Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 561 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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561 j. Händen und wurde von diesen durch den Eintritt in den - an der Universität bestehenden „Akademischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur" befriedigt, in welchem die Dozenten der Hochschule öfter Vorträge hielten und zumeist Ehrenmitglieder waren. Erst die Feier von Cassels 70. Geburtstage, bei der die Hörerschaft der „Hochschule" als solche in die Oeffentlichkeit trat, gab den Anstoß zur Gründung eines Vereins der Hörer; in ihm mochten die Geister wohl zuweilen scharf aufeinanderplatzen — das konnte bei der Verschiedenheit der Herkunft, des Bildungsganges und der Lebensformen, vor allem aber bei der bekannten rabies theologica kaum vermieden werden und schadete auch nicht, — er hat aber das Gemeinschaftsbewußtsein der Hörer mächtig angeregt und gestärkt und, um nur eins zu erwähnen, durch Begründung der „Darlehnskasse" sich ein bleibendes Verdienst erworben. Schon damals, es war um das Jahr 1890, versuchten einige Hörer aus den osteuropäischen Ländern die jung-jüdische nationale Bewegung in die Hörerschaft hineinzutragen, sie wurden aber von den älteren deutschen Hörern, in deren Händen die Leitung des Vereins lag. in Schranken gehalten. Im übrigen boten die Vortrüge und Debatten namentlich den jüngeren Hörern mannigfache Anregung und Klärung. Ueber alle Fragen der wissenschaftlichen und praktischen Theologie -durfte gesprochen werden, jedes Mitglied und jeder Standpunkt kam zu Worte, man übte sich im Extemporieren, man gewöhnte sich an die heilsame Zucht der parlamentarischen Geschäftsordnung, und man lernte sich gegenseitig achten und ertragen. Wichtiger als alles andere aber war das Vorhandensein eines Organs zur Vertretung der Hörerschaft und zur Pflege des Gemeingeistes, des Takts, des Ehrgefühls und der Geselligkeit. Die Stiftungsfeste des Vereins waren regelmäßig von den Dozenten, einigen Kuratoren und Freunden der Hochschule sowie von fernerstehenden jüdischen Gelehrten und Schriftstellern besucht und verliefen in Ernst und Scherz recht stimmungsvoll. Von den hierbei gehaltenen Ansprachen sind mir einige noch heute in Erinnerung. So beleuchtete Cassel einmal die Tatsache, daß das Judentum keine eigentliche Mission treibe, durch die Bemerkung: „Wir Juden haben mit alten und neuen Sachen gehandelt, nur nicht mit unserer Ueberzeugung." Ein anderes Mal sprach Steinthal sich über den symbolischen Wert des Tefillin-Legens ans und meinte, der Rabbiner solle den Leuten, die diese Zeremonie mechanisch ausüben, sagen, was er sich bei ihr denke, um sie zur Höhe der religiösen Idee emporzuheben. Lazarus erklärte in einem Trinkspruch auf ben Verein der Hörer den talmudischen Sah: „Entweder Vereinigung oder Tod!" dahin, daß die Meinung eines einzelnen nichts, die der Gesamtheit oder wenigstens der Mehrheit alles bedeute, woran er die Mahnung zum Zusammenhalten und die Warnung vor Zersplitterung knüpfte. Makower, dem ich bei einem Stiftungsfeste den Dank der Hörer für sein nmtiges, wenn auch erfolgloses Eintreten zugunsten der Uebernahme der „Hochschule" auf den Etat der Berliner Gemeinde ausgesprochen hatte, erwiderte den ihm dargebrachten Salamander mit einer Ansprache, in der er die vielseitigen Anforderungen der Gemeinden an die modernen Rabbiner darlegte, während sie sich früher mit der für weitere Kreise unfruchtbaren geistigen Gymnastik des bloßen „Lernens" begnügt hätten, ein Ausspruch, den Joel Müller mit Zustimmung Makowers dahin ergänzte, daß