieben; endlich hatte er ihn gefunden. „Wir müssen doch warten," sagte er, „bis ich mir etwas Geld erspare." „Wozu brauchen Sie denn Geld, Barom?" fragte Frau Kosches sehr erstaunt. „Ich kann doch nicht, kommen wie ein Schnorrer in Ihr Haus, ich muß mich etwas ausstaffiereu." Frau Kosches lachte ihn auf die gutmütigste Weise von der Welt aus. „Lassen Sie doch das Geld Ihrer Mutter," sprach sie, „wir werden haben was wir brauchen, und ich werde Sie auch ausstaffiereu." Es blieb nichts übrig, Barom mußte sich ergeben, vollkommen ergeben. Er brachte jetzt jeden Abend bei Frau Kosches zu und las ihr Gedichte vor. Eigentlich mißfiel sie ihm gar nicht so sehr, er konnte ihr nur nicht verzeihen, daß sie nicht sein Ideal war, das Weib, das seinen geliebten Gedichten entsprungen und ihm vom Fenster zu Fenster als die Krone der Schöpfung erschienen war. Zu seinem größten Aerger kam Frau Kosches mehrmals im Tage in das Gewölbe, um dies oder jenes einzukaufen, was sie nicht brauchte, und saß die übrige Zeit am Fenster und warf ihm zärtliche Blicke zu. Einmal erstieg sie sogar seufzend die schmale Treppe und rauschte in sein Stübchen hinein und kam in Gefahr, zwischen den beiden Wänden desselben stecken zu bleiben, übersah mit einem einzigen scharfen Frauenblick sein ganzes armes, beschränktes Leben und trocknete gerührt ihre Augen mit dem spitzenbesetzten Taschentuch. Alle Welt sprach von dieser romantischen Liebe, und so viele Männer auf zehn Meilen in der Runde Heiratskandidaten waren, so viele beneideten Barom mul] um die

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