Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 47 (22.11.1907)
- Date
- 1907-11-22
- Page
- Seite 557 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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557 Zeit in ruhigere Bahnen gelenkt worden ist. Der. Raum für die Orgel ist im Bau freigelassen — ob der „horror vacui" nicht eine spätere Generation zur Ausfüllung veranlassen wird? Die wohl schon innerhalb der laufenden Etatsperiode zu errichtende nächste Synagoge wird der äußerste Westen auf dem Terrain Fasanenstraße 78/79, welches für den Preis von 600 000 Mark erworben worden ist, erhalten. Die Erbauung weiterer Synagogen soll dem Bedürfnisse entsprechend Ln Angriff genommen werden. Es ist mehr als wahrscheinlich, daß alsdann, falls nicht wider Erwarten die Wohnverhältnisse sich verschieben sollten, unter den Ortsvierteln nur der Südosten oder die Hansagegend und Moabit für eine siebente Synagoge mit Rücksicht auf die Zahl der dort wohnenden Gemeindemilglieder in Betracht kommen werden. Wenn auch die Zahl unserer Rabbiner wiederunr durch die Wahl des Herrn Dr. Hochfeld aus Düsseldorf vermehrt worden ist. so genügte sie doch noch nicht, nur den Gemeindebeschluß, an den predigtfreien Sabbaten Schristerklärungen in den Synagogen mit neuerem Ritus stattfinden! zu lassen, vollständig durchzusühren. Diese Zahl wird erst recht nicht genügen, wenn man dem mehrfach geäußerten Wunsche wird stattgeben wollen, auch in den orgelfreien Synagogen diesen Brauch einzuführen, der zweifellos den Gotteshäusern einen erhöhten Zuspruch bringt. Die Zahl der Kantoren ist inzwischen auf zwölf vermehrt! worden, so daß nunmehr jeder Gemeindesynagoge zwei Vorbeter ständig zugeteilt werden konnten. Die Vermehrung von gottesdienstlichen Veranstaltungen zu den hohen Festtagen und die dadurch bedingte Ausschaltung der von Privatunternehmern gepachteten unwürdigen Betlokale hat sich die Gemeindeverwaltung sehr angelegen sein lassen. Während im Jahre 1904 bereits elf Säle mit 10 947 Plätzen und 80 491 Mark Kosten zur Verfügung gestellt werden konnten, waren im vorigen Jahre 14 Säle mit 13 358 Plätzen vorhanden, welche einen Kostenaufwand von 106 602 Mark verursachten. Für den Jugendgottesdienst ist in gleichem Maße Sorge getroffen worden, er konnte in neun Sälen mit 3996 Plätzen und einem Kostenaufwand von 20 407 Mark abgehalten werden- Nach Maßgabe ihrer durch die Subventions-Kommission geprüften Etats wurden 17 Religionsvereine mit insgesamt 76830 Mark unterstützt, deren Religionsschulen hinsichtlich der Qualifikation der Lehrkräfte und der pädagogischen Zweckmäßigkeit ihrer Lehrpläne regelmäßig durch die Rabbiner und die Mitglieder des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes beaufsichtigt werden. Betreffs der G em ei n d e s ch ul e n und der zwölf Gemeindereligionsschulen können wir auf unseren Sonderartikel (Nr. 44 d. Bl.) über die Lehranstalten der Berliner jüdischen Gemeinde verweisen, wo an der Hand der Daten und Zahlen die segensreiche Entwicklung derselben ausführlich dargelegt wurde und den Gemeindebehörden das Zeugnis ausgestellt werden konnte, daß sie nicht nur die ihnen unterstellten Schulen auf der Höhe ihrer Leistungen zu erhalten vermocht, sondern auch mit dem gleiches rühmenswerten Eifer für das materielle Wohl der Lehrkräfte Sorge getragen haben. Hinzusügen möchten wir noch an dieser Stelle, daß die Gemeindeverwaltung mit gutem Erfolge bestrebt ist, in den städtischen Schulen sowie den staatlichen höheren Lehranstalten den Religionsunterricht in möglichst umfassendem Maße und von qualifizierten Lehrkräften erteilen zu lassen. Um eine genügend große Zahl geeigneter Lehrkräfte zu schaffen, ist mit ministerieller Genehmigung die Kommission, welcher die Abnahme des Religionslehrerexamens an der Lehrerbildungsanstalt der hiesigen Gemeinde obliegt, mit dem Rechte ausgestattet worden, nach Prüfung auch solchen Lehrpersonen, die dieses Seminar nicht besucht haben, ein Qualifikationsattest als Religionslehrer zu erteilen. Durch einen an die Mädchenschule angeschlossenen Religionskursus für Seminaristinnen, an dem auch Lehrerinnen und Hospitantinnen teilnehmen können, ist für die Heranbildung weiblicher Lehrkräfte die Möglichkeit geschaffen worden. Aus der Reihe der von jeher mustergültigen Wohlfahrtseinrichtungen unserer Gemeinde müssen wir zunächst die Armenkommission hervorheben, deren Pflichtenkreis infolge des dauernden Wachstums der Gemeinde bedauerlicherweise von Jahr zu Jahr größer wird. Leider hat die