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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-22 · Heft 47 (22.11.1907) · p. Seite 559

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 559 (sequence 7)
Language
German
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frinnmtngm an meine Studienzeit an der Lehranstalt kür die CNillenlchakt des Judentums. ) Von Rabbiner Dr. 8. Bluruenthal. ls ich im Oktober 1884 nach Berlin kam, um an der „Hochschule" Theologie zu studieren, wußte ich von der Beschichte und dem Charakter dieser Anstalt nicht viel mehr als was ihr Name besagte. Von meinem Religionslehrer am Bymnasium in Schneidemühl, mit dem ich den Plan meines lheologischen Studiums besprochen hatte, Rabbiner Salomon Brann s. A., hatte ich erfahren, daß die „Hochschule" im Gegensätze zu dein Berliner und dem Breslauer Rabbineri ntinat eine Art Akademie sei, an der ohne besondere Rücks cht auf die Ausbildung praktischer Theologen für Studierende aller Fakultäten Vorlesungen über die Wissenschaft des Judeninins gehalten wurden. Das war in den Augen meines veru,rten Lehrers ein Fehler, mir aber erschien es als ein Borag, da ich mich nicht von vornherein auf eine bestimmte nieologische Richtung festlegen mochte. Mit hochgespannten Erwartungen betrat ich das Haus Unter den Linden 4a, in welchem die „Hochschule" damals imtergebracht war, aber ich war einigermaßen enttäuscht, als ich in das nicht eben hochschulmäßige Hofgebäude verwiesen i mrde und nach Ueberwindung von drei Wendeltreppen in die Räume gelangte, deren Aussehen und Ausstattung hinter den Vorstellungen, die ich mir von der jüdischen Akademie i lls einer der Universität ähnlichen Einrichtung gebildet hatte, weit zurückblieb. Auch die Studierenden, die sich in diesen Räumen bewegten, schienen mir mit den Studenten, die ich > n der Universität gesehen hatte, in Sprache, Haltung und 1 >e herben wenig gemein zu haben. Es waren zumeist Männer > i reiferen Jahren, Ausländer, die nach langjährigem Besuche Brer heimatlichen Jeschiboth hier ihre talmudischen Studien durch ein Examen zum Abschluß bringen wollten. Ich muß eestehen, daß ich mich unter diesen meinen künftigeil ' vmmilitonen, von denen mir manche späterhin durch ihren i ohen Idealismus und durch ihr tiefgründiges jüdisches düissen großen Respekt einflößten, beim ersten Anblick nicht ' echt heimisch fühlen konnte und daß das augenfällige Mißerhältnis zwischen der Idee einer jüdischen Akademie und hrer äußeren Erscheinung zunächst recht niederbeugend auf mich wirkte. Da erschien der damalige Vorsitzende des Lehrerkollegiums avid Cassel. Die Studierenden begrüßten ihn ehrerbietig und begaben sich in das einzige Auditorium; ich blieb allein uit ihm in dem Vorraum, in welchem meine Immatrikulation tattfinden sollte. Noch heute sehe ich den ehrwürdigen, im i Dienst der Wissenschaft ergrauten, aber durch die Last der fahre nicht gebeugten Mann vor mir, dessen bei der erstmaligen Begegnung etwas rauh erscheinendes Wesen das wahrhaft väterliche Wohlwollen, das er feinen Schülern entijegenbrachte, nicht ahnen ließ. Als ich ihm mein Reifezeugnis orlegte und meine Absicht, Theologie zil studieren, kundgab, glaubte ich ein Lächeln über sein Antlitz huschen zu sehen. Br mochte sich im stillen darüber freuen, einen deutschen Abiturienten, der einige Kenntnis des Pentateuch und der "ebräischen Grammatik besaß, aufnehmen zu könne«, was damals sehr selten vorkam. In seinen exegetischen Vorlesungen zeigte er umfassende Bibelkenntnis und tüchtige philologische Schulung. Seine ruhige *) Gelegentlich der Einweihung des neuerbauten Heims der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" entstanden, werde» ie obigen interessanten Erinnerungen sicher auch jetzt noch einen großen Kreis dankbarer Leser finden. Die