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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-22 · Heft 47 (22.11.1907) · p. Seite 560

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 560 (sequence 8)
Language
German
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richtung einer Präparandie seitens der Hochschule trat. Joel Müller nahm es mit seinem Lehramte sehr ernst. Er kam stets sorgsam vorbereitet ins Kolleg und brachte zur Erklärung der Mischna aus dem reichen Schatze seiner talmudischen Gelehrsamkeit eine Fülle von Material herbei. Er bemühte sich, uns den spröden Stoff durch allerlei etymologische Bemerkungen interessanter zu machen, im übrigen befolgte er die altüberlieferte Methode des Talmudstudiums, mit der wir uns beim besten Willen nicht recht befreunden konnten. Von historischer und literarischer Kritik hielt er sich fast ängstlich fern. In seiner kindlichen Gläubigkeit hegte und forderte er für die Lehrer des Talmud, und zwar nicht bloß für ihren religiösen Ernst und ihre sittliche Größe, sondern auch für ihre individuell bedingten religionsgesetzlichen Ansichten jenen ehrfürchtigen Respekt, der die vielfach divergierenden Meinungen lieber durch gekünstelte Harmonisierung auszugleichen, als durch die fortschreitende Entwicklung des religiösen Lebens zu erklären sucht. Ein Einleitungskolleg über die historischen Quellen und Grundlagen des Talmud, seine Hermeneutik und Terminologie vermißten wir ebenso wie eine systematische Darstellung des talmudischen Zivil- und Kriminalrechts. Joel Müller setzte dies alles bei uns als bekannt voraus und geriet in gelindes Erstaunen, wenn wir in diesen Anfangsgründen des Talmudstndiunis Lücken zeigten. Schließlich genierten wir uns, ihn nach der Bedeutung der von ihm meist unübersetzt gelassenen Kunstausdrücke zu fragen, halfen uns selbst hindurch, so gut es eben ging, und bemühten uns, die Fülle des von dem anerkannten Meister der Halacha dargebotenen Stoffes in uns zu verarbeiten. In der Pädagogik, der Homiletik und der jüdischen Religionsphilosophie erfreuten wir uns der Führung des Gemeinderabbiners Dr. Frankl, der die zur Ausbildung jüdischer Theologen erforderlichen Eigenschaften in seltenem Maße besaß und zu dem wir wie zu einem Hohepriester aufblickten. Ein geistvoller Prediger, ein gefeierter Lehrer, ein vielseitig und gründlich durchgebildeter Gelehrter, imponierte er uns durch die Gediegenheit und Vornehmheit seiner Persönlichkeit und gewann unsere Herzen durch seine Milde und Sanftmut. Seine Vorlesung über karäische Literatur erschloß uns ein wenig beachtetes Gebiet. In den homiletischen Uebnngen beivies er feinen Takt und sicheres Urteil und wußte in Lob und Tadel Maß zu halten. Mit lebhafter Anteilnahme begleitete er unsere fortschreitende Entwicklung, die er durch Rat und Tat zu fördern bemüht war. Obwohl ich nur drei Semester bei ihm hören konnte — ein allzu früher Tod entriß ihn uns — bewahre ich ihm eine treue, dankbare Erinnerung. Ich werde es nie vergessen, wie er sich trotz schwerer Krankheit immer wieder aufraffte, um seine Vorlesungen zu halten, und wie wir um ihn klagten und trauerten, als seine frische, rüstige Kraft gebrochen war. Bei seinem Heimgange fühlten wir uns verwaist; wir hatten nicht bloß einen trefflichen Lehrer, sondern auch einen väterlichen Freund und Berater verloren, dessen Wirken und Schaffen unserer „Hochschule", der Berliner Gemeinde und der Wissenschaft des Judentums nach menschlichem Ermessen noch auf Jahrzehnte hinaus reichen Segen bringen konnte. Frankls Nachfolger auf denr Lehrstuhl für praktische Theologie wurde sein Kollege im Rabbinat der Berliner Gemeinde May bäum, der sich uns bald als ein vortrefflicher Lehrer der Homiletik erwies. Wie er selbst alle Erscheinungen des öffentlichen Lebens der Gegenwart in den Kreis seiner Kanzelwirksamkeit