Verminderung der für den laufenden Verbrauch bestimmten freiwilligen Beiträge und Geschenke zur Folge gehabt, daß die Unterstützungen der Bedürftigen trotz der vermehrten Zuschüsse der Verwaltung in den beiden letzten Jahren der Berichtsperiode geringer geworden find. Während noch 1904/05 4259 Gesuche der Armenkommission und 326 Gesuche des Fonds für verschämte Arme mit insgesamt 176303 Mark bewilligt werden konnten, betrugen die Aufwendungen für 4028 respektive 319 Gesuche nur 174 656 Mark. Zur Bewältigung der umfassenden und mühseligen Tätigkeit haben nicht weniger als 64 Gemeindemitglieder und 7 Ehrendamen ihre Kräfte in den Dienst der Kommission gestellt. Die stattliche Summe von 142959 Mark hat alsdann noch das Kuratorium des Dr. Ephraimschen Nachlasses für Wohlfahrtszwecke verausgaben können. Ueber das Krankenhaus der Gemeinde und dessen Leistungen haben wir ja von Zeit zu Zeit Gelegenheit, ausführlicher zu berichten. Die Zahl der Kranken betrug im Jahre 1906/07 1808 mit 54 832 Verpflegungstagen. Die Kosten hierfür beliefen sich auf rund 260 007 Mark. Trotz der Erhöhung der Pflegesätze, welche dem veränderten Tarife der städtischen Krankenhäuser entsprechen, betrug der Zuschuß zu den Kosten für jedes vollbelegte Bett zirka 1100 Mark jährlich. Hier verdient noch einmal Erwähnung, daß zurzeit die Verhandlungen wegen Ausführung des Neubaues des Krankenhauses schweben, das bekanntlich auf dem etwa elf Morgen umfassenden Terrain an der Exerzier- und Schulstraße zunächst mit 200 Betten errichtet werden soll, dem aber bei Bedarf neue Abteilungen angegliedert werden können. Für die im Jahre 1904 versuchsweise eingerichtete gynäkologische Poliklinik, deren definitive Beibehaltung sich als dringendes Erfordernis herausgestellt hat, ist von der Gemeindeverwaltung anläßlich der Silberhochzeit unseres Kaiserpaares die Summe von 100 000 Mark als Grundstock gespendet worden. Die von einem privaten Komitee aus Anlaß des 200 jährigen Bestehens des Krankenhauses veranstaltete Sammlung hat das erfreuliche Ergebnis gezeitigt, daß diesem Grundstock noch eine halbe Million Mark hinzugefügt werden konnte. Das stetige Wachstum der Gemeinde, deren Bezirk erst im vorigen Jahre, wie bereits oben erwähnt, eine umfangreiche Ausdehnung laut ministerieller Verfügung erfahren hat, muß naturgemäß auch der Friedhofsverwaltung Veranlassung geben, ein genügend großes Terrain für Beerdigungszwecke zur Verfügung zu halten. Diese Vorsorge ist um so notwendiger, als mit den Jahren die Schwierigkeit stetig wächst, in nicht zu weiter Entfernung von Berlin Terrain für Friedhofszwecke zu erhalten. Wenn immerhin auch der Friedhof in Weißensee zum mindesten noch drei Jahrzehnte seiner Bestimmung genügt, so ist doch schon von der Verwaltungskommission verständigerweise beschlossen worden, ein geeignetes Terrain im Westen oder Südwesten der Stadt zu erwerben. Die rührige Verwaltung hat auch seit dem vorigen Jahre die Gärtnerei in eigene Verwaltung übernommen, und das materielle Ergebnis hat nur das Bedauern wachrufen können, daß die Dauer des Kontraktes mit dem früheren Pächter nicht schon längst eine Aenderung ermöglicht hat. Die glänzenden Überschüsse der Gärtnereiverwaltung können wenigstens jetzt die durch die gebührenfreien Beerdigungen bedingten Ausfälle der Friedhossverwaltung verringern. Entsprechend ihrer Bedeutung hat die Gemeindeverwaltung auch im verflossenen Triennium sich wieder in hervorragender Weise an den allgemeinen Bestrebungen der deutschen Judenheit beteiligt. Vor allem hat sie lebhaften und tätigen Anteil an den umfangreichen Arbeiten des Deutsch-Israelitischen Gemeindebuudes genommen und diesem für seine Neugründungen, das Gesamtarchiv der deutschen Juden und das in Beelitz zu errichtende Erziehungshaus für schwachsinnige jüdische Minderjährige, erhebliche Zuschüsse bewilligt. Auch der Durchführung der Ziele des Verbandes der Deutschen Juden wendet die Gemeinde ihr tätiges Interesse und finanzielle Unterstützung zu. Die Linderung der Lage unserer russischen Glaubensbrüder hat sich die Gemeinde ebenfalls sehr angelegen sein lassen und nicht nur einen angemessenen Beitrag zu den Sammlungen für die Opfer der Verfolgungen bewilligt, sondern sich auch mit einer Petition an die Staatsbehörden gewandt. Zum Schluß seines Berichtes erfüllt der Gemeindevorstand die traurige Pflicht, der Heimgegangenen Ehrenbeamten zu gedenken, vor allem seines Kollegen Martin Simon, des verdienstvollen Organisators der Armenkommission, und dann der in jäher Aufeinander-