die inodernen Rabbiner „gelernt haben" müssen, wenn sie ihr Amt ersprießlich verwalten sollen. Ich führe diese Aussprüche nur an, um den jetzigen Studierenden der „Hochschule" zu zeigen, daß der Verein der Hörer direkt und indirekt reges geistiges und geselliges Leben geschaffen hat und schon aus diesem erziehlich bedeutsamen Grunde verdient, wieder zu einem Sammelpunkt für alle diejenigen gemacht zu werden, denen die allseitige Förderung des Nachwuchses an der Hochschule Herzenssache ist. Gerade in der Großstadt bedürfen die Studierenden eines solchen Zusammenschlusses, und es kann den Dozenten und Kuratoren nur erwünscht sein, auch außeramtlich mit den Hörern Fühlung zu haben. Die freundliche Verständigung der Hörer untereinander und das gute Einvernehmen und ersprießliche Zusammenwirken der drei Körperschaften der „Hochschule", des Lehrerkollegiums, des Kuratoriums und der Hörer, erscheint mir als die wertvollste Bürgschaft für die künftige gedeihliche Entwicklung der Lehranstalt. Möge es ihr in dem neuerbauten eigenen Heim vergönnt sein, das Wesen und die Bestimmung des Judentums auf dem Wege historischer und philosophischer Forschung immer reiner zu entfalten und ihm warmherzige Verkünder, mutige Verteidiger, trene Diener und begeisternde Lehrer heranzubilden, auf daß es seine weltgeschichtliche Aufgabe erfülle, durch die Macht seiner Gottesidee die Völker zu verbinden und die Nationen zu erleuchten! Iüdilchr Witze. ie jüdischen Witze sind doch die besten, sagt man wohl wenn in einem Kreise über eine Anzahl jüdischer Witze herzlich gelacht worden ist. Und es sagen dies nicht nur Juden, sondern auch Christen, obwohl gerade die besten jüdischen Witze Nichtjuden kaum erzählt werden können. Nicht etwa, weil sie jüdische Mysterien enthalten, sondern weil sie von keinem, der das jüdische Milieu nicht gut kennt, ohne Uebersetzung gewisser Wendungen oder gar Kommentare nicht verstanden werden können. Lange Erklärungen aber nehmen dem Witz die Seele, die bekanntlich die Kürze ist. Und wenn selbst der Witz nicht ganz seine Würze durch die Erklärung verliert, das Aroma büßt er jedenfalls ein. Worin besteht nun die Güte der jüdischen Witze? Denn wir dürfen uns keineswegs einbilden, daß wir das witzigste oder auch nur ein für den Witz besonders veranlagtes Volk sind. Die französischen Witze sind mindestens ebenso geistreich und schon dank der französischen Sprache oft viel feiner. Die Engländer leisten trotz ihrem Ernst sehr viel in guten, die Amerikaner in drastischen Witzen. Auch die Germanen leiden nicht gerade an Mangel an Witz. Dennoch wird allseitig zugestanden, daß die jüdischen Witze die besten seien. Woran liegt das? Vorausgeschickt sei, daß hier unter jüdischen Witzen nicht die billigen, von Juden besonders gern und nicht ohne Geschick gepflegten Wortwitze verstanden werden. „Das kecke und lustige Spiel mit Worten, Silben und Buchstaben" rechnet auch der Verfasser des „Buches der Jüdischeu Witze"*), das zu diesen Ausführungen den Anlaß gibt, M. Nuöl — das ist das Pseudonym eines bekannten humoristischen Schriftstellers — mit vollem Recht nicht dem, was man jüdischen Witz nennt zu. „Was mir als echter „jüdischer Witz" gilt," schreibt er in seinem Geleitwort zn dem Buch der jüdischen Witze, „das hat seine Quelle nicht in den Zufälligkeiten der Sprache, in doppeldeutigen Worten ilnd Redensarten — es quillt vielmehr aus dem jüdischen Denken und Empfinden heraus, und es ist eigentlich nicht so sehr das Witzwort, das un§ überrascht und *) „Das Buch der jüdische» Witze" (Berlin 1607. Gustav Rieekes Buchhandlung Nachfolger).