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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-11-22 · Heft 47 (22.11.1907) · p. Seite 558

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 47 (22.11.1907)
Date
1907-11-22
Page
Seite 558 (sequence 6)
Language
German
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folge mitten aus arbeitsfrohem Schaffen hinweggerafften Repräsentanten Josef Frankel, Louis Sieskind, Adolf Mayer und Kommerzienrat Julius Martin Friedländer. Ueberblickt man die glänzenden Ergebnisse, welche der Verwaltungsbericht zahlen- und datenmäßig belegt, so kann nur neben dem Dankgefühl gegen die Ehrenbeamten für ihre opferfreudige Aufwendung an Zeit und Mühe der herzliche Wunsch rege werden, daß die stetig fortschreitende und mustergültige Entwicklung unserer Gemeindeverwaltung nicht durch nutzlose Kämpfe aufgehalten werden möge. Der Erfüllung dieses Wunsches kann man um so zuversichtlicher entgegensetzen, als die bevorstehenden Wahlen wohl kaum eine Veränderung in der Zusammensetzung der Repräsentantenversammlung ergeben dürften. Srirk aus Ungarn. Bon Ludwig Schloß. in schon längst gehegter sehnlicher Wunsch der ungarländischen Judenschaft wird demnächst in Erfüllung gehen, nämlich die Errichtung des ersten ungarischen jüdischen Obergymnasiums, und zwar in der Landeshauptstadt Budapest. Unsere Mittelschule will sich selbstverständlich nicht das Ziel stecken, die absolvierten Juden zu vermehren, da die Zahl derer ohnedies bereits sechsmal größer ist, als es dem ungarischen Judentum im Verhältnisse seiner Seelenzahl entspricht. Nicht die Erziehung von geschulten Männern will sich unser Obergymnasium zur Ausgabe machen, sondern die Heranbildung von Männern, die auch gute, rechtschaffene Juden sind. Leider frequentieren auch bei uns tausend und abertausend jüdische Jünglinge die Mittelschulen, die jeder jüdischen Wissenschaft und jedes jüdischen Gefühls bar sind. Warum sollen nicht einige Hundert auch solche sein, denen das Judentum und ihre Geschichte kein „Terra incognita" ist! Es soll der ungarisch-jüdischen Jugend die Möglichkeit geboten werden, ihre Studien in einer Mittelschule zu genießen, in welcher sie mit den Geistesschätzen Israels eingehender bekannt gemacht werden und aus welcher sie das Selbstbewußtsein ins Leben mitnehmen, daß es keine Schande sei, Jude zu sein, und daß es beseligend sein dürfte, einer Religion anzugehören, die die Menschheit, zum Glauben an den einzig ewigen Gott, auch wahre Moral, Liebe und Vernunft lehrte. Die Angelegenheit des jüdischen Obergymnasiums ist schon so weit vorgeschritten, daß sie bloß auf die Erteilung des Oeffentlichkeitsrechtes von seiten des ungarischen Kultus- und Unterrichtsministeriums harrt. Zur Erhaltung des jüdischen Obergymnasiums dienen folgende, durch die Pester israelitische Kultusgemeinde verwaltete Legate: Ritter Anton Freystädler de Kövesgyüri (weiland) deponierte im Jahre 1892 in der ungarischen Staatskasse eine Million Gulden mit der Bedingung, daß das Kapital erst nach 10 Jahren seinen Erben ausgefolgt werde. Von den Zinsen aber soll in Budapest ein vollständiges Obergymnastum errichtet werden. Diese Summe beträgt 1400 000 Kronen. Das Alexander Wahrmannsche Mittelschullegat hat ein Grundkapital von 600000 Kronen, das samt Zinsen 824 000Kronen ausmacht. Das Salomon Taubsche Vermächtnis für ein jüdisches Obergymnafium beträgt 163 400 Kronen. Insgesamt verfügt die Pester israelitische Kultusgemeinde über 2 310 400 Kronen für die Zwecke des jüdischen Obergymnasiums, das den Titel „Ritter Anton Freystädtler de Kövesgyüri israelitisches