hineinzog, so hielt er auch uns dazu an, die Ideen des Judentums für die Vertiefung des jüdischreligiösen Lebens fruchtbar zu machen durch ihre Anwendung auf moderne Kulturprobleme. Er warnte uns eindringlich vor dem dozierenden Tone auf der Kanzel, vor Definitionen und Abstraktionen, vor der Verwechselung des Zwecks der Predigt mit dem einer wiffenschaftlichen Abhandlung. „Immepraktisch, immer konkret, immer positiv" — diese seine Grund' forderungen klingen mir noch heute in den Ohren. Sein - Kritik unserer homiletischen Versuche traf stets den Nagel aui den Kopf. Seine Vorlesungen übten auf uns eine starke Anziehungskraft aus und wurden bald der belebende Mittelpunkt unseres Interesses, wozu seine lebendige Persönlichkeit, sei» tatkräftiges Eintreten für unser Fortkommen und sein gast freies Haus nicht wenig beitrugen. Möge er noch recht langseines Amtes ebenso erfolgreich walten wie bisher und der „Hochschule" in immer weiteren Kreisen Freunde, Gönner und Anhänger gewinnen! Nach außen trat die „Hochschule" als solche wenig hervor: sie machte keine öffentliche Propaganda und nahm zu de» religiösen Fragen, welche die deutsche Judenheit bewegten, uwzu den Abwehrkämpfen, die sie gegenüber der damaligen Hoch slut des politischen und wirtschaftlichen Antisemitismus zu führen hatte, keine offizielle Stellung. Nur in den zum Besten de- Stipendien fonds veranstalteten Montagsvorlesungen wurde» die häßlichen Motive der „Berliner Bewegung" von den Kura toren Lazarus und Heinrich Meyer Cohn und den Dozenten Steinthal, Frankl und Cassel gelegentlich enthüllt und burtii den in akademischer Form geführten Nachweis des hohe» Anteils der Juden an der geistigen und sittlichen Kultur der Menschheit widerlegt. Diese Montagsvorlesungen zogen da mals die besten Gesellschaftskreise der Berliner Gemeindmächtig an und übten auf sie eine zur Selbstbesinnung erweckende und zum würdevollen Ertragen der unverdiente» Schmähungen anspornende Wirkung aus. Das durch sie wachgerufene Gott- und Selbstvertrauen ließ viele, die angesichtder Schmach des Jahrhunderts an der Zukunft des Juden : tums schier verzweifelten, wieder auf bessere Zeiten hoffen. Die in weitere Kreise hineingetragene Erkenntnis des bleibenden Wertes der ererbten geistigen Besitztümer, des idealen Gehalt der Bibel und des Talmud, erzeugte jenen charaktervollen Stolz auf die angestammte Religion, der sich nicht bloß i» mutigem Ausharren, sondern auch in opferwilligem Zusammenschluß der tüchtigsten Kräfte für die Neubelebung des religiösen Sinnes der deutschen Judenheit betätigte. Durch die Montags vorlesungen hat die in der „Hochschule" gepflegte Wissenschal j des Judentums Schöpfungen angeregt und Institutionen! befruchtet, ganz abgesehen von der Weihestimmung, die jen - Vorlesungen in dem zahlreich versammelten Publikum aus lösten, und von der aufschlußreichen Belehrung, die sie ihr» über die Schönheit der Bibel und. über die Ethik der jüdischeil Religion boten. Ein geselliger Verkehr zwischen den Dozenten, Kuratoren und Hörern der „Hochschule" fand, als'ich zu studieren anfing nur vereinzelt statt. Einige bevorzugte Hörer wurden wohl hier und da einmal eingeladen; auch erinnere ich mich eine schönen Chanuka- und eines heiteren Purimabends, an dein sämtliche Hörer von Herrn Kurator Georg Meyer bezw. von Herrn und Frau Dr. Frankl festlich bewirtet wurden, sonst aber ist über das gesellige Leben der Hörer aus den vier ersten Jahren meines Studiums wenig zu berichten; abgesehen von kleineren Gruppen einiger gleichaltriger und gleichgesinnterKommilitonen. existierte damals kein kameradschaftlicher Zusammenschlus. kein Organ zur Förderung der gemeinsamen Interessen. Da . Bedürfnis nach gegenseitiger wissenschaftlicher Anregung und studentischer Fröhlichkeit war nur in wenigen Hörern vorf

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