Red. Sachlichkeit, sein maßvolles Urteil und sein Lehrgeschick erlveckten Vertrauen zu seiner Führung. Die Bescheidenheit, mit der er bei schwierigen Stellen sein Nichtwissen eingestand, die Besonnenheit, mit der er gewagte Konjekturen der Hörer abwies, die Freundlichkeit, mit der er an ihn gerichtete Fragen beantwortete, berührten sympathisch. Den Vorlesungen über jüdische Geschichte und Literatur legte er sein Lesebuch zugrunde, um sür die Lektüre der Hauptwerke Zeit zu gewinnen. In der Detailforschung bewies er eine erstaunlich sichere Beherrschung des Stoffes und ein so vielseitiges, stets präsentes Wissen, daß er uns wie eine lebendige Realenzyklopädie des Judentums erschien. Er erzählte gern Anekdoten und Episoden aus seinem Leben, und da er mit den bedeutendsten jüdischen Gelehrten seiner Zeit befreundet oder wenigstens persönlich bekannt war, boten seine Erzählungen uns oft intime Einblicke in die Werkstätten des jüdischen Geisteslebens. Unvergeßlich bleiben mir die Freitagabendstunden in seiner Wohnung, in denen er die deutschen Hörer der „Hochschule" zu einem Privatissimum, Pentateuch mit hebräischen Kommentaren, um sich versammelte und in den Gebrauch der wissenschaftlichen Hilfsmittel zum Bibelstudium einführte. Hier erschloß sich uns seine liebenswürdige Persönlichkeit, hier gab er sich völlig ungezwungen und erquickte uns durch seine natürliche Herzensgüte, seine vollendete Gemütsruhe, seinen launigen Witz und seinen köstlichen Humor. Dem Philologen Cassel stand Steinthal anscheinend in scharfem Gegensatz, in Wirklichkeit harmonisch ergänzend zur Seite, eine ehrfurchtgebietende Persönlichkeit, Prophet und Weiser zugleich, der Mann der Ideen und der Ideale. Seine Vorlesung über Ethik machte auf inich einen unauslöschlichen Eindruck, der sich von Stunde zu Stunde, von Semester zn Semester steigerte und vertiefte. Nie wieder habe ich in einem Menschen soviel Geist, Gemüt und Seelenadel vereinigt gesehen. Der kleine Mann mit der hohen Denkerftirn und dem durchgeistigten Gesicht schien, wenn er auf dem Katheder saß' der Erde völlig entrückt zu sein. Er trug oder vielmehr las uns seine aus der Tiefe eines reinen Herzens geschöpften Gedanken über Ethik und Religionsphilosophie langsam, zögernd, ohne Pathos, in kurzen, schlichten Sätzen vor, gleichsam als Bekenntnisse seiner Seele, die durch Anwendung rednerischen Schmuckes nicht entweiht werden sollten; aber wie hob er uns zu sich empor durch die sonnige Klarheit seiner Sprache, durch den hohen Flug seiner Gedanken, durch den tiefen sittlichen Ernst seiner echt deutschen und zugleich wahrhaft jüdischen Persönlichkeit! Als wir ihm anläßlich seiner silbernen Hochzeit durch eine Deputation von drei Hörern gratulierten und ein Geschenk überreichten, brach er in Tränen aus und konnte vor Rührung kaum sprechen, dann aber stellte er uns dem gleichfalls als Gratulant erschienenen Prof. Paulsen mit den Worten vor: „Meine jetzigen Schüler, mein ehemaliger Schüler." Ein einziges Mal habe ich ihn launig sprechen hören, bei denr von uns zur Feier des 70. Geburtstages David Cassels veranstalteten Kommerse. Von Steinthal zu Joel Müller, dem Vertreter der talmudischen Disziplinen, war allerdings ein weiter Abstand; der Gegensatz zwischen dem kühnen Denker, der nur die Autorität der ideeubildenden'Vernunft anerkannte, und dem iir den gewundenen Gängen kasuistischer Dialektik sich bewegenden Lamdan schien unüberbrückbar. Um seinen Vorlesungen folgen zu können, mußten wir Anfänger uns mit Hilfe von ausländischen Bachurim auf sie vorbereiteu, die >vir als Entgelt für ihren Unterricht im Talmud in den Gymnasialfächern unterrichteten, ein recht beschwerlicher und zeitraubender Notbehelf, an dessen Stelle erst später die Ein-

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