Obergymnastum" führen wird. — Vor vier Jahren starb in Budapest der auch über die Grenzen unseres Vaterlandes rühmlichst bekannt gewesene Philantrop Ritter Ignaz Wechsel mann, der unter mehreren größeren Legaten der Pester israelitischen Kultusgemeinde zu dem Zwecke 1 400 000 Kronen vermachte, daß sie mit dieser Summe in der Hauptstadt selbst ein jüdisches Blindeninstitut errichte und erhalte. Die Kultusgemeinde erfüllte den Wunsch des hochherzigen Menschenfreundes, und das prächtige, mit größtem Komfort ausgestattete pädagogische Heilinstitut wurde dieser Tage seiner Bestimmung übergeben. Die Hälste der aufgenommenen Schüler sind Juden, die übrigen Christen, und sämtliche Plätze find unentgeltlich. Das Institut führt den Namen „Franz Josef-Blindenschule". Ritter von Wechselmann hat seinen Namen noch auf einer anderen Art in der Geschichte des ungarischen Judentums verewigt. In seinem Testamente gedachte er mit zwei Millionen Kronen der ungarischen Lehrerschaft, aber nicht allein der jüdischen, sondern aller, ohne Unterschied der Konfession. An der ersten Jahreswende des Ablebens des edelherzigen Mannes wurden die Zinsen des hochwichtigen Legats verteilt und 320 Lehrer, in der Hälfte jüdische, die übrigen Christen, bekamen je 200 Kronen, die ihnen lebenslänglich und alljährlich ausgefolgt werden. Aus Dankbarkeit veranstaltet der ungarisch-israelitische Lehrerverein alljährlich im Juli eine Wechselmann-Gedächtnisfeier. — Die ungarisch-literarischen Vereine schickeil sich an, die 40. Jahreswende der ersprießlichen schriftstellerischen Tätigkeit des auch im Auslande wohlbekannten Dichters Josef Kiß dieser Tage in würdiger Weise zu feiern. Josef Kiß galt als der bedeutendste lebende Lyriker Ungarns und hat sich auch mit Uebertragung uiid Bearbeitung altjüdischer Poesie einen klangvollen Namen errungen. Im Jahre 1868 erschien sein erster Band von Gedichten, 1875 las Franz Toldy seine Ballade „Judith Simon" in der Kisfalndy-Gesellschaft vor, und von diesem Augenblicke an ist er bekannt und gewürdigt. Das Sujet seiner meisten Gedichte ist dem jüdischen Volksleben entnommen. „Judith Simon" ist eine arme Sünderin; sie hat ihr erstes, uneheliches Kind umgebracht; der verheirateten Frau bleibt kein Kind am Leben. Sie beichtet ihre Schuld, und eine gräßliche Sühne wird ihr auferlegt: sie darf ihr Kind erst nach dessen Hochzeit küssen. Die unglückliche Mutter will gehorchen; das Kind liegt im Fieber; sie unterdrückt aber das Schluchzen und verweigert dem kranken Kinde den verlangten Kuß. Da jagt ihr Mann sie fort. An dein Tage der Hochzeit sieht sie — eine arme, alte Bettlerin — ihr Kind wieder, jetzt endlich küßt sie, die Unbekannte, die stolze Braut und fällt tot zu ihren Füßen nieder. 1885 gab Kiß seine jüdischen Lieder unter dem Titel „Feiertage" heraus. Im Jahre 1890 gründete er das Wochenblatt „A. Het", dessen verantwortlicher Redakteur er noch heute ist. Das Blatt ist die modernste, kampflustigste Zeitschrift Ungarns. Mit dem einfachen Zauberwort: „Ehre das Talent!" hat Kiß den unerhörten Erfolg erreicht, daß die Geschichte der neuesten ungarischen Literatur die Geschichte seines Wochenblattes ist. In den Spalten des „Het" haben sich die bedeutendsten Belletristen Ungarns vorgestellt. Josef Kiß ist 65 Jahre alt. — Die humanitäre Welt unseres Vaterlandes erlitt mit dem Ableben Jakob Deutschs, Präses des israelitischen Knabenwaisenhauses, dessen Begründer er auch gewesen, einen schweren Verlust. Drei palastartige Gebäude errichtete er für seine Waisen und schuf für sie eine Sommerfrische. —

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